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Der Bioboom flaut ab

Der coronabedingte Boom bei Biolebensmitteln flacht seit Januar 2022 ab. Grund dafür sind vermehrte Restaurantbesuche, aber auch mehr Preissensibilität bei den Kunden.

von awp

«2020 und 2021 erlebten wir einen Ansturm auf die kleineren und persönlichen Bioladenformate», sagte Manuela Kägi, Vorsitzende der Geschäftsleitung von Bio Partner Schweiz, auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP. Bio Partner Schweiz beliefert Biofachgeschäfte, betreibt aber auch eigene Läden.
Rückgang im zweistelligen Prozentbereich
Die Coronapandemie trug positiv zum Trend Nachhaltigkeit bei: Die Leute kochten mehr zu Hause und hatten mehr Geld in der Tasche, das sie statt fürs Kino für nachhaltige Produkte ausgaben. Seit Anfang Jahr ist der Boom in der Biobranche nun aber zum Erliegen gekommen. Die Coronamassnahmen wurden nach bis nach aufgehoben, die Leute sind wieder mehr unterwegs und essen öfters auswärts.
«Kumuliert sahen wir in den ersten drei Monaten einen deutlichen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich», äussert sich Bio Partner Schweiz zu den eigenen Fachgeschäften. Auch die Marke Reformhaus – mit Bioläden wie Egli und Reformhäuser von Müller und Ruprecht – schreibt seit Anfang Jahr weniger Umsatz.
Lieber günstigere Produkte
Denn es ist eine neue dunkle Wolke am Horizont aufgezogen: Der Ukraine-Krieg treibt die Lebensmittelpreise in die Höhe und schürt bei den Konsumenten Rezessionsängste.
Denn Konsumenten weichen daher eher auf «normale dafür günstigere» Produkte aus. «Die Leute fangen wieder an zu sparen und Qualität ist nicht mehr so viel wert», sagt Markus Johann, Geschäftsführer von bionetz.ch, einer Plattform für Unternehmen der gesamten Wertschöpfungskette biologischer Produkte.
Auch Hansruedi Sommer, Präsident der Genossenschaft Vielgrün, weiss von einigen Bioläden, die einen markanten Umsatzrückgang verbuchen mussten. Bis zu einem Fünftel des Umsatzes sei weggefallen. Seiner Meinung nach leidet die Mehrheit der Läden unter einem Kundenrückgang.
Grosse im Vorteil
Doch es gibt prominente Ausnahmen. So spürt Coop keinen Rückgang bei den Bio-Umsätzen. «Die Nachfrage ist aktuell auf hohem Niveau stabil», teilte eine Sprecherin auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP mit. Bei der Migros ist die Nachfrage nach Bio-Produkten auch nur «etwas abgeflacht». Zusammen vereinigen Migros und Coop rund drei Viertel des Bioumsatzes, wie die Zahlen von Bio Suisse für das Jahr 2021 zeigen.
Ein möglicher Grund für die bessere Entwicklung bei den beiden «Grossen» ist, dass die gleichen Produkte in Bioläden oftmals noch etwas mehr kosten. «Die Grossverteiler verfügen über direktere Logistikvorteile gegenüber dem Fachhandel», erklärt Ruedi Lieberherr, der Geschäftsführer von Morga, einem Hersteller von vegetarischen und veganen Lebensmitteln und Bio-Produkten.
Über Zahlen von 2019
Die Preisdifferenzen aufgrund von Vielfalt, Individualität und Kleinmengen seien den Konsumenten nicht immer einfach zu erklären, meint Kägi von Bio Partner Schweiz. Während bei den grossen Detailhändlern mit Selfservice und Automatisierung Personal eingespart wird, sei der persönliche Kontakt im Fachhandel wie Beratung eines der wichtigsten Merkmale.
Es seien daher insbesondere Produkte mit Beratungskompetenz, die nach wie vor gut ankommen würden. Deshalb sehen auch die kleineren Bioläden nicht nur rot. «So viel mir bekannt ist, sind fast alle noch gut über den Zahlen von 2019, also von vor der Pandemie», sagt Vielgrün-Präsident Hansruedi Sommer.
Trotzdem geht der Rückgang nicht spurlos an den kleineren Läden vorbei: «Es ist eine riesige Herausforderung für ein kleineres Unternehmen, solche Schwankungen schadlos zu überstehen», sagt Kägi von Bio Partner Schweiz. «Kommen weniger Kunden, sinken die Umsätze. Die Kosten können insbesondere beim Personal nicht so rasch abgebaut werden.»