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«Essen bleibt analog»

Essen und Reisen. Zwei Dinge, die analog sind und bleiben. Der Weg dazu wird aber immer digitaler. Wie das geht, zeigte sich am diesjährigen Swiss Agro Forum.

von Jonas Ingold/lid/mos

Aglaë Strachwitz bewegt sich zwischen analogem Essen und digitaler Bestellung. (ji/lid)
Analog, digital, hybrid. Die Kommunikation in- und ausserhalb von Unternehmen hat sich während der Corona-Pandemie verändert und wird anders bleiben. «Analog, digital, hybrid – interaktiv kommunizieren» lautete deshalb der Titel des diesjährigen Swiss Agro Forum an der BEA in Bern.
Corona ging an Google nicht spurlos vorbei
Google ist einer der grossen, globalen Vorreiter in digitaler Kommunikation. Ging Corona mit völlig dezentralem Arbeiten deshalb spurlos an Google vorbei? Nein, sagt Urs Schollenberger, Enterprise Sales Manager Google Cloud. Viele Benefits von Google, wie kostenloses Morgen-, Mittag- und Abendessen oder Fitnessprogramme fielen auf einmal weg.
Gerade ausländische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Codierung, denen Google auch ein gesellschaftliches Umfeld bot, waren stark betroffen. Mit virtuellen Coffee Chats und weiteren Online-Events wirkte Google dem entgegen. Google sei als digitaler Konzern dabei sicher etwas im Vorteil gewesen, meint Urs Schollenberger.
In seiner Abteilung habe sich die Arbeit im steten Homeoffice nicht auf die Produktivität ausgewirkt, die Arbeit sei aber anders geworden. Derzeit ist Google daran, neue Tools für hybride Meetings zu etablieren, um im Unternehmen noch einfacher auf Distanz zusammenarbeiten zu können – auch nach Corona.
Big Mac per App
Essen bleibe ein analoger Genuss, sagt Aglaë Strachwitz, Managing Director von McDonald’s Schweiz. Aber McDonald’s wolle eine Kombination von digital und analog im Umgang mit den Kundinnen und Kunden. So gibt es mittlerweile verschiedene Bestellmöglichkeiten. Klassisch an der Theke, an Bestellterminals, Hauslieferung in gewissen Gebieten, im McDrive und über «myOrder» per App.
200 McDonald’s als Ziel
Strachwitz geht davon aus, dass McDonald’s eines Tages 200 Restaurants in der Schweiz und Liechtenstein betreiben wird. Aktuell sind es 173. 90 Prozent davon führen Lizenznehmer. Dennoch sei es McDonald’s Schweiz wichtig, selbst Restaurants zu führen. «Wir wollen mit den Lizenznehmern auf Augenhöhe kommunizieren und selbst sehen, wie die Restaurants funktionieren», so Strachwitz. Zudem funktionieren die eigenen Restaurants als «Testlabore», etwa für neue digitale Bestellmethoden.
Auch die Produkte werden analog und digital getestet. Einerseits im Restaurant, andererseits auch mit Online-Umfragen unter Kundinnen und Kunden. In der Schweiz kommt regelmässig der McRaclette aufs Menu. Hier sind die Länder in der Entscheidung in vielen Bereichen eigenständig. «Beim Big Mac wäre es anders, aber wir entscheiden, ob der Big Tasty oder der McRaclette verkauft wird», so Strachwitz. In Portugal gebe es im McDonald’s Suppe, hier sehe man dafür kein Bedürfnis. Die Produkte und deren Kommunikation sind also auch stark national geprägt.
100 Touchpoints bis zur Buchung
Wie Essen ist und bleibt Reisen analog. Die Kommunikation mit Kundinnen und Kunden hingegen ist in der Reisebranche stark digitalisiert, wie Laura Meyer, CEO der Hotelplan Group erklärt. Die Kundinnen und Kunden buchen online und informieren sich via Google und Social Media über Destinationen. «Vor einer Reise haben die Leute rund 100 Touchpoints, um sich zu informieren», sagt Meyer. Dennoch kämen auch jungen Menschen weiterhin in die Filialen, um sich zu informieren und zu buchen, so Meyer.
Die Kundinnen und Kunden seien heute besser informiert, die Erwartungen ans Reisebüro sehr hoch, die Preistransparenz enorm. Das sei herausfordernd, biete aber auch Vorteile. Etwa die Fokussierung auf hohe Qualität, das bessere Kennen der Kundinnen und Kunden und das Nutzen der Grössenvorteile von Hotelplan für digitale Angebote. Und das Entwickeln neuer Formate: Der Holiday Finder ist Tinder für Ferien – die besten Destinationen werden aufgrund der Vorlieben empfohlen. Oder virtuelle Mitarbeiter geben im Internet Auskunft.
Und auch die Mitarbeitenden können «remote» in den Ferien arbeiten. Dafür hat Hotelplan in Zypern eine Villa angemietet, in der Ferien und Arbeit verbunden werden können. Und auch Reisen im Businessbereich laufen wieder gut: Die Zahlen in diesem Segment liegen laut Meyer über 2019.
Zu viel kommuniziert?
Die Digitalisierung biete riesige Möglichkeiten, berge jedoch auch Gefahren, betonte Gian Gilli, OK-Präsident Eishockey-WM 2020. Das Tempo überfordere, alles müsse sofort passieren, die Infoflut sei riesig. Das führe auch zu Burnouts. Es sei wichtig, dass man aus diesem digitalen Tempo wieder rauskomme.
Er sehe die Gefahr auch bei den jungen Sportlern, die neben ihrer sportlichen Tätigkeit noch verschiedene Kanäle pflegen müssen, um zu kommunizieren und sich zu vermarkten. Die Dimension falschen Verhaltens auf Social Media sei enorm – verwies Gilli mit Hinweis auf den Fall Morganella bei Olympia 2012 in London. Nach der Niederlage des Schweizer Fussballteams gegen die Südkoreaner hatte der Schweizer Fussballer Michael Morganella in einem Tweet die Südkoreaner übel rassistisch beschimpft. Das Medieninteresse am Fall war riesig. 120 Journalisten aus aller Welt tauchten an der Pressekonferenz auf, die Gian Gilli organisieren musste. «Und das wegen drei Zeilen.»
Gilli sieht es als besonders wichtig an, dass die Beziehungskommunikation analog stattfindet. Besonders bei schwierigen Gesprächen sei dies unumgänglich, aber auch wenn es darum gehe, Lob zu verteilen. Da gehe es auch um den Respekt anderen gegenüber. Und er rät dazu, gezielter, aber auch weniger zu kommunizieren. Auf Unnötiges verzichten, um die Flut zu verringern.
Wohlfühlen statt Gitter
Rein digitale Messen machten nicht richtig Spass, sagt Tom Winter, CEO der Bernexpo AG. Sehr viele Features sind aber mittlerweile digital. Reservieren von Parkplätzen, das Bezahlen von Tickets und Produkten. Transaktionen stünden im Digitalbereich aktuell im Vordergrund. Die Messe verändert sich aktuell analog. Der Auftritt, die Umgebung sollen feiner und schöner werden, so Winter. Dabei helfe die neue Festhalle, deren Bau nach der BEA 2023 starten soll. Und auch der Eingangsbereich soll freundlicher werden. «Es ist ja nicht nötig, dass Gitter und Security das erste sind, was die Besucherinnen und Besucher sehen», so Winter.
Nachhaltigkeit in der Finanzbranche war das Thema von Antoinette Hunziker-Ebneter, CEO der Vermögensverwalterin Forma Futura Invest und Verwaltungsratspräsidentin der Berner Kantonalbank. Mit ihrer Investmentfirma nimmt sie die Nachhaltigkeitsbemühungen von Firmen kritisch unter die Lupe. «Heute sagen alle Firmen, ihnen sei Nachhaltigkeit wichtig – aber häufig ist das Fake.» Zu sagen, bis 2050 werde man klimaneutral, bringe nichts. «Das muss schneller gehen.» Wichtig sei es, einen klaren Absenkpfad zu definieren. Die Berner Kantonalbank berücksichtigt bei der Kreditvergabe neben ökonomischen auch ökologische und ethische Kriterien. «Das gibt vielleicht ein Geschäft weniger, dafür aber auch weniger Risiken», sagte Hunziker-Ebneter. Damit verhindere man Reputationsschäden, das grösste Risiko für eine Bank.