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Foodtrends 2023: Irdische Krisen und kosmische Inspirationen

Klimakrisentaugliche Lebensmittel, Gemüse als functional food, von der Raumfahrt inspirierte Nahrung und minimalistische Botschaften: diese Foodtrends erwarten uns laut dem Marktforschungsinstitut Mintel.

von mos

Wird Astronautennahrung zur Inspiration für Lebensmittel auf der Erde? Im Bild: Lebensmittel und Zubereitungseinheit für die erste amerikanische Raumstation Skylab (1973/74). (Nasa)
«Good for you»: Die neuseeländische Supermarktkette Countdown lobt bereits heute die gesundheitlichen Vorteile ihrer Brokkoli-Blumenkohl-Mischung aus. (zVg)
Wenn die Energiekosten steigen, wollen die Konsumenten Gerichte, die sich mit wenig Energie zubereiten lassen - zum Beispiel in der Mikrowelle. (123rf.com)
Was wollen die Konsumentinnen und Konsumenten? Und welche Entwicklungen werden für die Lebensmittel- und Getränkehersteller zu Chancen und Herausforderungen? Das Marktforschungsinstitut Mintel hat im Report «Global Food and Drink Trends 2023»* vier Schlüsseltrends publiziert, die die globale Lebensmittel- und Getränkeindustrie im Jahr 2023 und darüber hinaus prägen werden.
1. Klimakrisentaugliche Lebensmittel
Hitzewellen, Kälteeinbrüche, Stürme und Überschwemmungen: Wegen der Klimakrise werden wir mit extremen Wetterereignissen leben müssen. Gefordert sind auch die Hersteller von Lebensmitteln und Getränken, schreibt Jenny Ziegler, Direktorin von Mintel Food & Drink, in einer Mitteilung. «Die Verbraucher werden nach Produkten suchen, die ihrem Körper helfen, den unterschiedlichen Temperaturextremen zu widerstehen.» In Hitzephasen könnten das besonders erfrischende Getränke sein oder gesalzene Bonbons, die ein kühlendes Gefühl im Mund hinterlassen. An kalten Tagen wiederum sind herzhafte und wärmende Fertiggerichte gefragt.
Bei Überschwemmungen und anderen Wetterkatastrophen sind laut Mintel ausserdem energiereiche Lebensmittel gefragt, die ohne Kühlung lang haltbar sind und sich mit einfachen Mitteln und wenig Energie zubereiten lassen, allenfalls sogar ohne Kochen. Wegen steigender Energiekosten und möglicher Blackouts würden die Konsumierenden generell nach Lebensmittel verlangen, die sich energieeffizient zubereiten liessen, etwa in der Mikrowelle statt im Ofen. Wegen der stärkeren UV-Strahlung werde zudem die Nachfrage nach funktionellen Lebensmitteln und Getränken mit positiven Auswirkungen auf die Hautgesundheit steigen, so Ziegler.
2. Booster für die mentale Performance
Die Konsumenten verlangen zunehmend nach Lebensmitteln, die ihre mentale Performance boostern. «Die Verbraucher werden nach Lebensmitteln und Getränken suchen, die die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen, den Stresspegel senken und die Gehirnfunktionen optimieren», ist Ziegler überzeugt. Dazu gehören Wachmacher wie Kaffee, wobei Mintel hier koffeinreduzierte Varianten auf dem Vormarsch sieht. Diese liefern zwar einen Kick, führen aber nicht zum Koffeinabsturz. Auch alternative Koffeinquellen sind laut Mintel im Kommen, wie etwa eine in Nordamerika heimische Stechpalmenart, die ausserdem auch klimaresilienter ist als die Kaffeepflanze.
Auch Gemüse und Früchte könnten in den nächsten Jahren verstärkt als Energiespender und Stimmungsheber ausgelobt und konsumiert werden, glauben die Forschenden von Mintel. Denn die darin enthaltenen natürlichen und funktionellen Inhaltsstoffe wirkten sich positiv auf die Verdauungsgesundheit und damit die kognitive Gesundheit aus. Noch müsse die Forschung allerdings besser verstehen, wie sich das Mikrobiom, also die Bakterien in unserem Magen und Darm, auf unser Gehirn auswirkten. Das werde den Herstellern die Gelegenheit bieten, wissenschaftlich fundierte Claims zu den Gesundheitswirkungen zu machen. «Das wird ballaststoffreichen Lebensmitteln wie Früchte und Gemüse zum Durchbruch verhelfen», so Jenny Ziegler.
3. Inspiration aus dem All
Die Nasa will wieder Menschen auf den Mond bringen, China und Japan buttern Milliarden in ihre Weltraumprogramme und Milliardäre wie Jeff Bezos träumen davon, den Weltraumtourismus massentauglich zu machen. Dieses neue «space race» macht laut Mintel den Weltraum vor allem für die Generation Z, die von der Erde mit ihren Krisen desillusioniert sei, zu einer «Traumdestination». Der Weltraum und die Raumfahrt biete sich daher für die Unternehmen als Marketingthema an.
Astronautennahrung für lange Missionen im All oder Nahrungsmittelproduktion im All: Die Forschung am Weltraumfood könnte laut Mintel auch ganz konkrete Auswirkungen auf der Erde haben, etwa mit neuen Methoden zur ressourcenschonenderen Landwirtschaft oder mit neuen Produkten wie Snacks aus getrockneten Algen oder Brot, das nicht krümelt – herumfliegende Brösmeli sind in der Schwerelosigkeit ein Problem. Beide Produkte gehören zu den Finalisten der «Deep Space Food Challenge», mit der die Nasa neue Foodkonzepte fürs All such. Die Gewinner werden im März 2023 gekürt. Und was heute auf der Internationalen Raumstation bereits im Kleinen funktioniert, könnte angesichts von Wasserknappheit auch auf der Erde zu einer praktikablen Lösung werden: eine Nasa-Technologie, die aus dem Urin von Menschen trinkbares Wasser destilliert.
4. Minimalistische Botschaften
Vor dem Supermarktregal sind Konsumentinnen und Konsumenten vor allem eines – überfordert von der Informationsflut auf den Verpackungen. Klarheit und Einfachheit in der Kommunikation sei deshalb für Marken die Erfolgsformel, sagen die Trendforscher von Mintel. Konkret: Die Konsumenten greifen zu Produkten mit klar designten Verpackungen, die auf einen Blick gesundheitlichen Vorteile und natürliche Inhaltsstoffe hervorheben. Storytelling auf der Verpackung hingegen sei out. Marken sollten sich das Geschichtenerzählen für ihre Websites und die sozialen Medien aufsparen, sagt Mintel.
In den nächsten zehn Jahren würden die Verbraucher verstärkt auf virtuelle Lösungen zurückgreifen, um Lebensmittel zu finden, die zu ihren Gesundheitsbedürfnissen oder ihren ethischen und ökologischen Ansprüchen passen. «Sie verlassen sich auf intelligente Assistenten, smarte Kühlschränke und auf kuratierte Shops im Metaversum, um Artikel herauszufiltern, die nicht ihren voreingestellten Präferenzen entsprechen», sagt Jenny Ziegler. Das zwinge die Unternehmen dazu, die entsprechenden Informationen auf E-Commerce-Websiten zur Verfügung zu stellen.
* Insgesamt gehen die Analysten von Mintel von acht Trends aus, die für die Lebensmittel- und Getränkebranche wichtig sind. Im gratis zugänglichen Trendreport (Download auf www.mintel.com/global-food-and-drink-trends) geht Mintel nur auf die vier Trends ein, die im obigen Artikel beschrieben werden. Die restlichen vier sind den zahlenden Mintel-Kunden vorbehalten.