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Citylogistik – die guten Ideen sind da

Unter dem Begriff «Citylogistik» ist eine kluge Bewirtschaftung der letzten Meile durch KEP-Dienstleister gemeint. Die Zutaten: hoher Kooperationsgrad, gemeinsame Kommissionierungslager, sauberer Fahrzeugpark, Depotdienstleistungen.

von Manuel Fischer

Der Pakettransport vom zentralen Verteilzentrum (Post) zum Micro-Hub von Notime im Quartier geschieht mit einem Elektro-Fahrzeug (Fa. Kyburz Switzerland AG).

Es ist ein Widerspruch: In einer zunehmend urbanen Gesellschaft mit individualisierten Lebensstilen und Zeitmustern blüht der Onlinehandel und somit die Zulieferung von allerlei Konsumgütern frei Haus (Elektronik, Textilien, Hobbyartikel usw.) durch Kurier-Express-Paket-Dienstleister (KEP). Ebenso nimmt die Nachfrage nach online bestellten und vor die Haustür gelieferten Lebensmittel zu – zunehmend auch aus dem Frischesortiment. Andererseits sehnen sich Stadtbewohner nach hoher Wohnqualität und nach verkehrsberuhigten Quartieren.

Die Anzahl der auszuliefernden Pakete steigt Jahr für Jahr, die Anzahl Sendungen mit temperatur-kritischer Ware ebenfalls. Gleichzeitig beobachtet man aber ebenso eine Reduktion der Volumen pro Sendung. Der induzierte Mehraufwand bei der Zustellung auf der letzten Meile und behördliche Restriktionen bei den Zufahrten (Reduktion von Parkplätzen, Zeitbeschränkungen, Dieselfahrverbote usw.) erleben die KEP-Dienstleister als unbefriedigend.
Also müssen neue Konzepte her: Die City-Logistik wurde in ihrer ursprünglichen Form als reine Kooperation von Stückgutspediteuren verstanden. Modernere City-Logistik-Konzepte zeichnen sich durch einen breiteren Problemfokus und Massnahmenkatalog aus. Dazu gehören u.a. das Errichten von Kommissionierungslagern in der Nähe der KEP-Auslieferungszonen, einen Erledigungs­service für zeit- und mobilitäts­beschränkte Kunden oder Depotdienstleistungen mit Warenübergabeboxen (Pick-Points). Nicht zu vergessen ist das Umrüsten des Fahrzeugparks auf lärm- und schadstoffarme Fahrzeuge.

Praxisbeispiel im nahen Ausland

Vielfach werden Citylogistik-Projekte diskutiert und dann schubladisiert; nicht so in der Stadt Strassburg im Elsass. Die Stadtverwaltung untersagt per Dekret die Belieferung der zahlreichen Läden und Verpflegungsangebote durch Dieselfahrzeuge ab 2022. Die Behörden der Stadt und der Agglomeration Strassburg starteten letztes Jahr ein Kooperationsprojekt mit dem Kühllogistiker STEF. Das Unternehmen hat seine Fahrzeugflotte umgerüstet und versorgt aus einem Distributionszentrum im Vorort Bischheim die Läden und Restaurants der Innenstadt mit Flüssiggas-(LNG)-Lieferwagen und E-Cargobikes. Ausserdem wurde vor einem halben Jahr eine weitere Plattform, zusammen mit DB Schenker, aufgebaut. Diese hat zur Aufgabe, die «letzte-Meile»-Sendungen diverser Anbieter zu bündeln.

«Der Leidensdruck ist hierzulande noch zu wenig gross, als dass sich ein Citylogistik-Konzept bereits flächendeckend durchgesetzt hätte», sagt Georg Burkhardt, Geschäftsführer des schweizerischen Verbandes für temperaturgeführte Logistik (SVTL) zur Situation in Schweizer Städten. Mit der zunehmenden Beliebtheit der KEP-Dienste steige hingegen der Druck, praxistaugliche Lösungsansätze umzusetzen.

Hubs in Städten, Fahrzeugpark

Unter dem Titel «Innovative Lösungen in der Feinverteilung temperaturgeführter Lebensmittel» führte der SVTL – zusammen mit der Organisation GS1 Schweiz – im Mai dieses Jahres einen Workshop in kleineren Gruppen durch.
Unter dem «Szenario Städtefahrverbot» diskutierten Teilnehmer der ersten Gruppe neuartige Kooperationskonzepte. Als eines der zentralen Elemente nannte man die Errichtung eines zentralen Hubs pro Grosstadt/Stadtregion (200 000 Einw.). Die Feinverteilung müsste ab diesem Hub auf fixen Routen mit Fahrzeugen geschehen, die mit nachhaltiger Antriebstechnologie ausgestattet sein sollen. Vorteil: Ein gebündelter Transport mit sauberen Fahrzeugen (z.B. LNG, E-Cargobikes) auf der letzten Meile hätte weniger Verkehr in den Wohnquartieren und weniger Emissionen zur Folge. Die Risiken: Ein geeigneter Standort mit genügend Infrastruktur am Stadtrand muss zuerst gefunden werden.
Alternativ zu grossen Hubs könnten auch lokale Sammel- und Lieferhubs von einem KEP-Unternehmen selbst betrieben werden, das auch gleichzeitig die Ware an Endkunden fakturiert (ähnlich HOGA-Shops).
Natürlich hatten auch futuristische Ideen am Workshop ihren Platz. So plädierten einige auch für ein unterirdisches Transportsystem mit vordefinierten Verteilpunkten.

Innovativ kühlen, Pooling der Lademittel

Unter dem Stichwort «E-Commerce mit innovativen Kühllösungen» diskutierte eine zweite Gruppe die Gestaltung der Warenübergabe. Man diskutierte z.B. die notwendige Infrastruktur für die Auslieferung am Wohnort. Hinsichtlich der Direktzustellung an die Haushalte wurde die Notwendigkeit der Kühlung und Abschliessbarkeit von Ablagefächern (Milchkasten) diskutiert. Oder genügt ein für die Zulieferer zugänglicher Raum im Untergeschoss für die sichere Ablage der temperatursensiblen Ware? Gibt es alternative Kältemittel?

Ein ebenso wichtiges Element eines modernen City-Logistik-Konzeptes ist das gemeinsame Nutzen von normierten Lademitteln (Boxen un/gekühlt, andere Kleinladungsträger). Damit wird die Auslastung der Fahrzeuge gesteigert und damit die Effizienz des Auslieferungsdienstes generell. Kunden würden tendenziell schneller und günstiger bedient.

So könnte ein Set an modularisierten, stapelbaren Mehrwegboxen mit Thermo-Funktion die sichere letzte Meile gewährleisten. Bereits heute sind solche Boxen auf dem Markt, mit mehreren Temperaturzonen ausgerüstet oder mit Vakuum-Paneelen versehen, gegen äussere Einflüsse sehr gut gedämmt. Für tiefgekühlte Ware gibt es auf die Kurzdistanz Alternativen zu Kältemaschinen, die in Abhängigkeit von Fahrzeugmotoren funktionieren – so beispielsweise die Trockeneis-Kühlung. Über einfache Sensoren kann die Temperatur der Ware bis zur Übergabe an den Konsumenten kontrolliert werden.  Analog zu den normierten EPAL-Paletten wäre das Management der Mehrwegbehältnisse als gemeinsamer Pool zu betreiben (Gebühr oder Eins-zu-Eins-Tauschverhältnisse).

Koordination, Politik

Abseits der diskutierten technischen Ansätze war klar geworden: Ohne minimalen politischen Druck und der Bereitschaft zu kooperativem Verhalten aller Beteiligten, wird die letzte Meile kaum nachhaltiger gestaltet werden können. So wurde auch das Abholen der bestellten Ware an kollektiven Standorten im Quartier angeregt, etwa an öV-Haltestellen, Tankstellen, Abholpunkten im Detailhandel, ja sogar in stillgelegten Telefonkabinen. Der Vorteil dieser Entkoppelung von Auslieferung und Abholung: Die Lieferung kann ausserhalb der Rushhour stattfinden und ist deutlich billiger als die Individualzustellung.

Nach dem Workshop möchte SVTL-Geschäftsführer Georg Burkhardt seine Mitglieder ermuntern, einen weiteren Meilenstein in Richtung moderne Citylogistik zu setzen. Gerade die temperaturgeführte Belieferung von Lebensmittel und Medikamenten habe höchste Ansprüche zu erfüllen bis zur Übergabe an den Konsumenten. Man sei in der Lage, innovative Ansätze in der temperaturgeführten Logistik zu gestalten, die auch den Konsumenten zugutekommen, so Burkhardt: «Wir wollen einen Prototyp des koordinierten Auslieferdienstes entwickeln und parat sein, wenn die Politik plötzlich nach solchen Konzepten ruft.»
redaktion@alimentaonline.ch

Der nächste Workshop zum Thema Citylogistik findet am 24. September 2019 bei der Firma Aryzta in Lupfig statt. Details unter: www.svtl.ch