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Hoffen auf ein baldiges Pandemie-Ende

Am Kongress der Getränkebranche wurde ausführlich über Corona und die dadurch entstandenen Nöte in der Gastronomie und im Getränkehandel diskutiert.

von wy

«Es braucht einen grossen Schritt in Richtung Normalität.» Matthias Tobler, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Schweizerischen Getränkebranche. (ASG)
«Mister Corona» Daniel Koch und Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer im Gespräch.
Bei vielen Teilnehmern war die Wiedersehensfreude gross, die Stimmung war einigermassen gelöst: Der Kongress der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Getränkebranche ASG vom 13. September in Interlaken war das erste Event seit langem, bei dem sich die Getränkehersteller und -händler wieder leibhaftig begegneten und sich austauschen konnten.
Man sei froh, den Anlass unter den gegebenen Umständen – mit Zertifikatspflicht – durchführen zu können, sagte ASG-Präsident Matthias Tobler. Die Unternehmen der Branche hätten während der Pandemie gelernt, Kundenbindungen auch unter erschwerten Bedingungen zu pflegen, vieles über Video-Calls abzuwickeln und mit der Unsicherheit zu leben. Dass die Herstellerbetriebe vom Bundesrat als systemrelevant eingestuft worden seien, habe ihnen Mut gegeben. Aber: «Der Weg zur Normalität ist noch lang.» Es fehlten noch viele Grossanlässe.
Rainer Deutschmann, Leiter Direktion Sicherheit und Verkehr beim Migros-Genossenschafts-Bund, gab interessante Einblicke in das Krisenmanagement des Detailhändlers. Man sei zwar für eine Pandemie vorbereitet gewesen, Ende Januar 2020 sei dann aber klar geworden, dass es nun Ernst werde, «da wurde es uns im Krisenstab schon mulmig». Die Migros habe auch als einer von ganz wenigen Akteuren Millionen von Masken auf Lager gehabt, man habe sich aber dazu verpflichtet, dass niemand Masken trage, bevor nicht genug Masken für alle am Markt seien.
«Unsere Standardprozesse haben funktioniert, wir haben sie trotzdem angepasst», sagte Deutschmann. Normalerweise liefere man, was von den Filialen verlangt und verkauft werde. Nun habe man ein Push-and-Pull-Prinzip eingeführt. So habe man etwa am Anfang des Lockdowns 300 Paletten Reis in die Läden «gepusht», ohne dass sie bestellt worden sei, weil man sah, dass der Bedarf da war. Die Gestelle wurden teilweise drei Mal pro Tag neu befüllt. «Wir haben uns schon gefragt, wo all die Hörnli und das ganze WC-Papier hingehen.» Die Konsumenten hätten aber bald gemerkt, dass die Ware vorhanden sei, und es sei dann auch weniger gehamstert worden.
Die Migros-Schutzkonzepte an allen Standorten seien rigoros und immer etwas strenger als nötig, sagte Deutschmann. Das habe auch damit zu tun, dass beispielsweise ein Ausfall eines Migros-Schlachtbetriebes gewaltige Folgen für den Fleischmarkt hätten. «Wir wollten Tönnies-Fehler unbedingt vermeiden.»
Die Corona-Krise sei auch eine Logistik-Krise, betonte Deutschmann. Diese habe begonnen, als die Waren nicht mehr aus China ausgeschifft wurden und habe sich mit der Blockierung des Suez-Kanals fortgesetzt. Man werde auch zu Weihnachten noch nicht alle Waren im Gestell haben, prognostizierte Deutschmann.
Zertifikatspflicht als Streitpunkt
Covid-19 selber hatte einen prominenten Platz im Kongress-Programm. Daniel Koch, bis Mai 2020 als BAG-Kadermann und «Mister Corona» in der Verantwortung, redete Klartext: «Meine Damen und Herren, diese Krankheit ist gefährlich. Sie tötet Menschen.» Einen Votanten, der fand, die Gefährlichkeit werde aufgebauscht, stellte er in den Senkel. «Die Übersterblichkeit im Jahr 2020 ist sehr klar. Und Corona als Ursache ist sehr klar.» Am stärksten gefährdet und am häufigsten im Spital seien derzeit über 40-Jährige, die ungeimpft seien. Die Empfehlung sei deshalb klar: «Lassen Sie sich impfen!»
Casimir Platzer, während der Corona-Krise als Gastrosuisse-Präsident und als scharfer Kritiker des Bundesrates bekannt geworden, fand: «Die Gastronomie ist auch systemrelevant.» Man sei im Schicksal eng verbunden mit der Getränkewirtschaft. Für viele Menschen sei der Gang in ein Restaurant sehr alltäglich, deshalb sei es unverhältnismässig, dass der Bundesrat die Zertifikatspflicht eingeführt habe. «Wir müssen den Kopf hinhalten für Versäumnisse des Bundesrates.»
Peter Grünenfelder, Direktor des Think Tanks Avenir Suisse, unterstützte Platzer auf dem Podium und fand, die Behörden hätten in der Krise gesundheitliche Aspekte zu stark und wirtschaftliche zu wenig stark gewichtet. An Corona seien nur 0,057 Prozent der Weltpopulation gestorben, bei der Spanischen Grippe und bei AIDS seien die Zahlen viel höher gewesen. «Es wird weltweit Geld ausgegeben wie in einem Kriegszustand.» Daniel Koch entgegnete, dass die westliche Welt sich die Massnahmen gegen Covid-19 problemlos leisten könne und dass die Todeszahlen ohne diese Massnahmen natürlich sehr viel höher wären.
Koch fand auch, dass die ausgeweitete Zertifikatspflicht natürlich ein sanfter Druck sei, dass mehr Menschen sich impfen liessen, die Massnahme sei sinnvoll und sicher besser umsetzbar als ein erneuter Lockdown.
ASG-Präsident Matthias Tobler, Geschäftsführer beim Weinhändler Scherer & Bühler, illustrierte die eigenen Nöte. Es stehe bereits die Ernte 2021 vor der Türe, der Weinhandel sei darauf angewiesen, dass sich die Verhältnisse in der Gastronomie normalisierten und dass wieder Wein getrunken werde.
Weniger Bier, mehr Süssgetränke
In Interlaken wurden auch die Entwicklungen in den verschiedenen Getränkesektoren im schwierigen Jahr 2020 vorgestellt. Beim Bier schrumpfte der gesamte Markt um 4,3 Prozent auf 4,530 Millionen Hektoliter. Die Inlandproduktion sank um 8 Prozent, der Import stieg um 6 Prozent. Der Verkauf von alkoholfreiem Bier nahm um 15,5 Prozent zu. Der Pro-Kopf-Konsum erreichte mit 52 Litern im Corona-Jahr ein neues Rekordtief. Der Anteil der Verkäufe im Detailhandel, der 2018 noch bei 61 Prozent lag, erhöhte sich auf 73 Prozent.
Beim Mineralwasser stieg der Gesamtkonsum um knapp ein Prozent auf 939,8 Millionen Liter an, der Pro-Kopf-Konsum stagnierte bei 108 Litern. Bei den Erfrischungsgetränken stieg der Konsum um gut 3 Prozent auf 586,8 Millionen Liter, der Pro-Kopf-Konsum stieg von 66 auf 67 Liter.
Auch Wein wurde 2020 weniger getrunken, die Menge sank um 5,9 Prozent auf 2,391 Millionen Hektoliter. International liegt die Schweiz mit einem Pro-Kopf-Konsum von 34,1 Liter aber immer noch an vierter Stelle, hinter Portugal, Italien und Frankreich. Die Traubenernte in der Schweiz sank um 14,8 Prozent auf 834235 Hektoliter, die Importe stiegen um 2,5 Prozent auf 1,829 Mio. Hektoliter an. Die Exporte hingegen sanken um 24 Prozent auf 5991 Hektoliter.
Im Spirituosen-Sektor wird historisch bedingt vor allem die Produktion erhoben und in Hektoliter reinen Alkohols gemessen. Die Gesamtproduktion an Kernobstbränden, Spezialitätenbränden, Spezialitäten aus ausländischen Rohstoffen und Spirituosen mit Ethanol wie Liköre, Bitter oder Absinthe sank im 2020 um mehr als ein Fünftel auf 22658 Hektoliter. Importiert wurden hingegen ganze 325773 Hektoliter.