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Schweiz-EU-Diskurs mit positiven Bildern besetzen

Viele Bereiche der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft sind auf gute Beziehungen mit der Europäischen Union angewiesen, das wurde am Herbstanlass der IG Agrarstandort Schweiz (IGAS) deutlich.

von Renate Hodel/lid

Die IG Agrarstandort Schweiz will verstärkt Dialogarbeit zu Europa leisten und verhindern, dass die Schweiz zur Insel wird. (Symbolbild lid/ji)
Zwischen der Schweiz und der EU herrscht aktuell etwas Eiszeit. Mit dem Institutionellen Abkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union hätten die vielfältigen Beziehungen zur Europäischen Union erneuert und in das 21. Jahrhundert geführt werden sollen. Im Mai wurden die Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU abgebrochen – wie es weitergeht bleibt offen. Die Enttäuschung darüber war bei den Anwesenden des IGAS-Herbstanlasses zu spüren – viele Player in der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft machen sich Sorgen.
Gleichzeitig gehe es bei dieser negativen Betrachtung des Verhandlungsabbruchs nur um die rechtlichen Aspekte. Die Beziehung der Schweiz zur Europäischen Union und umgekehrt habe viel mehr zu bieten: Sie fördere Spitzenforschung und Prosperität auf beiden Seiten, die Zusammenarbeit schaffe innere Sicherheit und sorge für sichere Lebensmittel und sie sei eminent wichtig in Krisenzeiten, waren die Voten. Denn ohne Kontakt zum Ausland sei die Schweiz nur eine Insel in Europa. Es gehe für die Zukunft auch darum, die bestehende Vernetzung mit der EU möglichst gut zu nutzen und den Schweiz-EU-Diskurs besonders in der Landwirtschaft weniger kritisch zu beäugen und mit positiven Bildern zu besetzen.
Positive Bilder
Ein gutes Beispiel dafür sei der Käsemarkt. Seit 14 Jahren ist der Käsemarkt vollständig liberalisiert und es gilt Käsefreihandel mit der EU. Die Zahlen zeigten, dass in diesen 14 Jahren rund 30 Prozent mehr Schweizer Käse exportiert worden seien. Obwohl die Schweiz rein währungsbedingt 36 Prozent teurer geworden sei. Umgekehrt habe aber auch der Import von Käse unglaublich stark zugenommen – um 93 Prozent. Und wenn zwar 17’000 Tonnen mehr Käse exportiert worden seien, im Gegenzug aber auch 28’000 Tonnen mehr Exportkäse in die Schweiz gelangt seien, sei die Mengenbilanz entsprechend nicht so gut und die Schweiz gelte in dieser Erzählperspektive als Verliererin.
2020 habe die Schweiz aber immer noch mehr als 200 Millionen Schweizer Franken mehr Käse exportiert als importiert – wertmässig stimme also die Rechnung. Und dort wo die Schweiz tatsächlich verloren habe, sei es sowieso zu erwarten gewesen: Bei generischen Produkten, wo die Herkunft Schweiz keine Rolle spiele, hiess es an der Veranstaltung. Der Käsehandel sei für die Schweizer Produzentinnen und Produzenten entsprechend essentiell – die Milch- und Käsewirtschaft zeige, wie wichtig diese Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union seien: Jeder fünfte Liter Milch werde in Form von Käse ins Ausland exportiert und davon Dreiviertel in die EU. Die Schweiz sei grundsätzlich fest in das europäische Netzwerk für Lebensmittelsicherheit eingebunden und alle aus der Schweiz exportierten und in die Schweiz importierten Produkte müssten den Weg über die EU nehmen.
Neuer Anlauf
Die Schweiz dürfe zu Recht stolz sein auf die Wertschöpfung, die sie im Ausland generiere. Die Schweiz sei für Qualitätsprodukte bekannt, für Spitzenforschung und für gute Dienstleistung. Das Beispiel Käse zeige exemplarisch, dass die Schweiz immer noch gute Wertschöpfung generiere – zwar nicht mehr so viel, aber dafür mit guten Gewinnen. Diese positive Erzählung müsse man zukünftig in den Vordergrund stellen. Es sei völlig irrelevant, dass beispielsweise die Schweizer Landwirtschaft daran festhalte, dass sie von Produkt X 60 Prozent des Marktanteils in Kilogramm halten wolle. Relevant sei, dass eben mit einem guten Produkt eine gute Marge und damit ein gutes Einkommen erzielt werde. Das solle entsprechend auch die Diskussion sein, die die Schweiz in Bezug auf die EU führen und in den Vordergrund stellen müsse.
Es brauche nun eine Abkühlphase und dann müssten sich die Schweiz und die EU wieder darauf besinnen, wo sie gemeinsame Interessen hätten. Davon gebe es schliesslich genug: Handel, Forschung, innere Sicherheit, Finanzen, Ernährung und Gesundheit, Umwelt, Verkehr und Energie – überall spiele die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union eine Rolle. Nach dem die Verhandlungen im Mai abgebrochen wurden, müsse die Zusammenarbeit nun aber eben wieder neu oder anders gedacht werden.