Datum: Branche:

Ein Dämpfer für den Gruyère

Mächtige wirtschaftliche Interessen und eine komplett andere Denkweise stehen dem Schutz des Gruyère AOP in den USA entgegen. Trotzdem will die Interprofession du Gruyère gegen den neuesten Gerichtsentscheid Rekurs einlegen.

von wy

Neben dem Original Gruyère AOP... (Fromagerie des Franches-Montagnes)
...gibt es Kopien aus den USA... (Boar's Head)
...und aus Finnland. (Valio)
Gruyere darf in den USA auch ein Käse heissen, der nicht aus der Schweiz stammt, sondern aus anderen Ländern oder aus der USA selber. Denn «Gruyere», so befand ein Bundesgericht in den USA, sei ein generischer Begriff, die amerikanischen Konsumenten verstünden darunter einen gewissen Typ von Käse, aber keinen Käse mit einer bestimmten geografischen Herkunft.
Hintergrund des Gerichtsentscheides ist der Antrag der Interprofession du Gruyère und des französischen Syndicat Interprofessionel du Gruyère von 2015, in den USA die Bezeichnung «Gruyere» für Gruyère zu reservieren, der in der Schweiz oder in Frankreich hergestellt wird. Die US-Käsewirtschaft opponierte dagegen und bekam Mitte Dezember vor Gericht nun recht.
«Wir wussten, dass es schwierig wird», kommentiert Philippe Bardet, Direktor der Interprofession den Entscheid. Über die Argumentation, dass Gruyère aus verschiedenen Herkünften inzwischen in den USA so stark verbreitet sei, dass er als generisch gelte, sei er aber schon erstaunt. «Es gibt ein paar wenige Anbieter von Gruyère-Kopien, aber häufig ist Gruyère in amerikanischen Läden ein Original Gruyère AOP aus der Schweiz.»
Gute Zahlen, aber ein Kampf um den Namen
Der Gruyère AOP und die USA, das ist eine zwiespältige Geschichte. Einerseits: Ein Erfolg. Seit 2000 sind die Exporte von Gruyère AOP in die USA stark angestiegen, von 2000 auf rund 4000 Tonnen im letzten Jahr. Heute sind die USA der wichtigste Exportmarkt, vor Deutschland und Frankreich. Exportiert wird der Gruyère vor allem von Emmi und der Migros-Tochter Mifroma.
Andererseits ist es ein steter Kampf gegen Kopien. Die US-Firma Roth in Wisconsin begann schon 1987 damit, einen «Gruyere» zu produzieren, der entfernt an das Original erinnerte, der aber vor allem natürlich von dessen klangvollem Namen profitierte. Roth wurde 2010 von Emmi übernommen und wollte 2012 die Produktion des «Grand Cru Gruyere» noch ausdehnen. «alimenta» deckte dies auf («Gruyère-Kopie für die Amerikaner» in Ausgabe 4/2012), der öffentliche Aufschrei in der Schweiz war gross, und unter dem politischen Druck gab Emmi schliesslich nach: Mit der Interprofession du Gruyère vereinbarte das Unternehmen, dass Emmi Roth keinen Käse mehr unter der Bezeichnung «Gruyère» produziert – der Käse hiess von nun an «Grand Cru». Emmi Roth verpflichtete sich auch, den Wiederverkäufern, die Roth-Käse unter eigenen Marken verkauften, nahezulegen, diesen nicht «Gruyere» zu nennen – aber verboten war es nicht. Kaderleute von Emmi Roth äusserten in Briefen an ihre Händler auch Verständnis dafür, dass diese die Bezeichnung «Gruyere» nach wie vor verwenden wollten, wie aus dem 32-seitigen Gerichtsurteil hervorgeht.
Emmi: Man hält sich an die Regeln
Bei Emmi heisst es, man habe als grösster Exporteur von «Le Gruyère AOP» von der Schweiz in die USA ein unmittelbares Interesse an dessen Markenschutz. Emmi produziere keinen Käse in den USA unter der Bezeichnung «Gruyere» und vertrete auch eine klare Haltung bezüglich Auftragsproduktion von Käse in den USA, schreibt Emmi-Kommunikationschef Markus Abt. «Während die Verantwortung für die Vermarktung und Auslobung solcher Produkte unseren Handelskunden obliegt und sich nach US-Recht richtet, weisen wir unsere Kunden jeweils explizit auf das Risiko hin, dass der Zusatz «Gruyere» bei in den USA hergestelltem Käse den Vorschriften der Sortenorganisation «Gruyère» widerspricht.» Seit 2013 verzichte man bei den von Emmi lokal in den USA hergestellten und vermarkteten artverwandten Grand Cru-Käsen und bei allen von der US-Tochtergesellschaft Emmi Roth kontrollierten Marken auf den Zusatz «Gruyere».
Die IPG hatte bereits 2010 beim US-Patentamt USPTO versucht, für den Begriff «Le Gruyère» eine Markeneintragung zu erhalten und war damit gescheitert. 2013 gelang es immerhin, in den USA den bekannten Schriftzug «Le Gruyère Switzerland» als Bildmarke zu schützen. Das Grundproblem, dass ein Gruyère in den USA alles Mögliche an Käse sein kann, war damit nicht gelöst. Deshalb ging die IPG gemeinsam mit der französischen Syndicat Interprofessionel im Jahr 2015 gegen den Entscheid des USPTO vor Gericht. Das gemeinsame – und erfolgversprechendere – Vorgehen war möglich, nachdem die Schweiz und die EU sich 2011 auf eine gegenseitige Anerkennung von Gruyère aus der Schweiz und Gruyère de France geeinigt hatten.
Das Anliegen hatte mächtige Gegner: Die Exportorganisation US Dairy Export Council, das Consortium for Common Food Names und die National Milk Producers Federation waren strikt dagegen. Sie verstehen das europäische Bestreben, traditionelle Lebensmittelbezeichnungen zu schützen, als «aggressive und räuberische Bemühungen, Namen zu konfiszieren, die schon seit Jahrzehnten frei verwendbar sind», wie der US Dairy Export Council in einer Mitteilung zum Gerichtsentscheid schrieb.
Spät dran mit dem Schutz
Das Gericht schreibt im Urteil denn auch, die Schweizer und die Franzosen hätten es verpasst, «Gruyere» im Ausland wirksam zu schützen. Seit Jahrzehnten werde «Gruyere» in den USA verkauft, der aus den USA selber stamme, aber auch «Gruyere» aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Österreich, Italien, Irland, Belgien, Tschechien, Ägypten oder Tunesien. Damit sei der Begriff generisch geworden, ein Markenschutz somit unmöglich.
Bardet hingegen stellt sich auf den Standpunkt, dass amerikanische Konsumenten unter dem Namen «Gruyère» durchaus einen hochqualitativen Käse aus Rohmilch erwarteten und deshalb von gleichnamigen Kopien getäuscht würden. Einige Händler, die man brieflich über die potenzielle Kundentäuschung hingewiesen habe, hätten ihre Bezeichnungen denn auch geändert.
Andere liessen sich nicht davon beeindrucken. Im Käsesortiment von Boar’s Head, einem amerikanischen Delikatessen-Lieferanten, finden sich unter den 57 Sorten ein «Blanc Grue Gruyere Cheese» aus Wisconsin, ein «Hickory Smoked Pasteurized Process Gruyere Cheese» aus Deutschland und ein «Naturally Hickory Smoked Gruyère Cheese» ohne Herkunftsangabe, dafür mit der Kennzeichnung «glutenfrei» und «ohne Karamellfarbstoffe».
IPG-Direktor Bardet will weiterhin versuchen, solches in Zukunft zu verhindern. Man habe bereits Rekurs eingereicht, sagt er. Für die Nachreichung der Argumentation habe man nun noch etwas Zeit.