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Noch kein grosses Krabbeln

Sie gelten als Nahrungsmittel und Proteinquelle der Zukunft: Insekten. Hierzulande konnten sich Heuschrecken, Mehlwürmer und Grillen bislang aber weder als Tierfutter noch als Lebensmittel durchsetzen.

von Renate Hodel/lid

Mehlwürmer sind eine gute Proteinquelle. In der gängigen kulturellen Wahrnehmung Europas gehören Insekten allerdings (noch) nicht auf den Teller. (Pixabay)
In der Schweiz sind Insekten für die Futterproduktion für Haus- und Heimtiere wie beispielsweise Reptilien bereits seit längerer Zeit erlaubt und auch die Produktion von Insekten für die Verwendung als Lebensmittel für den Menschen ist seit knapp fünf Jahren erlaubt: Seit Mai 2017 sind Grillen, europäische Wanderheuschrecken und Mehlwürmer für die Nahrungsmittelproduktion zugelassen. Die Produktion von Insekten zur Verwendung als Futtermittel für Nutztiere hingegen ist bislang nur sehr beschränkt möglich. 2018 wurde mit der Revision der Verordnung über die Entsorgung von tierischen Nebenprodukten zwar die Verfütterung von Insektenproteinen an Fische ermöglicht und seither dürfen insgesamt sieben Insektenarten an Zuchtfische verfüttert werden – für die Fütterung von Hühnern und Schweinen gibt es allerdings bis heute keine Regelung.
Von der Delikatesse zum Schädling
Insekten finden sich seit Millionen von Jahren auf dem Speiseplan von Menschen wieder: So haben Forscher in aus der Steinzeit stammenden versteinerten Menschenexkrementen in Nordamerika Insektenüberreste gefunden, Zikaden galten im antiken Griechenland als Delikatesse und sowohl im Koran als auch in der Bibel sowie in über zweitausend Jahre alten Schriften aus China und Japan wird auf das Verspeisen von Insekten verwiesen. Laut Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen gehören bei rund zwei Milliarden Menschen Insekten bis heute zum Bestandteil der traditionellen Ernährung.
Auf den Tellern von Europäerinnen und Europäern sind Insekten allerdings nur selten anzutreffen. Unter anderem die klimatischen Bedingungen sind mit ein Grund dafür, dass der Verzehr von Insekten in Europa wenig verbreitet ist. So ist der grössere Teil der weltweit bekannten Insektenarten vor allem in den tropischen und subtropischen Regionen heimisch: Das «Insektenangebot» in Europa ist seit jeher kleiner als beispielsweise in Afrika oder Asien, wo Insekten eine wichtige Rolle in der alltäglichen Ernährung spielen und regelmässig verspeist werden. Daneben sorgte auch die Entwicklung der Landwirtschaft dafür, dass Insektengerichte wie beispielsweise die Maikäfersuppe, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch in Europa verbreitet war, verschwanden: Über die Jahrhunderte haben Bäuerinnen und Bauern den Ackerbau perfektioniert und auch darum werden viele Insekten heute nicht mehr als Nahrungsmittel gesehen, sondern als Schädlinge, die beispielsweise Missernten verursachen.
Klimaschonend und gesund
In der Schweiz ist Fleisch wie in den meisten Industriestaaten die beliebteste Proteinquelle. Bekanntlich bringt der hohe Fleischkonsum aber auch globale Probleme mit sich. Treibhausgasemissionen sowie der hohe Platz- und Ressourcenbedarf stellen die Fleischproduktion zunehmend vor Herausforderungen – gerade mit Blick auf die zu ernährende und stark wachsende Weltbevölkerung. Insekten mit ihrer guten Nährstoffbilanz werden darum immer öfter als alternative Proteinquelle ins Feld geführt. Ausserdem lassen sich Insekten in grossen Mengen und einfach skalierbar produzieren und laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen benötigen beispielsweise Grillen zwölfmal weniger Futter als Rinder, viermal weniger Futter als Schafe und halb so viel Futter wie Schweine oder Masthühner.
Entsprechend gab es in den letzten Jahrzehnten auch hierzulande vermehrt Bestrebungen, Insekten als Lebensmittel zu etablieren. Unter anderem das Start-up Essento entwickelt, produziert und vermarktet Spezialitäten aus Speiseinsekten und hat sich auf die Fahne geschrieben, Insekten als Nahrungsmittel für die menschliche Ernährung in Europa und der Schweiz salonfähig zu machen. Laut eigenen Angaben hat das Unternehmen entscheidend mitgeholfen, die Gesetzesänderung anzustossen, die in der Schweiz vor fünf Jahren zur Zulassung von Insekten als Lebensmittel führte. Das Unternehmen arbeite seither unter anderem daran, Konsumentinnen und Konsumenten besser über die ökologischen Vorteile von Speiseinsekten zu informieren, erklärt Daniel Ehrensberger, Head of Sales und Marketing bei Essento. «Eine von einer Schweizer Fachhochschule kürzlich erstellte Auswertung attestiert unserem Essento-Insekten-Burger eine mindestens 30 Prozent tiefere CO2-Bilanz im Vergleich sogar zu einem plantedbased Burger», nennt er ein Beispiel.
Nachfrage als grosse Hürde
Trotzdem ist der Verzehr von Insekten in unseren Breitengraden nach wie vor eine Randerscheinung. Nimmt man die Auslage bei Grossverteilern und Detailhändlern als Mass, scheinen Insekten auf dem hiesigen Markt nur eine äusserst kleine Nische zu besetzen – wenn überhaupt: Bei der Migros sind die Insektenprodukte erst letzten Herbst wieder aus dem Sortiment gefallen. «Die Insekten waren 2019 als wir sie auf den Markt brachten kurzzeitig sehr erfolgreich, aber die Verkäufe gingen schnell zurück, als der Neuheiteneffekt nachliess», erklärt Tristan Cerf, Mediensprecher der Migros, auf Anfrage. «Insekten gehören unseren Beobachtungen zufolge noch nicht überall auf den Schweizer Teller», führt er weiter aus. Die Migros konzentriere sich im Moment darum unter anderem auf die Weiterentwicklung von pflanzenbasierten Produkten, die aktuell besonders von Konsumentinnen und Konsumenten nachgefragt würden.
Konkurrentin Coop hingegen führt noch Insektenprodukte im Sortiment und die Nachfrage sei stabil, sagt Nico Nabholz, Mediensprecher von Coop: «Es ist aber sicher so, dass diese Art von Produkten in einer Nische zuhause ist – trotzdem haben wir seit der Lancierung das Sortiment an Speiseinsekten stetig erweitert und laufend den Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden angepasst.» Die Rückmeldungen der Kundinnen und Kunden seien entsprechend positiv. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Essento, dessen Produkte unter anderem in den Coop-Regalen stehen: «Nach einem substanziellen Umsatzanstieg im Jahr 2018 hat sich die erste Welle an Erstkäufern etwas gelegt und tatsächlich ist das Volumen unserer Produkte heute noch in einem tiefen Umsatzbereich anzusetzen, jedoch mit wachsender Tendenz – nach unserer Einschätzung ist es einfach Frage der Zeit», meint Daniel Ehrensberger von Essento. Ausserdem stünden die Insektenprodukte durch den gegenwärtig anhaltenden verstärkten Fokus auf pflanzenbasierte Produkte zusätzlich etwas unter Druck und die Covid-Pandemie habe besonders in Bahnhoffilialen, in welchen ihre Produkte auch oft erhältlich seien, einen Verkaufsrückgang verursacht. «Nichtsdestotrotz ist unser Umsatz in der Schweiz aktuell nun wieder mit rund plus 15 Prozent ansteigend und wir haben diverse Anfragen aus dem Ausland bezüglich möglicher Exportkooperationen», führt Daniel Ehrensberger weiter aus.
Potential für die Landwirtschaft nutzbar machen
Noch liegt in der Insektenproduktion viel Potential brach und in der Schweizer Landwirtschaft ist dieser Bereich quasi inexistent. Gerade die Landwirtschaft könnte in dieser Hinsicht aber sogar doppelt profitieren: Einerseits als Produzent, andererseits als Verbraucher. Auch wenn Insekten als Nahrungsmittel in Europa noch nicht ganz massentauglich sind, so bieten sich Landwirtinnen und Landwirten mit wachsendem Markt neue Produktionsmöglichkeiten. Potential sei auf jeden Fall vorhanden, meint Lukas Inderfurth von Bio Suisse.
Ob Insekten Knospe-zertifiziert seien, möge für die Konsumentinnen und Konsumenten momentan zwar noch keine Rolle spielen, da das Produkt an sich noch sehr exotisch sei. «Grundsätzlich passen aber die Grundgedanken hinter der Insektenproduktion, wie Stoffkreisläufe schliessen oder alternative Proteinquellen anbieten, sehr gut zur biologischen Landwirtschaft und Nachhaltigkeit sowie Umweltauswirkungen der Nahrungsmittelproduktion spielen eine immer grössere Rolle», führt er weiter aus. Viele Knospe-Lizenznehmende würden ausserdem erwarten, dass die Insektenproduktion in Zukunft eine bedeutendere Rolle spielen werde – besonders auch im Bereich der Tierfütterung.
Dass Insekten gerade beim Einsatz als Futtermittel bei Nutztieren mit grossen Chancen verbunden wären, davon ist auch der Schweizer Bauernverband überzeugt: «Nachdem der Verkauf von verarbeiteten Insekten für die menschliche Ernährung noch nicht wie erhofft lief, liegt das Potential sicher eher in der Nutztierfütterung und dort als hochwertige Proteinkomponente», meint Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband. Besonders interessant sei die Produktion, wenn die Nahrungsgrundlage der Insekten Lebensmittelreste oder ähnliche Nebenprodukte seien, fügt sie an.
Politische Lücken schliessen
Beim Futtermittel können in der Schweiz bisher aber nur Fischzuchten profitieren – eine Regelung für die Verwendung von Insekten in Futtermitteln für Hühner und Schweine ist nach wie vor offen. Die Rahmenbedingungen für die Verfütterung von Insekten an Nutztiere seien in der Verordnung über tierische Nebenprodukte festgelegt, erklärt Jonathan Fisch, Mediensprecher des Bundesamts für Landwirtschaft. Tatsächlich arbeite das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen aber an einer Revision, die unter anderem auch eine Regelung für die Verfütterung von Insektenproteinen an Geflügel und Schweine umfassen soll. «Da es im Bereich ‹Verfütterung von tierischen Proteinen› auch um weitere wichtige Änderungen geht, werden weite Kreise – Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Ämter, Branchenverbände und Organisationen – in die Ausgestaltung der künftigen Regelungen einbezogen, entsprechend werden die Änderungen nach einem Entscheid des Bundesrates frühestens im ersten Quartal 2023 in Kraft treten», führt Jonathan Fisch weiter aus.
Bereits erlaubt sei die Verwendung von pflanzlichen Nebenprodukten für die Fütterung von Insekten – aus Gründen der Lebensmittelsicherheit werde eine Ausweitung auf andere beispielsweise tierische Abfälle derzeit aber nicht in Betracht gezogen. Ein noch zu lösendes Problem einer allfällig ausgebauten Schweizer Insektenproduktion sei unter anderem auch die grosse Menge des anfallenden Insektenkots. «Einerseits braucht es dafür Abnehmer und andererseits muss solcher Kot nach den EU-Vorschriften vor der Verwendung als Dünger mindestens 60 Minuten bei 70°C erhitzt werden», erklärt Jonathan Fisch weiter. Diese Auflagen würden nach der Revision der Verordnung über tierische Nebenprodukte voraussichtlich auch in der Schweiz gelten.
Trotz grossem Potential steckt sowohl die Produktion von Insekten wie auch die Nachfrage danach hierzulande also noch in den Kinderschuhen und viele Fragen sind nach wie vor ungeklärt. Vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen wie Klimawandel stellt die Insektenproduktion aber ein valabler Lösungsansatz dar: So haben Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer im Hinblick auf ihr Nährstoffprofil sowie die Umweltbilanz einiges zu bieten.