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Hauptsache, es knallt

SVP-Nationalrat Marcel Dettling zeigt schon vor der sicheren Wahl als Parteipräsident, wo er steht: Nicht auf dem Boden von Tatsachen, sondern im nebligen Gelände von Behauptungen und Verdrehungen.

Marcel Dettling.

Der Schwyzer Landwirt und SVP-Nationalrat Marcel Dettling ist als künftiger Parteipräsident praktisch gewählt. Konkurrenzlos kann er sich derzeit darauf konzentrieren, mit kernigen Sprüchen vor der Wahl die grosse Medienpräsenz zu erhalten, die dem eher blass gebliebenen Vorgänger Marco Chiesa vor allem in der Deutschschweiz oft verwehrt war.
Dettling orientiert sich mit seinen kernigen Sprüchen weniger an Fakten als an dem, was ein Grossteil seiner Partei – so muss man es vermuten - hören will. Er weiss, wie im Zeitalter von Social Media und von Zeitungen mit Leserschwund  eine Message erfolgreich gestreut wird: Was wahr ist, ist egal, Hauptsache, es knallt.
«Tod der Agrarpolitik»
Das Rahmenabkommen mit der EU, wie es demnächst wieder neu verhandelt werden soll, wäre «der Tod der heutigen Agrarpolitik», sagte Dettling zum Beispiel im Nebelspalter. Weil: «Wenn wir EU-Recht übernehmen müssen, bedeutet das, dass wir Zugeständnisse machen müssen, dass wir viel, viel mehr Fleisch aus dem EU-Raum importieren müssen.»
Das ist Unsinn, denn es wird in der Agrarpolitik ja eben kein EU-Recht übernommen. In den Erläuterungen zum Verhandlungsmandat des Bundesrates heisst es: «Das Landwirtschaftsabkommen soll auf die gesamte Lebensmittelkette ausgeweitet werden. Damit würde ein gemeinsamer Lebensmittelsicherheitsraum Schweiz–EU geschaffen. Ziel ist, den Konsumentenschutz und den gegenseitigen Marktzugang zu stärken. Dabei werden bestehende Ausnahmen im Agrarbereich erhalten bleiben… Es ist explizit keine Harmonisierung der Agrarpolitiken vorgesehen.»
Es wird also genau das ausgeschlossen, was Dettling hier als Teufel an die Wand malt.
Später im Interview behauptet Dettling, dass die Direktzahlungen in der heutigen Form gefährdet wären und dass in der Folge noch viel mehr Bauernbetriebe aufgeben müssten. Auch diese Aussage ist aus den oben erläuterten Gründen völlig haltlos.
Der Schweizer Bauernverband hält in seiner Stellungnahme fest, eine Harmonisierung der Kontrollsysteme bei Lebensmittelsicherheit, Konsumentenschutz, Marken- und Umweltschutz sei im Interesse der Landwirtschaft, falls wichtige Ausnahmen bei Tierwohl, neuen gentechnischen Verfahren und Deklarationspflichten möglich blieben.
Das bleiben sie. In den Erläuterungen zum Verhandlungsmandat steht es: «Es besteht die Möglichkeit zur Verhandlung von Ausnahmen in wichtigen Bereichen, um eine Aufweichung der Schweizer Standards zu vermeiden (u. a. Tierschutz, neue Technologien in der Lebensmittelproduktion inkl. genetisch veränderte Organismen).
Klimawandel: Gut für die Bauern
In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» schoss Dettling sich mit ebenso eingängigen und teilweise ebenso falschen Aussagen auf den Klimawandel ein. «Wir können den Klimawandel nicht aufhalten», man könne sich höchstens anpassen. Dettling argumentiert dabei unredlich: «Die Wissenschaft und ich haben keine grosse Differenz. Wir sagen beide, die Menschen haben, wie alle Lebewesen auf dieser Welt, einen Einfluss. Die Frage ist bloss, wie gross dieser ist.» Das ist eben die alles entscheidende Differenz zwischen Dettling und der Wissenschaft: Er findet, der Einfluss des Menschen sei praktisch vernachlässigbar, für die Wissenschaft hingegen ist klar, dass der Einfluss entscheidend und gefährlich für den ganzen Planeten ist.
«Für die Bauern ist die Klimaerwärmung nicht schlecht», findet Dettling weiter: Die Vegetationsperiode verlängere sich, neue ertragreiche Pflanzen würden wachsen, man könne die Tiere länger draussen lassen.
Der Schweizer Bauernverband sieht es anders. In seinem Positionspapier «Schweizer Landwirtschaft im Klimawandel» heisst es, zwar habe der Klimawandel durchaus vereinzelt positive Auswirkungen, aber «nichtsdestotrotz dominieren langfristig die negativen Effekte». Genannt werden unter anderem höherer Bewässerungsbedarf auf den Äckern, höherer Schädlingsdruck durch mildere Winter, Raufutterengpässe in trockenen Sommern oder die Gefahren von Spätfrösten im Obstbau. Man übernehme auch Verantwortung, schreibt der Bauernverband: «Die Schweizer Landwirtschaft will ihren Teil zu einer besseren Klimabilanz beitragen, gerade, weil sie selber vom Klimawandel stark betroffen ist.»
Nicht verhindern, nur anpassen
Mit seinen Aussagen zum Klimawandel – die in den Medien bereits verschiedentlich diskutiert und korrigiert wurden – wischt Dettling nicht nur jahrzehntelange Erkenntnisse der Wissenschaft beiseite. Die Aussage «Wir können den Klimawandel nicht verhindern, wir müssen uns nur anpassen» könnte man auch verstehen als «Die Dekarbonisierung ist unnötig». Auch hier ist sich die Wissenschaft grossmehrheitlich einig: Die Kosten der Anpassung werden irgendwann um ein Vielfaches höher sein als die Kosten der Dekarbonisierung.
Man könnte die Aussage «Wir können den Klimawandel nicht verhindern, wir müssen uns nur anpassen» auch als Affront verstehen gegenüber allen grossen und kleinen Unternehmen aus allen Branchen, Verbänden und Berufskolleginnen und -kollegen von Dettling, die sich schon lange auf den Weg gemacht haben und ihre Treibhausgasemissionen reduzieren. Weil die Sachlage aber so klar ist, ist es kein Affront, sondern einfach Unsinn.
Hauptsache, es knallt.
Marcel Dettling hat von foodaktuell die Gelegenheit für eine Stellungnahme und Präzisierung seiner Aussagen erhalten, er hat sie nicht wahrgenommen.

Milchwirtschaftliches Museum

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