Datum:

Schweizer Ethanol auf der Zielgeraden

Seit 2008 gibt es in der Schweiz keine Ethanolproduktion mehr. Mit hiesigen Zuckerrüben soll nun wieder hier produziertes, hochwertiges Ethanol gefertigt und beispielsweise zu Desinfektionsmittel weiterverarbeitet werden.

von Renate Hodel/lid

Die Schweizer Zuckerrüben sind zukünftig nicht mehr nur Rohstofflieferant für Zucker, sondern auch für Ethanol. (Bild lid/ji)
Auf diesen Herbst hin wollte die Alcosuisse AG gemeinsam mit der Schweizer Zucker AG erstmals und exklusiv wieder Schweizer Ethanol produzieren. Ethanol – als reiner Alkohol – wird seit Jahren für Kosmetika oder Medizin und sogar in der Lebensmittelindustrie eingesetzt. Seit dem Ausbruch der Coronaviruspandemie ist es der Bevölkerung insbesondere als Bestandteil von Desinfektionsmittel bekannt. Die erhöhte Nachfrage nach Desinfektionsmittel hat besonders während der ersten Welle der Pandemie aber auch zu einem Mangel und Versorgungsengpässen an Ethanol geführt. Auf Antrag des Parlaments schlug der Bundesrat deshalb vor, das Ethanol-Pflichtlager, das er erst auf Ende 2018 noch aufgelöst hatte, wieder aufzubauen.
Schweizer Produktion
Weil es aber seit über 20 Jahren keinen Schweizer Hersteller mehr gibt, war und ist die Schweiz beim Ethanol stark vom Ausland abhängig. Die Pharma- und Lebensmittelindustrie sowie die Kosmetika- und Naturheilmittelhersteller produzieren mit importiertem Ethanol. Im Februar dieses Jahres gaben die Alcosuisse AG und die Schweizer Zucker AG bekannt, dass sie ein Verfahren entwickelt hatten, mit dem aus Zuckerrüben der begehrte Alkohol hergestellt werden könne. Ab diesem Herbst sollte am Standort der Schweizer Zuckerfabrik in Aarberg seit Langem wieder Schweizer Ethanol – aus Schweizer Zuckerrüben – produziert werden.
Geduld ist gefragt
In der Zuckerfabrik in Aarberg startet die sogenannte Zuckerrübenkampagne Anfang Oktober. Ethanol wird dann aber noch keines produziert – die Produktionsanlage ist noch nicht fertig. «Wir sind noch dran», bestätigt Florian Krebs, Geschäftsführer der Alcosuisse AG. Die letzten Installationsschritte seien am Laufen, es seien aber noch ein paar kleine technische Probleme aufgetaucht, ergänzt Raphael Wild von der Schweizer Zucker AG. Es handle sich dabei aber um Herausforderungen in normalem Umfang, wie sie bei einem solchen Projekt auftreten könnten. «Das Projekt kommt grundsätzlich planmässig voran, die Inbetriebnahme wurde jedoch wegen diverser laufender Fertigstellungsarbeiten sowie wegen der Koordination mit der Rübenkampagne 2021 aufs neue Jahr gelegt», präzisiert Raphael Wild weiter.
Nachfrage übersteigt Produktion
«Das erste mit dem Namen ‹CH1+› versehene Ethanol aus Aarberger Produktion wird demnach ab Februar oder März erhältlich sein», fügt Florian Krebs an. Es soll dann in Spirituosen, die Pharmaindustrie und nicht zuletzt auch in das wiederaufgenommene Pflichtlager fliessen. Das neue Schweizer Ethanol wird entsprechend in zwei Qualitäten aufbereitet – einmal speziell für den Einsatz im Trinkbereich und einmal als Ausgangsstoff für alle anderen Anwendungen. Mit einer maximalen Produktionskapazität von jährlich rund 700’000 Litern reinen Ethanols wird die Anlage in Aarberg den hiesigen Bedarf an Ethanol aber nur teilweise decken können: Der Gesamtverbrauch in der Schweiz liegt pro Jahr nämlich bei rund 50 Millionen Litern Ethanol – 2020 dürfte diese Zahl sogar noch unvergleichlich höher gelegen haben.
Koppelproduktion ausweiten
Mit der neuen Destillationsanlage erschliessen sich die Alcosuisse AG und die Schweizer Zucker AG also einen Markt mit viel Potential. Für die Schweizer Zucker AG rechnet sich die Herstellung von Ethanol aus Zuckerrüben sogar zweimal: «Beim Produktionsprozess von Zucker bleibt am Schluss Melasse übrig, die immer noch bedeutende Mengen Zucker enthält», erklärt Raphael Wild. Diese Melasse wird in der Folge vergärt und anschliessend erhitzt und daraus wir dann der Alkohol destilliert. Das Brennen respektive Destillieren von Zuckerrübenmelasse ist grundsätzlich auch nichts Neues, bei der Schweizer Zucker AG landete der Grossteil des Nebenproduktes Melasse bisher aber vor allem in der Tierfutterproduktion oder als Substrat on der Hefeproduktion.
Teurer, dafür nachhaltiger
Wird in Aarberg dereinst Schweizer Ethanol hergestellt, dürfte das Schweizer Produkt für die Abnehmer in der Anschaffung aber teurer werden als die importierte Ware. Das wollen die Alcosuisse AG und die Schweizer Zucker AG aber mit einer höheren Qualität ausgleichen. Ausserdem soll das Aarberger Ethanol auch deutlich nachhaltiger produziert werden als die Importware. Primär profitiere die Ethanolherstellung vom Rohstoff Zuckerrübe, erläutert Raphael Wild weiter: «Die Zuckerrüben sind bereits auf Platz und die Melasse wird vor Ort als Zusatzprodukt der Zuckerherstellung produziert – die kurzen Wege und die effiziente Logistik wirken sich dabei vorteilhaft aus.» Dank dem neuen Holzkraftwerk werde die Zuckerfabrik und damit auch die auf dem Gelände der Zuckerfabrik aufgebaute Ethanolanlage zudem mit nachhaltiger Energie versorgt. Und schlussendlich soll der Aufwind des neuen «Swissness»-Bewusstseins helfen: Ethanol hergestellt in der Schweiz für die Schweiz, verspricht neben Nachhaltigkeit auch Regionalität – und das entspricht dem aktuellen Zeitgeist.