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Schweizer Beeren für Schweizer Sirup

Die hiesige Verarbeitungsindustrie verwertet für Sirup oder Konfitüre fast ausschliesslich Himbeeren aus dem Ausland. An Himbeerstauden in der Ostschweiz wächst nun buchstäblich die Idee heran, dies zumindest teilweise zu ändern.

von Renate Hodel/lid

Peter Lenggenhager produziert seit diesem Jahr Verarbeitungshimbeeren für die Holderhof Produkte AG. Der Holderhof hat sich zum Ziel gesetzt, mit mehr einheimischen Verarbeitungshimbeeren den Importanteil dieser Beeren in ihren Produkten entscheidend zu verringern. Der Fokus liegt vor allem auf dem flüssigen Bereich: Püree, Saft und Sirup für Smoothie bis Mischgetränke oder auch für Konfitüre. (rho/lid)
Damit die maschinelle Ernte reibungslos funktioniert, werden spezielle Sorten eingesetzt, die sich gut von der Rute lösen. Je nach Sorte und Witterung wird alle drei bis vier Tage geerntet. Aktuell werden die Beeren noch tiefgekühlt und dann nach der Mostsaison in der Mosterei in Sulgen weiterverarbeitet. Das Ziel ist aber, dass in Zukunft die Himbeeren täglich nach Sulgen geliefert werden können und diese noch am selben Tag weiterverarbeitet werden. (rho/lid)
Bei Sirup, Saft, Smoothies oder Konfitüre wird selten hinterfragt, wo die darin verarbeiteten Früchte herkommen – die Schweizer Herkunft ist kein Thema. So sind Verarbeitungshimbeeren fast zu 100 Prozent Importware. Eine Handvoll Produzenten in der Bodenseeregion haben auf die Initiative der St. Gallischen Holderhof Produkte AG (siehe «Mehr zum Thema») hin nun den Versuch gewagt und auf rund sechs Hektaren sogenannte Herbsthimbeeren zur Verarbeitung angebaut. Unter anderem Landwirt Peter Lenggenhager, der beim Holderhof ausserdem für den Vertragsanbau zuständig ist, erntet auf seinem Betrieb auf einer halben Hektare diesen Herbst bereits zum ersten Mal Verarbeitungshimbeeren. Sein Hof ist einer von fünf Standorten, die für das Holderhofunternehmen seit diesem Jahr Verarbeitungshimbeeren anbauen.
Polnisches Knowhow
«Bei den Verarbeitungshimbeeren hat man in der Schweiz noch kaum Erfahrung, da Verarbeitungshimbeeren eigentlich ausschliesslich aus Polen, Serbien, Kroatien und zum Teil sogar aus China kommen», erläutert Peter Lenggenhager. Entsprechend werde vor allem auf Knowhow aus dem Ausland gesetzt: Man sei im Austausch mit verschiedenen Fachstellen und habe unter anderem über die Unternehmen, über die man heute das Konzentrat beschaffe und über die Züchter des Pflanzguts Kontakte ins Ausland gepflegt.
Spannend sei beispielsweise, dass der Maschinenhersteller in Polen, von dem auch die vom Holderhof organisierte Vollerntemaschine stammt, die Sorte «Enrosadira» empfahl, die in Polen hauptsächlich als Verarbeitungshimbeere angebaut werde, hierzulande aber vor allem als Tafelsorte bekannt sei. «Diese Sorte haben wir darum auch gesetzt und sind nun gespannt, wie sie sich im Anbausystem für Verarbeitungshimbeeren verhält – daneben haben wir für den Anfang vorerst einmal auf alte, erprobte und robuste polnischen Sorten wie Polana, Polka oder Polesie gesetzt», erklärt der Landwirt und ergänzt: «Anders als im Tafelbereich, ist es für uns weniger wichtig, dass wir eine grosse und schöne Beere haben – wir können auch mit vielen kleinen Beeren leben.»
Importprodukte ablösen
Der Holderhof und die neuen Anbauer von Verarbeitungshimbeeren wollen sich in Zukunft aber nicht nur auf fremde Erfahrungen verlassen, sondern auch eigene Erkenntnisse gewinnen. «Wir haben darum auch noch ein Feld mit Sortenversuchen angelegt, um zu beobachten, wie sich die Sorten in unserem Klima verhalten und da haben wir auch ganz neue Sorten gepflanzt», sagt Peter Lenggenhager. Die richtige Sorte für den Schweizer Anbau von Verarbeitungshimbeeren muss nämlich vor allem eins sein: pflegeleicht. «Der Preis für die Himbeeren definiert sich über den EU-Preis und dem Rohstoffpreisausgleich, da Verarbeitungshimbeeren nicht in einem geschützten Markt gehandelt werden», erklärt der Landwirt und ergänzt: «Es ist nicht das Ziel, dass wir mit dem Swissness-Bonus einen wahnsinnsgrossen Mehrpreis lösen können – das Hauptziel ist es, dass wir mit dem Anbau Importprodukte ablösen können.»
Low Input ist der Schlüssel
Die Himbeeren müssten also so wirtschaftlich angebaut werden können, dass es mit dem Rohstoffpreisausgleich trotzdem für einen anständigen Preis reiche. Da die Kultur aber ungeschützt und ohne Drahtgerüst im Freiland wächst und es sich bei Verarbeitungshimbeeren um sogenannte Herbsthimbeeren handelt, die keine aufwändige Rutenpflege benötigen, ist der Anbau grundsätzlich einfach. «Bei den Sommerhimbeeren produziert man immer an den zweijährigen Ruten Himbeeren und muss die Staude entsprechend oft schneiden und pflegen – die Herbsthimbeeren tragen hingegen immer an der jährigen Rute und können darum maschinell sehr effizient geschnitten werden», erklärt Peter Lenggenhager.
Der Hauptaufwand der Dauerkultur sei folglich die Pflanzung der Stauden. Man dürfe die Himbeeren unter anderem erst nach dem letzten Frost pflanzen. Wenn Himbeeren aber einmal mal angewachsen seien, dann seien sie eigentlich kaum mehr frostempfindlich. Trotzdem müsse man auf den Standort achten und auch die Bodenstruktur miteinbeziehen. «Bei leichten Böden können die Himbeeren direkt in den flachen und gewachsenen Boden gesetzt werden – bei schwereren Böden werden die Stauden auf Dämmen angebaut, allerdings ist die Pflanzung dann etwas aufwändiger, da man sie von Hand machen muss», erläutert Peter Lenggenhager.
Himbeeren und Weizen
Je länger die Kultur dann steht, desto wirtschaftlicher ist sie: Wenn die Ertragsmengen stimmten, seien sogar fünf bis sechs Jahre möglich – um die Pflanzkosten zu amortisieren seien aber mindestens der Jahre nötig. «Das Ziel sind eher vier Jahre und mit vier Jahren passen die Himbeeren auch gut in eine Fruchtfolge», meint Peter Lenggenhager. Denn wie im Tafelbereich den Boden mit Substrat aufzuwerten, damit man Himbeeren auf Himbeeren pflanzen könne, mache für die Verarbeitungshimbeeren keinen Sinn. Für dieses System wäre dies zu teuer und zu kompliziert.
In einer Fruchtfolge mit nahezu jeder Ackerkultur sieht Peter Lenggenhager die Himbeerstauden aber mehr als geeignet und in der Kulturpflege auch relativ einfach: «Im Sommer muss höchstens auf die Bewässerung etwas geachtet und das Gras zwischen den Reihen schön kurzhalten werden, da die Beeren insbesondere während der Reife viel Luft und nicht zu viel Feuchtigkeit brauchen», erklärt der Landwirt. Regelmässiges Mulchen würde aber nicht nur für ein gutes Klima sorgen, sondern auch den Druck durch die Kirschessigfliege verringern. Der Vorteil bei Himbeeren sei aber, dass sie innerhalb von rund zwei Tagen reifen würden und nicht wie die Kirsche über mehrere Wochen: «Wenn man folglich in regelmässigen Intervallen die Himbeeren erntet, kann man den Druck der Kirschessigfliege relativ klein halten.»
Mehr Produzenten sollen brach liegendes Potential nutzen
Für das erste Jahr erwartet der Landwirt auf seiner Parzelle eine Ernte von rund 60 Prozent. «Wir haben die Stauden erst im Frühling dieses Jahres gepflanzt und darum sind wir in der Blüte nun auch relativ spät – wir haben Ruten, die erst jetzt anfangen Blüten zu machen», erklärt Peter Lenggenhager. Im Folgejahr dürften sie dann aber früher austreiben und so dürfte dann auch die Ernte rund einen Monat früher starten. «Im ersten Jahr ist das Hauptziel, dass die Stauden gut anwachsen und wir im Folgejahr dann parat sind und möglichst viele junge Ruten haben – der Zielertrag liegt schlussendlich dann bei rund 10 Tonnen pro Hektare», erläutert er weiter.
Auch ein Ausbau der Fläche fasst der Landwirt ins Auge. So eine Hektare könne er sich gut vorstellen – und natürlich wolle der Holderhof den Ausbau der Fläche auch schweizweit vorantreiben, denn die Nachfrage sei gross: «Das Potential liegt irgendwo bei 50 Hektaren und mehr und auch das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL hat in einer Studie belegen können, dass im Bereich Bio-Verarbeitungshimbeeren ein Potential von rund 250 Tonnen ebenfalls noch brach liegt», sagt Peter Lenggenhager. Eine grössere Gruppe von Anbauern vereinfache schliesslich auch die Organisation und Beschaffung des Pflanzguts und führe zu einer besseren Auslastung des Vollernters. «Bis anhin war die Idee aber noch sehr theoretisch, daher ist es gut, dass wir nun auch etwas Handfestes zeigen können – da hoffen wir schon, dass wir den Bedarf für mehr Produzenten noch besser decken können», meint er abschliessend.