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Auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft

Die Verpackung der Zukunft muss rezyklierbarer und standardisierter werden. Gleichzeitig soll sie ihre Funktion als emotionaler Markenträger behalten - ein schwieriger Spagat für die Branche.

von wy

«Bei den Konsumenten gibt es grosse Informationsdefizite.» Patrick Semadeni, CEO von Semadeni. (Roland Wyss-Aerni)
«Konsumenten sind bereit, zu sammeln und zu rezyklieren.» Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforums. (Roland Wyss-Aerni)
«Man darf die Konsumenten nicht überforden.» Urs Stillhard, CEO von Saropack. (Roland Wyss-Aerni)
Die Durchschnittskonsumentin denkt bei nachhaltiger Lebensmittelverpackung an Gurken ohne Plastik, Papiersäcke statt Plastiksäcke oder an unverpackt verkaufte Müesli oder Nüsse. Dass das Thema weit darüber hinaus geht, zeigte die Jahrestagung des Schweizerischen Verpackungsinstituts SVI vom 27. April in Zürich unter dem Titel «Die Lebensmittelverpackung der Zukunft». Ein Schwerpunkt waren dabei die Bemühungen der Hersteller, Verpackungsstoffe rezyklierfähig zu machen und so die Kreislaufwirtschaft auszubauen.
Rezyklierbarkeit wird wichtig
Verschiedene Verpackungsanbieter präsentierten ihre «Erfolgsstories». Der Verbundfolien- und Beutelhersteller Wipf hat sich bisher auf die Materialreduktion konzentriert und setzt nun auch auf Rezyklierbarkeit, wie Charlotta Jung, Manager Regulatory Affairs bei Wipf, sagte. Das Problem sei nicht zuletzt, dass es für die Rezyklierbarkeit verschiedene Guidelines gebe, sagte Jung, es gebe aber Bestrebungen, diese zu harmonisieren. Wipf bietet Monomaterialien-Verbunde an, die bisherige Materialkombinationen ersetzen und so rezyklierbar werden. So können flexible Verpackungen aus PET, Aluminium und Polyethylen (PE) durch Monomaterial-Verbunde auf der Basis von Polypropylen (PP) ersetzt werden.
Der Kunststoffverpackungshersteller Semadeni hat ebenfalls die Rezyklierbarkeit von Kunststoff im Visier. Die Firma produziert etwa Putzmittelflaschen aus 100 Prozent rezykliertem Hart-Polyethylen, aber auch Laborflaschen, die mehr als 30 Prozent Abfallprodukte aus der Lebensmittelindustrie enthalten.
Die energieintensive Glasverpackungswirtschaft ist bei den Kreisläufen etwas weiter, sieht sich bei der CO2-Reduktion aber auch herausgefordert. Immerhin aber habe die europäische Glasindustrie in 25 Jahren den CO2-Ausstoss um 75 Prozent reduziert, sagte Christoph Burgermeister, Leiter Unternehmensentwicklung bei Vetropack. Geschehen sei dies durch gestiegene Effizienz der Schmelztechnologie, durch den Ersatz von Schweröl mit Gas und durch vermehrtes Recycling. Bis 2030 will Vetropack die CO2-Emissionen um weitere 30 Prozent reduzieren. Angesichts der CO2-Steuer und der Unsicherheit, was nach 2030 komme, sei dieses Ziel nicht nur ein ökologisches, sondern auch ökonomisch motiviert. Um dieses Ziel zu erreichen, könnte man den Energieträger Gas im Prinzip durch Strom oder Wasserstoff ersetzen, aber dazu fehle noch die Infrastruktur.
Der Getränkeverpackungshersteller SIG Combibloc will bis 2030 70 Prozent CO2 einsparen – durch den stetig steigenden Einsatz von Fasern. Mit dem Produkt Signature Evo hat die Firma kürzlich das weltweit erste aluminiumfreie Vollbarriere-Packungsmaterial für aseptische Kartonpackungen präsentiert, das vollständig rezyklierbar ist.
Bekannt ist Nestlés Ankündigung, bis 2050 als Unternehmen das Ziel netto null bei CO2-Emissionen zu erreichen. Das wird Investitionen von rund drei Milliarden Franken bedeuten. Bereits bis 2025 sollen alle Nestlé-Verpackungen rezyklierbar sein, wie Susanne Sinclair, Sustainability Project Manager bei Nestlé Schweiz, erklärte. Als bisherige Erfolge nannte Sinclair Verpackungen von Maggi, Nesquik oder Smarties, die auf Karton umgestellt wurden. Und schliesslich gehe es auch darum, Sammel-, Sortier- und Rezykliersysteme zu fördern, Produkte neu zu designen und Verhaltensweisen zu überdenken, im Unternehmen und in der Gesellschaft.)
Welche Rolle haben die Konsumenten?
Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforums, lancierte in Zürich eine Gesprächsrunde mit ein paar kritischen Bemerkungen aus Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten: Brötlisäcke etwa, die zwar aus Papier bestünden, aber immer noch Plastikfenster hätten, seien keine Verbesserung, sagte sie. Die Konsumenten seien auch bereit, auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit mitzuhelfen, das habe etwa die Tetrapak-Sammel-Aktion von Aldi gezeigt, die «zu erfolgreich» gewesen sei, weil auch sehr viele Tetrapak-Verpackungen von anderen Detailhändlern abgegeben worden seien. Leider sei die Aktion sei nicht weiterverfolgt worden. Konsumenten fragten sich auch, weshalb Biogemüse Plastikverpackungen brauche, weshalb PET nicht ausgewaschen und wiederverwendet werde oder weshalb nicht mehr Nachfüllbeutel für alle möglichen Produkte angeboten würden. «Sind die Verpackungshersteller überhaupt an den Konsumentenanliegen interessiert?», fragte sie provokativ.
Die Vertreter der Verpackungswirtschaft gingen nur teilweise darauf ein: Ihre Ansprechpartner sind die Lebensmittelhersteller. Urs Stillhard sagte, Saropack arbeite seit zehn Jahren mit der Stiftung Myclimate zusammen und habe bisher den Kunden angeboten, Klimaneutralität zu bezahlen und dann auf den Produkten auszuloben. Damit werde etwa auf der Hälfte des Gesamtumsatzes der Klimabeitrag bezahlt. Jetzt habe man es umgedreht: Die Kunden müssten es explizit ablehnen.
Patrick Semadeni fand, die Botschaft, dass es mehr Nachhaltigkeit und Kreislauftwirtschaft brauche, sei bei der Industrie angekommen, hingegen gebe es bei den Konsumenten noch grosse Informationsdefizite. Dabei können man den Konsumenten auch etwas zumuten, sagte Semadeni. «Die Konsumenten wollen Kunststoff sammeln und können das auch.»
Stillhard fand, man dürfe die Konsumenten nicht überfordern, etwa mit der Erwartung, dass sie verschiedene Kunststoffarten unterscheiden. «Der Konsument soll Mischplastik sammeln können – das Sortieren, Reinigen und Verarbeiten ist Sache der Industrie.»
Semadeni wies darauf hin, dass die Plattform «Drehscheibe Kreislaufwirtschaft» mit 60 Firmen und Organisationen in dem Thema aktiv ist, und dass die Sortiertechnik sich ständig weiterentwickle. Beim energiesparenden mechanischen Recycling sei inzwischen vieles möglich, für den Rest gebe es das chemische Recycling.
Tobias Leischner, CEO von Bourquin, thematisierte die Materialflüsse, die über die Verpackungsbranche hinausgehen. So sei die «Plastiksammelwut» in Deutschland zeitweise gross gewesen – mit dem Effekt, dass es zu wenig Müll gab, um die Müllverbrennungen effizient zu betreiben. Während der Pandemie sei auch das Recylingpapier knapp geworden, weil insgesamt weniger Papier bedruckt wurde.
Zielkonflikt zwischen Nachhaltigkeit und Marketing
Verpackung, die möglichst rezyklierbar sein soll, muss einheitllichen Standards genügen, der Spielraum für ausgefallene und auffallende Designs wird kleiner. Darauf wies Semadeni hin, der vermutete, dass in Zukunft das Design von Verpackungen eine kleinere Rolle spielen werde. Wie stark aber das Verpackungsdesign die Aufmerksamkeit und Kaufentscheidungen der Konsumenten beeinflusst, zeigte der Neuromarketing-Experte Hans-Georg Häusel in einem unterhaltsamen Referat auf. Mit nüchternen und einfachen Verpackungen werde man nur eine Elite begeistern können, sagte er. «Die breite Masse wird immer Emotionalität auf der Verpackung wollen.»