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«Legen Sie den Finger ruhig in die Wunde»

Nestlé soll klimafreundlicher werden. Dafür ist der Konzern auf die Mithilfe der Landwirtschaft angewiesen, und die Landwirtschaft auf die Unterstützung von Nestlé. Der Nestlé-CEO zeigt sich offen und selbstkritisch.

von wy

Die Landwirtschaft sei das schwächste Glied der Kette - hier wolle Nestlé helfen, sagte CEO Mark U. Schneider. (wy)
IP-Suisse-Präsident Andreas Stalder freute sich über das Engagement von Nestlé. (wy)
Philipp Schläpfer und Ernst Bachmann vom Wydhof in Flaach ZH zeigten, wie Landwirtschaft regenerativer werden kann - und wo die Grenzen liegen. (wy)
Nestlé meint es ernst mit dem Erreichen von Klimazielen. Nestlé meint es auch ernst damit, die Landwirtschaft weltweit klimaverträglicher zu machen und die Bäuerinnen und Bauern dabei zu unterstützen. Das war die Message des Medienanlasses, den Nestlé gemeinsam mit IP-Suisse am 30. Mai auf dem Wydhof im zürcherischen Flaach durchführte. Und um die Message zu platzieren, war der Chef höchstpersönlich angereist. Mit Schirmmütze und Sonnenbrille auf einem Strohballen sitzend, erläuterte Mark U. Schneider die Strategie von Nestlé für eine regenerative Landwirtschaft, also für eine Landwirtschaft, die insbesondere eine hohe Bodenqualität und Biodiversität bewahrt.
Die Umstellung auf bodenschonende und biodiversitätsschonende Agrarpraktiken bedeute schon in der reichen Schweiz Mehrkosten während ein paar Jahren, die für manche Betriebe schwierig seien, sagte Schneider. Umso schwieriger sei eine Umstellung für Produzenten in vielen anderen Ländern. Nestlé wolle hier technische und finanzielle Hilfe leisten, um einen «gerechten Übergang» zu einer regenerativen Landwirtschaft zu ermöglichen.
Im Kakaoland Elfenbeinküste etwa bezahlt Nestlé den Produzenten Prämien für ökologische Agrarpraktiken oder dafür, dass die Kinder zur Schule geschickt werden. Das Ziel sei, dass diese Dinge bis in ein paar Jahren durch die ganze Lieferkette rückverfolgbar seien, sagte Schneider – «nur so sind wir glaubwürdig».
Dass Nestlé beim Klimaschutz auf die Landwirtschaft zugeht, leuchtet ein – stammen doch 70 Prozent aller CO2-Emissionen des Konzerns aus der Landwirtschaft. Bis 2030 soll der Ausstoss halbiert, bis 2050 auf null gebracht werden.
Die Schweiz sei ein guter Ort, um mit den Forschenden und mit innovativen Landwirten gemeinsam Ideen für eine klimaverträgliche Landwirtschaft auszuprobieren, sagte Schneider weiter. Die konkrete Umsetzung müsse dann aber individuell angepasst auf die jeweiligen Länder, Regionen und Standorte erfolgen.
Andreas Stalder, Präsident von IP-Suisse, lobte das Engagement von Nestlé. Es sei erfreulich, solche Bekenntnisse von dem Konzern zu hören, es sei auch ein Schritt von einer Wertschöpfungskette zu einer «Wertschätzungskette», in der auf Augenhöhe diskutiert und verhandelt werden könne. Die Zusammenarbeit mit der Forschung, aber auch mit NGOs wie dem WWF sei auch der Weg, den IP-Suisse stets verfolge.
Auch Forschung und Politik sind gefragt
Anwesend war auch Robert Finger, Professor für Agrarökonomie an der ETH Zürich. Auf die Frage von Moderator Christof Dietler, wo denn aus seiner Sicht der grösste Handlungsbedarf sei, blieb er eher im Allgemeinen: Die Industrie müsse hohe Ziele setzen, Prämien für die Landwirte bezahlen und den Konsumenten erklären, dass es teurer wird. Er sieht aber auch die Politik in der Pflicht. «Die Paris-Ziele auf den Boden zu bringen, wird ein Kraftakt», sagte er. Dafür brauche es auch politische Massnahmen und Anreize für Landwirte, die richtigen Massnahmen umzusetzen.
«Legen Sie den Finger ruhig in die Wunde», sagte Nestlé-Chef Schneider. Er wolle wissen, wo Nestlé etwas besser machen könne, er wolle darüber sprechen und falls nötig Geld in die Hand nehmen. Was man sicher verbessern könne, sei die Kommunikation gegenüber den Konsumenten. «Wir müssen ihnen die Vorteile von nachhaltigen Produkten so erklären können, dass sie bereit sind, etwas mehr zu bezahlen.»
Mehr Biodiversität, weniger Ertrag
Auf dem Wydhof wurde gezeigt, wie regenerative und klimafreundliche Landwirtschaft konkret umgesetzt werden kann und wo die Grenzen sind. Betriebsleiter Ernst Bachmann demonstrierte einen sogenannten extensiven Acker, der weder gedüngt noch mit Pflanzenschutz behandelt wird. Dieser werde «keinen Superertrag bringen», wie Bachmann sagte, biete aber vielen Begleitpflanzen und Insekten einen Lebensraum. Extensive Äcker sollen auch neu ins Punktesystem von IP-Suisse aufgenommen werden, mit dem die Produzenten ihre Biodiversität verbessern und Prämien holen können.
Auf dem Wydhof wird auch herbizidfreier Getreideanbau betrieben, ein Projekt, das IP-Suisse gemeinsam mit der Migros und der ETH Zürich aufgegleist hat. Bachmanns Tochter Tanja, die in zweieinhalb Jahren den Betrieb übernehmen wird, berichtete von guten Erfahrungen damit. Das Unkraut wird mechanisch mit einem Striegel entfernt, Fungizid wird nur einmal gespritzt. Viel schwieriger sei es allerdings im Kartoffelbau, wo lediglich die Krautvernichtung mechanisch geschieht.
Acht Prozent weniger CO2
Der Wydhof bildet mit dem Nachbarbetrieb von Philipp Schläpfer eine Betriebsgemeinschaft. Schläpfer erläuterte, wie eine klimafreundliche Milchproduktion in der Praxis aussehen kann: Seine 70 Milchkühe erhalten beispielsweise Leinsamen und stossen so weniger Methan aus. In guten Futterbaujahren ist eine klimafreundliche Fütterung einfacher als in schlechten, wenn viel Soja zugekauft werden muss, das einen hohen CO2– Fussabdruck hat. Wichtig ist auch das Herdenmanagement, um zu einer höheren Milchlebensleistung zu kommen: Kühe, die früher abkalben oder länger leben, führen zu einer besseren CO2-Bilanz pro Kilogramm Milch. Allerdings haben ältere Kühe häufiger gesundheitliche Probleme, was zu höherem Antibiotikaeinsatz oder höheren Tierarztkosten führt. «In den vier Jahren konnten wir den CO2-Ausstoss in der Milchproduktion um 8 Prozent reduzieren», sagte Schläpfer. Viel mehr liege eigentlich nicht drin.