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«Perfekte Müesli für die Kunden»

von wy

«Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Konsumenten und sind schon lange daran, Zucker zu reduzieren.» Peter Odermatt, CEO von Bio-Familia. (Bio-Familia)
Herr Odermatt, im Cerealienmarkt sind grosse Player wie Kellogg, Nestlé oder Mymuesli tätig. Wie kann Bio-Familia sich als vergleichsweise kleiner Akteur da behaupten?
Peter Odermatt: Wir behaupten uns als Schweizer Hersteller. Als Familienunternehmen sind wir am Standort in Sachseln in Obwalden stark verwurzelt und haben viele Mitarbeitende aus der Region. Wir gehören zur Hipp-Gruppe und die Werte, die für die Hipp-Gruppe wichtig sind – etwa Bio und Nachhaltigkeit -, sind auch für uns von Anfang an zentral. Gleichzeitig versuchen wir Trends vorwegzunehmen und die Konsumentenbedürfnisse mit guten Produkten perfekt zu befriedigen.
Welche Ernährungstrends sind für Bio-Familia wichtig?
Ein Trend ist sicher, dass Produkte nicht stark verarbeitet werden sollen: Natürliche Zutaten mit viel Vollkorn und hohem Nahrungsfasergehalt, eine kurze Zutatenliste, keine E-Nummern, kein Palmöl und keine Aromen.
Ein weiterer Trend ist die Senkung des Zuckergehaltes. Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber den Konsumenten wahr und verwenden bei neuen Produkten schon lange sehr wenig oder keinen Zucker. Beim bestehenden Sortiment reduzieren wir seit sechs Jahren kontinuierlich den Zucker und beobachten die Reaktionen am Markt.Vor sechs Jahren haben wir auch die Erklärungvon Mailand unterzeichnet, mit der wir uns gegenüber dem Bund zur freiwilligen Zuckerreduktion verpflichten. Die Ziele in dieser Vereinbarung haben wir per 2020 übertroffen. Aktuell läuft bis 2024 eine weitere Reduktionsrunde.
Die Zuckerreduktion läuft also ohne Probleme?
Nicht ganz. Zucker ist auch ein Bindemittel und hilft, dass die Knusperstückchen im Müesli zusammenhalten und nicht zerbröseln. Bei manchen Produkten mit weniger Zucker nehmen wir kleinere Knusperstückchen in Kauf, bei anderen sorgen wir mit Rezepturoptimierungenfür den Zusammenhalt.
Gibt es weitere wichtige Trends?
Natürliche Proteine sind seit einigen Jahren ein wichtiger Trend, den wir aufgreifen, zum Beispiel mitSoja- oder Erbsenproteinen. Unsere Getreide oder Nüsse, wie Mandeln, enthalten auch Proteine.Die sogenannten Superseeds wie Sonnenblumen- oder Kürbiskerne und Samen wie Sesam, Chia und Leinsamen sind stark im Kommen.
Beim Produkt Müesli sind Rohstoffe zentral. Nach welchen Kriterien beschaffen Sie ihre Rohstoffe?
Wir beziehen insgesamt rund 300 Rohstoffe; viele davon jeweils bei zwei Lieferanten, um nicht von einem Lieferanten abhängig zu sein. Wir haben langjährige und gute Partnerschaften, das ist uns wichtiger als nur ein günstiger Preis. Die meisten Rohstoffe stammen aus Europa. Allein der Hafer macht rund ein Drittel der gesamten Rohstoffmenge aus. Auch er stammt zum grössten Teil aus Europa. Das Getreidemehl, das wir einsetzen, stammt aus der Schweiz. Knapp ein Viertel der eingekauften Rohstoffe sind bio, der Rest ist konventionell.
Wir sind auch Gründungsmitglied der Stiftung Happy Hazelnut. Da geht es darum, dass die Wanderarbeiter, welche in der Türkei die Haselnüsse ernten, fair abgegolten werden, eine Unterkunft haben und dass ihre Kinder in die Schule gehen können. Für jedes Kilogramm, das wir kaufen, gehen ein paar Rappen in die Stiftung, die dann diese Projekte vor Ort unterstützt.
Konsumenten betrachten das Thema Verpackung immer kritischer. Wie gehen Sie damit um?
Unser Credo heisst Material vermeiden, reduzieren, ersetzen, recyclieren oder kompensieren.
Die Verpackungen der familia Produkte sind klimaneutral. Zudem sind wir Mitglied der Initiative Prisma, welche einen Kreislauf für Verpackungen in der Schweiz anstrebt.
Seit diesem Sommer haben wir in unserem Fabrikladen einen Offenverkauf; die Kunden können Geschirr kaufen oder mitbringen und die Müeslizutaten unverpackt kaufen. Wir beliefern auch Detailhändler, die Offenverkauf anbieten.
Ist das wirklich gut für die Ökobilanz oder doch mehr fürs Gewissen?
Heute ist das System noch zu wenig durchdacht und die Menge ist noch zu klein. Es ist eher, um den Kunden ein gutes Gefühl zu geben.
Zu Beginn haben wir Detailhandelspackungen geliefert für den Offenverkauf bei den Detailhändlern, das ist natürlich Augenwischerei. Mit neuen Grosspackungen für den Offenverkauf entstehen aber auch zusätzliche Kosten für uns.Im Bio-Familia Fabrikladen bieten wir im Offenverkauf Müesli aus Überproduktionen, das in grossen Säcken gelagert wird.
Wie wichtig ist für Bio-Familia die Produktion für Eigenmarken von Detailhändlern?
Die ist schon wichtig, der Anteil ist recht hoch, auch im Ausland. Das hat mit den Detailhandelsstrukturen zu tun. Der Weg ins Regal ist oft nur mit Eigenmarken möglich.
Wie hoch ist der Exportanteil?
Rund 44 Prozent. Das hat auch mit unserer Geschichte zu tun. 1959 wurde das erste Produkt hergestellt und schon ein Jahr später exportierte man in fünf Länder. Zum Glück! In der Schweiz ist heute ein Wachstum schwierig.
Welches sind Ihre wichtigsten Märkte?
Wir haben den Fokus auf die USA, Asien und den Mittleren Osten. Die USA waren schon immer wichtig, die Amerikaner sind sehr müesliaffin, da sind wir in vielen Bio- und Spezialitätenläden vertreten. Die Umsätze in Asien sind in den letzten 20 Jahren stark gewachsen, auch der Mittlere Osten, vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate, ist interessant. Und natürlich einige Europäische Länder.
Exportieren aus der Schweiz heraus ist teuer. War ein ausländischer Standort für Bio-Familia auch schon ein Thema?
Das hat man auch schon geprüft, aber bisher nicht realisiert. Natürlich bringt es Nachteile mit sich, im Hochpreisland Schweiz zu produzieren. Wenn wir die Werte wie Qualität, Zuverlässigkeit oder Sicherheit, welche die Schweiz verkörpert, nicht mittransportieren könnten, hätten wir keine Chance. Vielleicht wird die Überlegung, gewisse Sortimentsteile im Ausland zu produzieren, irgendwann mal wieder ein Thema.
Konkurrent Mymüesli hat mit dem Konzept Personalisierung den Markt aufgemischt: Jede und jeder kann sich sein eigenes Müesli zusammenstellen und kaufen. Wie hat Bio-Familia darauf reagiert?
Das Konzept ist sehr gut und wir haben das eng verfolgt. Mymüesli hat lange gut verkauft und uns eine Zeitlang auch Umsatz gekostet. Inzwischen hat sich das wieder normalisiert. Wir hatten auch mal ein Angebot auf dem Tisch, die Firma zu kaufen, die wollten aber ziemlich viel Geld dafür.
Aus meiner Sicht hat die Firma zwei strategische Fehler gemacht: Sie hat Läden eröffnet. Dort konnte man ja nicht eine eigene Mischung zusammenstelle und kaufen. Die meisten Läden mussten inzwischen wieder geschlossen werden. Der zweite Fehler war, in den Detailhandel zu gehen. Auch dort konnten sie nur ein fertiges Müesli ins Regal stellen und machten sich so vergleichbar mit der Konkurrenz. So haben sie ihre geniale Idee der Personalisierung verwässert.
Was hat die Corona-Pandemie für Ihren Betrieb bedeutet?
Sehr viel Zusatzaufwand, hohe Kosten mit dem Umsetzen der Massnahmen, und eine erratische Nachfrage: Im März und April 2020 wurde gehamstert, da haben wir Tag und Nacht produziert. Danach ging es zurück. Auch das Beschaffen der Rohstoffe war teilweise schwierig und die Transporte wurden teurer.
Im Export hatten wir Einbrüche, etwa in Thailand, wo wir stark im Food-Service sind. Auch im Schweizer Food-Service brachen die Umsätze ein; sie sind noch nicht auf dem Vor-Corona-Niveau. Die Umsätze im Detailhandel sind insgesamt gestiegen, konnten aber den Rückgang im Food-Service nicht ganz kompensieren.
Die Situation hat uns aber auch bestärkt. Wir sind überzeugt, dass wir mit unseren nachhaltigen und natürlichen Müesli auch künftig Trends begehen können.