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Schweizer überrennen deutsche Läden trotz Euroschwäche nicht

Trotz des schwachen Euros kaufen die hiesigen Konsumenten nicht vermehrt im Ausland ein. Gründe dafür sind die hohe Inflation, die teuren Spritpreise, aber auch bürokratische Hürden.

von awp/sda

(Symbolbild Pixabay)
Ende September erreichte der Euro mit 0,9405 Franken ein neues Rekordtief zum Franken. Aktuell kostet die Gemeinschaftswährung mit 97 Rappen zwar wieder mehr, hält sich aber hartnäckig unter der Grenze von 1,00 Franken. Schweizer Schnäppchenjäger, die gerne im günstigen Nachbarn Deutschland einkaufen, bekommen darum seit einigen Monaten mehr für ihr Geld als noch vor einem Jahr.
Dennoch verzeichnen die deutschen Grenzbehörden seit dem Frühling keine Welle von Schweizer Einkaufstouristen. Die Deutschen Zollämter in Lörrach und Singen zumindest beobachten keinen Anstieg, wie eine Sprecherin auf Anfrage von AWP sagte.
Feststellen können sie das anhand der abgefertigten Ausfuhrscheine, die die Schweizer für die Rückerstattung der Mehrwertsteuer ausfüllen müssen. Genaue Zahlen geben die Zollämter unter dem Jahr allerdings nicht bekannt.
Umsätze unter 2019
Die von Monitoring Consumption Switzerland zur Verfügung gestellten Debitkartendaten erhärten das Bild. “Trotz des starken Frankens gibt es keine Hinweise, dass der Einkaufstourismus in die Höhe geschnellt wäre”, sagt die CS-Ökonomin Meret Mügeli, die die Daten für ihre Prognosen zum Detailhandel nutzt.
Unter Ausklammerung der Tankstellen lagen die Detailhandelsumsätze von Schweizern, die in Deutschland einkauften, von Februar bis September 0,6 Prozent tiefer als in derselben Zeitspanne 2019, als der Grenzverkehr noch ohne Einschränkungen möglich war.
Die Zahlen von Monitoring Consumption weisen allerdings nur Debit- und keine Kreditkarten- oder Barzahlungen aus. Ausserdem beziehen sie sich nicht nur auf die Debitkarten-Ausgaben von Schweizern nahe der Grenze, sondern in ganz Deutschland. Zahlungen von Schweizern, die ihre Ferien in Deutschland verbringen, sind also ebenfalls in der Statistik erfasst.
Lebensmittelpreise und Anfahrtskosten schrecken ab
Mügeli sieht mehrere Gründe, warum es trotz des hohen Frankens keinen Grenz-Shopping-Boom gibt. «Die Inflation ist im Ausland viel höher als in der Schweiz, gerade im Lebensmittelbereich», sagt sie. Konkret verteuern sich die Lebensmittel im Ausland stärker als hierzulande – und damit werden sie weniger attraktiv für die Shopping-Touristen aus der Schweiz.
Ein Blick in die Detaillierten Zahlen von Monitoring Switzerland unterstreicht diese Theorie: Denn die Daten zeigten, dass die Umsätze vor allem bei Lebensmitteln stärker unter dem Vor-Corona-Niveau liegen als bei anderen Gütern.
Rein rechnerisch würde sich der Kauf im Ausland trotzdem lohnen, denn gemäss der Ökonomin wurde der wechselkursbedingte Kaufkraftgewinn nicht vollständig durch die höhere Inflation im Ausland zunichte gemacht. Aber der Preis der Waren ist eben nicht das Einzige, das die Einkaufstouristen berücksichtigen: «Ein weiterer Faktor ist der Treibstoffpreis, der für Schweizer den Weg ins Ausland verteuert», so Mügeli.
Dazu kommt der durch die Pandemie hervorgerufene Strukturwandel im Detailhandel: «Es ist denkbar, dass die Konsumenten Schnelllieferdienste und Onlineshopping komfortabel finden und zumindest teilweise weiter nutzen», sagt Mügeli. Heisst: Manche Schweizer Konsumenten haben sich an das bequeme Bestellen im Internet gewöhnt und bleiben lieber zuhause, anstatt sich in vollgestopfte Läden zu begeben.
Zwar hat das Onlineshopping laut der CS-Ökonomin gegenüber 2021 durchschnittlich leicht abgenommen. Die Zahlen des Bundes zum Detailhandel zeigten aber, dass die Umsätze im Online-Shopping noch immer rund 20 Prozent über dem Niveau von 2019 lägen.
Mehrwertsteuer-Grenze bei 50 Euro
Noch einen weiteren Grund, warum man 2022 trotz des starken Frankens das Niveau von 2019 nicht erreicht hat, bietet der Handelsverband Südbaden. «Das Niveau von 2019 ist sicherlich auch deswegen nicht erreicht worden, da im Januar 2020 die Bagatellgrenze von 50 Euro eingeführt wurde», so der Verband. Somit erhalten Nicht-EU-Bürger, die in Deutschland einkaufen, die Mehrwertsteuer erst ab einem Einkauf von 50 Euro oder mehr zurückerstattet.
Die Bagatellgrenze soll in Zukunft einer digitalen Mehrwertsteuerrückerstattung weichen. Der Verband hofft nun, dass es mit dem Projekt vorwärts geht. «Ein Einkauf ohne Bagatellgrenze würde wieder spontaner erfolgen können, was sicher auch dazu führen würde, dass der Einkaufstourismus wieder steigt.»