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Ein Genuss-Glühwein mit Schweizer Wein

Der Schweizer Premium-Glühwein «Glüehli» verspricht Genuss ohne Kopfweh und soll Schweizer Winzern eine neue Absatzquelle erschliessen. Doch die Marktbearbeitung erweist sich als herausfordernd.

Mitten im Sommer denken die wenigsten an Glühwein. Simone May und Stephan Feige schon. Die beiden wollen mit Glüehli diese Saison den ersten Schweizer Premium-Glühwein lancieren. Die Zeit drängt, die Produktion soll bald starten. Derzeit verhandeln sie noch mit Detailhändlern über eine Listung und putzen Klinken bei Gastrobetrieben und Weihnachtsmarktbetreibern – eine oft ernüchternde Angelegenheit, wie die beiden erzählen.
Doch der Reihe nach: Geschätzte drei bis vier Millionen Liter Glühwein und Wein zur Glühweinproduktion werden jedes Jahr in die Schweiz importiert, meist Billigwein aus Europa oder Übersee. Gleichzeitig sitzen Schweizer Winzer auf übervollen Lagern mit Rotwein, der schon die optimale Genussreife erreicht hat. «Wir haben Rotwein in sehr guter Qualität in der Schweiz, da ist es doch widersinnig, Glühwein zu importieren», bringt es Simone May auf den Punkt.
May ist Geschäftsführerin von Agro Marketing Thurgau und hat bereits Erfahrung mit Schweizer Glühwein gesammelt. Als im Coronajahr 2020 Thurgauer Winzer wegen abgesagter Veranstaltungen auf ihrem Wein sitzen blieben, begann May daraus Glühwein zu produzieren, später kam Glühmost dazu. «Wir können Glühwein und wir wissen, wie Topqualität geht», bilanziert May sechs Jahre später. Der Fokus habe auf der Machbarkeit gelegen, weniger auf dem Marketing. Deshalb hätten es die Produkte der Marke «Glüh» nicht über den regionalen Nischenmarkt hinaus geschafft.
Regionalität und Qualität
Das soll sich mit Glüehli ändern. Dazu hat May den Marketingfachmann Stephan Feige an Bord geholt. «Wir wollen mit Glüehli in der ganzen Schweiz einen vernünftigen Marktanteil erreichen», sagt Feige. Er hat sich intensiv mit Regionalprodukten auseinandergesetzt und weiss, dass Regionalität und Herkunft bei Konsumentinnen und Konsumenten hoch im Kurs stehen. «Wieso sollte das beim Glühwein nicht auch funktionieren?»
Die zweite Trumpfkarte von Glüehli: Qualität. «Wir wollen den Glühwein aus der Schmuddel-Kopfweh-Ecke rausholen», sagt Feige. Glühwein gelte gemeinhin als Billigprodukt mit mässiger Qualität. Glüehli hingegen müsse als Genusswein wahrgenommen werden. Ermutigende Beispiele gibt es bereits. Einzelne Winzer verkaufen schon heute stolz ihre eigenen Winzer-Glühweine als Premium-Produkte zu einem entsprechenden Preis.
Für die Produktion von Glüehli wird qualitativ hochwertiger Schweizer Rotwein verwendet. «Der Wein braucht eine gewisse Substanz, damit er die Gewürze ausbalancieren kann», erklärt May. Bei einem Abfüllpartner wird der Wein pasteurisiert. Zucker werde nur so viel zugefügt, wie es zur Entfaltung und Abrundung der Aromen brauche, erklärt May. Konservierungsstoffe und Schwefelung gebe es keine – «das merkt man spätestens am Morgen danach». Bei den Gewürzen haben sich May und Feige etwas Besonderes einfallen lassen: ein Hauch Tonka-Bohne nimmt dem Wein die Säurespitze und sorgt für einen runden Geschmack.
Knackpunkt ist der Preis
Ein Selbstläufer ist «Glüehli» aber nicht, das merken Simone May und Stephan Feige derzeit in ihren Verkaufsgesprächen. Der Knackpunkt in der Gastronomie und bei grossen Weihnachtsmarktveranstaltern ist der Preis. «Alles deutlich über zwei Franken pro Liter ist schwierig», sagt Feige. Glüehli koste für die Gastronomie in Grossgebinden aber drei bis vier Franken pro Liter. Sonst könne man den Winzern keinen fairen Preis für ihren Wein zahlen und nicht in der Schweiz produzieren. Feige ist überzeugt: «Konsumenten würden auch 50 Rappen mehr für eine Tasse Schweizer Qualitätsglühwein zahlen.»
Auch der Handel zeigt sich in den Gesprächen laut Feige «schüchtern». Dabei sei Glüehli für den Detailhandel interessant, als margenstarkes Produkt, das den Premiumtrend bediene. Eine 75-cl-Flasche Glüehli würde im Supermarkt zwischen 9.95 und 14.50 Franken kosten, zwei bis drei Mal so viel wie ausländischer Glühwein. Zielpublikum seien nicht die Billigwein-Konsumenten, sagt May, sondern Geniesserinnen und Geniesser, die ihren Glühwein bisher zu Hause selbst mit hochwertigen Weinen zubereitet haben und nie eine Flasche Wein unter 10 Franken kaufen würden. Ihnen biete man nun eine fixfertige Lösung mit Schweizer Wein an. «Glüehli lässt sich zudem ohne schlechtes Gewissen auch verschenken», sagt Feige.
Ob bereits diesen Winter landauf landab an Weihnachtsmärkten Glüehli ausgeschenkt wird? Simone May und Stephan Feige sind skeptisch. «Das Problem ist: Keiner weiss, dass es Schweizer Glühwein gibt», sagt Feige. Vor den beiden Initianten, die Glüehli als ihr «Herzensprojekt» bezeichnen, steht also noch viel Überzeugungsarbeit. Mindestens 10'000 Flaschen wollen die beiden dieses Jahr abfüllen und unter die Leute bringen. «Es soll keiner sagen, er will ihn nicht, wenn er ihn nicht probiert hat», sagt Feige. Überzeugt vom Produkt sind beide: «Klappt es nicht dieses Jahr, klappt es nächstes Jahr», sagt Simone May. Klar ist: Sollte Glüehli zum Fliegen kommen, ist das Potenzial gross. Allein in der Westschweiz liegen derzeit hunderttausende Liter überschüssigen Rotweins am Lager.

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