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Die Müller befürchten Engpässe

Die schlechte Getreideernte stellt die Schweizer Müller vor Probleme. Erfolge gibt es im Kampf gegen die wachsenden Importe von Brot und Backwaren, wie sich am Müllertag zeigte.

von mos

Führten durch die Delegiertenversammlung des DSM: Präsident Thomas Helbling (l.) und Lorenz Hirt. (mos)
Die diesjährige Getreideernte war schlecht, die Qualität schwach (foodaktuell berichtete). Die Schweizer Müller haben Mühe, genügend Getreide zu bekommen. Wie die Branche ihren Bedarf bis zur nächsten Ernte decken will, rechnete Lorenz Hirt, Geschäftsführer des Dachverbandes Schweizerischer Müller (DMS), an der DSM-Delegiertenversammlung vom 12. November in Aarau vor. Die Kurzfassung: Trotz Importen und dem Leerräumen der Lager könnte es am Ende des Getreidejahres, das von Juli 2021 bis Juni 2022 dauert, knapp werden.
Es fehlen 90’000 Tonnen
70’000 Tonnen Brotgetreide können jedes Jahr im Rahmen des Zollkontingents Nr. 27 importiert werden. In den letzten zwei Jahren haben die Schweizer Müller wegen den guten Ernten jeweils nur knapp die Hälfte der zulässigen Menge importiert. Jetzt sieht die Lage ganz anders aus. Allein in der zweiten Jahreshälfte 2021 sind laut den Berechnungen des Müllerverbands Importe von 40’000 Tonnen nötig, hinzu kommen weitere 10’000 Tonnen als Restanz aus der ersten Jahreshälfte.
Auch 2022 werde man das Importkontingent «vollständig und früh» aufbrauchen, sagte Lorenz Hirt. Der DSM hat den Antrag gestellt, bereits im ersten Halbjahr 60’000 der 70’000 Tonnen importieren zu dürfen. «Trotzdem fehlen uns bis am 1. Juli 2022 rund 30’000 Tonnen Getreide», bilanzierte Hirt. Bis dann die Getreideernte 2022 eingefahren sei, brauche es zur Überbrückung noch einmal geschätzte 60’000 Tonnen.
Unter dem Strich fehlen also insgesamt 90’000 Tonnen Brotgetreide. Die Lager in der Schweiz dürften laut der Branchenorganisation Swissgranum «knapp reichen», um diesen Bedarf zu decken, sagte Hirt. «Kommt die Ernte 2022 spät, wird es aber ungemütlich.» Gerne hätten die Müller deshalb beim Bund einen Antrag gestellt, das Importkontingent um 30’000 Tonnen zu erhöhen. Damit sei man aber bei Swissgranum abgeblitzt, sagte Hirt.
Höhere Preise früh kommuniziert
Die Rohstoffe sind knapp, die Preise steigen; die Mehlausbeute ist kleiner als sonst, und um die gewünschte Qualität hinzubekommen, muss Hochproteinweizen und Gluten zugegeben werden. Zusammen mit den generell gestiegenen Kosten für Transport und Energie führt das laut DSM für die Mühlen zu höheren Kosten von 10 bis 12 Prozent (foodaktuell berichtete). Die Müller hätten «wohlweislich» schon früh kommuniziert, dass Mehl und Backwaren deswegen teurer würden, sagte dazu DSM-Präsident Thomas Helbling. «Wir schenken der Öffentlichkeit lieber selber reinen Wein ein, als dass andere uns vor sich hertreiben. Schade, dass andere gewichtige Player im Markt es unterlassen haben, auch zu kommunizieren.»
Herkunft auch im Offenverkauf deklarieren
Dass die Importe von Brot und Backwaren seit Jahren stark ansteigen, ist der Branche schon lange ein Dorn im Auge. Im Kampf dagegen konnte sie dieses Jahr zwei wichtige Erfolge verbuchen, wie Lorenz Hirt sagte. Am 3. März haben die Eidgenössischen Räte dem Bundesrat den Auftrag gegeben, die Angabe des Produktionslandes von Brot auch im Offenverkauf gesetzlich zu verankern.
Die entsprechende Motion hatten die Müller zusammen mit ihren Partnerverbänden auf den Weg gebracht, nachdem verschiedene Politiker «gut gemeinte, aber weniger gut formulierte Vorstösse» zum Thema eingereicht hätten, wie Hirt sagte. Die neuen Deklarationsvorschriften könnten schon 2024 in Kraft treten.
Der zweite Lichtblick ist die im August lancierte Marke «Schweizer Brot». 220 Bäckereien verwenden das Label bereits und deklarieren damit, dass ihr Brot zu 100 Prozent in der Schweiz hergestellt wird, mit Zutaten, die zu mindestens 80 Prozente aus der Schweiz kommen. «Wir hoffen, dass sich diese freiwillige Auslobung weiter durchsetzen wird», sagte Hirt.
Neue Wertschätzung dank Corona
Wirtschaftlich betrachtet habe die Schweizer Mühlenwirtschaft die Corona-Krise bisher gut überstanden, bilanzierte Müllerverbandspräsident Thomas Helbling in seiner Rede. Die Pandemie habe der Branche und ihren Produkten sogar zu mehr Wertschätzung verholfen: «Mehl wurde wieder als das gesehen, was es ist: ein wertvolles Grundnahrungsmittel.» Damit hätten auch die Müllereibetriebe bei den Konsumentinnen und Konsumenten eine ungleich höhere Aufmerksamkeit als vor der Pandemie erhalten. «Das Artisanale, Lokale, Urtümliche, für das gerade auch die Müllerbranche und ihre Erzeugnisse stehen, erfuhr durch diese unerwartete Krise in der Schweiz eine seit langem nicht mehr da gewesene Wertschätzung – und das ist gut so», sagte Helbling.
Zwei neue Mitglieder im Vorstand
Marc Müller und Willi Grüninger sind aus dem Vorstand des DSM zurückgetreten. Als Ersatz wählten die Delegierten einstimmig Alain Raymond und Christoph Grüninger in den Vorstand. Sie bestimmten ausserdem Jürg Reinhard von der  Mühlengenossenschaft Bern als neuen Suppleanten. Die bisherigen Vorstandsmitglieder Thomas Helbling (Präsident), Diego Della Cà, Peter Grossenbacher, Dominic Meyerhans, Romeo Sciaranetti, Martin Stern und Guido Wicki wurden für vier weitere Jahre im Amt bestätigt. Ebenso die drei Suppleanten Laurent Bapst, Urs Brunner und David Stricker. Die Delegierten genehmigten auch alle anderen statutarischen Geschäfte.