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Ernährungspolitik statt Agrarpolitik

Die Agrarpolitik muss künftig besser koordiniert werden mit den Bestrebungen der Ernährungs- und Umweltpolitik. Das zeigte das Agrarpolitik-Forum an der BFH-HAFL in Zollikofen.

Sie wollen mitreden: Jelena Filipovic, Mitbegründerin und Vorstand Verein Landwirtschaft mit Zukunft und Isabel Sommer, Projektleiterin Ernährungsparlament. (Roland Wyss-Aerni)
Die Besetzung war symbolträchtig: Am Agrarpolitik-Forum an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenscahften HAFL in Zollikofen standen die Spitzen von gleich drei Bundesämtern auf der Bühne. Christian Hofer, der Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft BLW, Katrin Schneeberger, die Direktorin des Bundesamtes für Umwelt BAFU, und Michael Beer, Vizedirektor des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.
Unter dem Titel «Alle an den Tisch» war es das erklärte Ziel der Veranstaltung, den Blick von der Agrarpolitik auf eine integrale Ernährungs- und Umweltpolitik auszuweiten.
Christian Hofer zeigte auf, dass die Strategie des Bundes «Nachhaltige Entwicklung 2030» eben mehrere Bundesämter involviere und sich an den 17 Sustainable Development Goals der UNO orientiere. Bezogen auf das BLW heisst das: Weniger Treibhausgase, weniger Pflanzenschutz und Nährstoffeinträge, mehr Biodiversität und mehr Tierwohl. Gemeinsam mit den anderen Ämtern wolle man weitere wichtige Ziele erreichen: Die Schweizerinnen sollen sich vermehrt gemäss der Ernährungspyramide ernähren, es soll weniger Food Waste entstehen, die Wertschöpfungsketten sollen insgesamt weniger Treibhausgase emittieren.
Kritik an Subventionen
Katrin Schneeberger betonte vorab, dass die Ernährung für 28 Prozent der weltweiten Gesamtumweltbelastung verantwortlich sei. Das hänge stark von den Produkten selber und von den Ernährungsgewohnheiten ab. Ein hoher Fleischkonsum sei einer der wichtigsten Treiber. Leider sei es auch so, dass der Bund noch 12 Milliarden Franken ausgebe für Subventionen, die schädliche Auswirkungen auf die Biodiversität hätten, nicht nur, aber auch in der Landwirtschaft. Insgesamt sei es deshalb wichtig, in Richtung Kostenwahrheit zu kommen und für die Konsumenten Anreize zu setzen. Eine wichtige Erkenntnis sei, dass eine Ernährung, welche für die Menschen gesund sei, auch umweltfreundlich sei.
Für das BLV steht das Ernährungsverhalten im Mittelpunkt. Die Schweizerinnen und Schweizer würden die Ernährungspyramide zwar kennen, aber sich nicht danach ernähren, sagte Michael Beer. Das bedeute geschätzt über zehn Milliarden Franken an Gesundheitskosten für die Schweizer Volkswirtschaft. Deshalb sei es wichtig, dass die Konsumenten Information über die Lebensmittel erhalten und verstehen könnten, der Nutri-Score sei hier ein gutes Beispiel. Eine neue Studie zeige, dass es für Konsumenten nur wenig teurer sei, sich gesund zu ernähren. Aber es brauche dafür Zeit und Wissen. Geplant ist auch, die Ernährungspyramide um die Dimension Umweltwirkungen zu erweitern.
Die Diskussion zeigte, dass es trotz vermehrter Zusammenarbeit unter den Bundesämtern natürlich auch heikle Themen und Zielkonflikte gibt: Den Zucker etwa, wo das BLV eine Reduktion des Konsums anstrebt, das BLW aber mit Zöllen und Direktzahlungen der einheimischen Zuckerwirtschaft stark unter die Arme greift. BLV-Vizedirektor Beer fand auch, die Förderung von Werbung für Schweizer Fleisch durch den Bund sei nicht unproblematisch, weil so immer auch der Fleischkonsum insgesamt propagiert werde.
Auch die Klimajugend will mitreden
Im Zollikofen wurde die basisdemokratische Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft», vorgestellt, die aus der Klimajugend hervorgegangen ist und sich in die Diskussion ein bringen will. Die Organisation fordert mit ihrer «Vision 2030» einen Umbau der Landwirtschaft in Richtung einer sozialen, bäuerlichen und ökologischen Landwirtschaft.
«Das System ist zu träge»; sagte Mitbegründerin Jelena Filipovic. «vor zwei Wochen ist der neueste Bericht des IPCC erschienen, wir haben noch acht Jahre Zeit, um beim Klimawandel gegenzusteuern.» Im März wurde ein Online-Ernährungsparlament mit über 60 Personen organisiert, der nächste Schritt 2022 soll ein Bürger/innenrat für Ernährungspolitik sein. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden per Los ausgewählt und sollen im Dialog mit Experten Empfehlungen zuhanden der Politik ausarbeiten.