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Weltmeisterkäse aus Vorderfultigen

Urs Leuenberger, der Dorfkäser von Vorderfultigen, hat mit seinem Gruyère AOP die World Cheese Awards in Wales gewonnen. Weil Kunden unbedingt seinen Käse wollen, hat er jetzt mit dem Postversand begonnen.

von wy

Urs Leuenberger vor dem Kessi, in dem der Weltmeisterkäse entsteht. (Roland Wyss-Aerni)
Leuenbergers Käsekeller ist nicht so gross. Die Laibe gehen deshalb nach zwei Monaten in die Käserei Juchlishaus. (Roland Wyss-Aerni)
Die Käsepflege passiert von Hand - hier beim Fultiger Bergkäse. (Roland Wyss-Aerni)
Zuerst habe er gar nicht recht begriffen, was er gewonnen habe, lacht Urs Leuenberger. Er hatte den Käsewettbewerb ohnehin vergessen. Der Vizechef seines Käsehändlers und Affineurs Gourmino habe ihn aber Anfang November angerufen und ihm mitgeteilt, dass er an den World Cheese Awards in Wales der «Overall Winner» sei – und das sei ja nicht einfach eine Kategorie, sondern eben Weltmeister, sei ihm dann später aufgegangen. Leuenberger sagt, Gourmino habe zum ersten Mal teilgenommen und von den drei anliefernden Gruyère-Käsereien je einen Surchoix-Käse (etwas cremiger, mindestens 12 Monate) und einen Réserve-Käse (etwas bröckeliger, mindestens 15 Monate) angemeldet – und prompt damit gepunktet. Denn der Titel für Leuenbergers Gruyère Surchoix nützt nicht nur ihm, sondern natürlich auch dem Händler Gourmino.
An Leuenbergers Alltag ändert der Titel zwar nicht viel. Auch an diesem Mittwochvormittag hat der Milchkäufer die Milch seiner acht Milchbauern aus dem Dorf entgegengenommen, sie dampft jetzt, um 7.30 Uhr, im Kessi. Auch heute wird er zusammen mit seinem Mitarbeiter Pius Hitz aus den knapp 3000 Litern sieben Laibe Gruyère AOP produzieren. Und trotzdem freut es ihn, dass die tägliche Arbeit auf diese Art ins Rampenlicht gelangt. Es sei eine Bestätigung, dass man auf dem richtigen Weg sei, sagt Leuenberger. Kategoriensieger war er auch schon mal, am World Championship Cheese Contest in Wisconsin, mit der Spezialität Fultigerchrüsch, für den Gruyère Surchoix gabs Bronze, der Weltmeistertitel ist nun quasi die Krönung. Leuenberger produziert neben dem Gruyère eigene Spezialitäten: den Fultiger Bergkäse, gruyère-ählich, aber halbhart, dank höherem Fettgehalt etwas cremiger; den Fultigerchrüsch, mit Chili, Knoblauch, Pfeffer und Estragon; den Chrüterzouber mit 10 verschiedenen Kräutern; und den Crémeux, ein milderer und feinerer Käse, eher vom Typ Freiburger Vacherin.
Neue Kunden und Postversand
Der Weltmeisterkäse aus Vorderfultigen sei «ein Käse mit viel Geschmack und Bouquet», schrieben die World-Cheese-Awards-Juroren in ihrer Begründung. Er «zergehe auf der Zunge und habe Duftnoten von Kräutern, Früchten und Leder». Leuenberger lacht und zuckt die Schultern. Damit kann er nicht viel anfangen. «Es ist schlussendlich einfach auch Geschmackssache.» Und immerhin: Dank dem Weltmeistertitel hat er jetzt direkte Anfragen von Kunden, die seinen Siegerkäse kaufen möchten. «Deshalb habe ich jetzt mit dem Postversand begonnen», sagt Leuenberger. Bis zu zwei Kilogramm liefere er so aus. Der Gruyère-Preis, 22 Franken pro Kilogramm, sei trotz Titel immer noch der gleiche.
Weil Leuenbergers Käselager zu klein ist, werden die Gruyère-Laibe nach zwei Monaten in die Käserei Juchlishaus transportiert. Dort – noch innerhalb der im Pflichtenheft vorgeschriebenen AOP-Region – reifen die Laibe weitere zwei Monate, bevor sie dann ins Gourmino-Ausreifungslager nach Reichenbach im Simmental gelangen.
Wechselvolle Karriere
Der 57-jährige Käsermeister Leuenberger führt die Käserei Vorderfultigen seit 2015, damals wurde er von den vorherigen Betreibern angefragt, ob er sie übernehmen wolle. Weil er am Arbeitsort bei Nestlé in Konolfingen nicht mehr glücklich war, sagte er zu. In Konolfingen hatte er von 2003 bis 2015 gearbeitet, davor hatte er die Emmentaler-Käserei in Unterlangenegg geführt, die er vom Vater übernommen hatte – bis Emmi im 2003 den Vertrag nicht mehr verlängerte.
Per Ende Jahr will Leuenberger den Betrieb nun abgeben an Pius Hitz, er selber wird dann nur noch Angestellter sein, sicher mal bis im Frühling. Das sei schon eine Umstellung, als ehemaliger Chef, aber: «Dann habe ich etwas mehr Zeit zum Skifahren.» Und mittelfristig will er noch einen neuen Job suchen, «ich finde sicher noch etwas Gutes».