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«Die BO Milch ist gefestigt»

Peter Hegglin, Zuger Ständerat und Präsident der Branchenorganisation Milch (BOM), äussert sich im Interview mit alimenta zum Migros-Austritt, zu Butterpreisen, zum Grenzschutzabbau und zum Sbrinz.

von Roland Wyss

Ständerat und BO-Milch-Präsident, Peter Hegglin.
Peter Hegglin im Gespräch mit alimenta-Chefredaktor Roland Wyss.

alimenta: Herr Hegglin, im Buttermarkt herrscht jetzt vor Weihnachten (das Interview wurde am 15. Dezember 2017 geführt, Anm. d. Red.) eine grosse Nachfrage, die Butterlager sind aber praktisch leer. Trotzdem machen die Grossverteiler Aktionen. Verschenkte Wertschöpfung?

Peter Hegglin: Aktionen sind für den Konsumenten interessant. Für die Verkäufer sind sie ein zweischneidiges Schwert, weil zwar mehr verkauft werden kann, aber ein Preisdruck entsteht. Nach Einschätzungen der Branche bewirken sämtliche Aktionen bei den Milchprodukten, dass der durchschnittliche Milchpreis eines Jahres fast um einen Rappen sinkt. Was die Mengen angeht, teile ich Ihre Meinung: Bei der Butter wäre es nicht nötig gewesen, auf die Festtage hin noch Aktionen zu fahren. Die Mengen wären wohl trotzdem verkauft worden. Es ist positiv, dass man die Butterlager stark abbauen konnte. Pro Kopf waren Mitte Dezember noch 30 Gramm Butter in den Tiefkühllagern. Aber die Butter ist nicht so knapp, wie es auf den ersten Blick scheint. In der Statistik werden nur die Tiefkühllager ausgewiesen. Die Lager in den Läden sind nicht mitgezählt. Zudem haben sich die Leute auf die Festtage hin mit Butter eingedeckt, und dann ist es rasch wieder vorbei. Die Butterlager werden jetzt wieder ansteigen.

Milchproduzenten und Käser hätten erwartet, dass Rahm- und Butterpreise nach der A-Richtpreiserhöhung für das letzte Quartal noch stärker ansteigen.

Wir haben bei der Kommunikation dieser A-Richtpreiserhöhung für den Butterpreis nicht eine Zahl genannt, sondern geschrieben, dass wir davon ausgehen, dass der Butterpreis auch steigt. Die effektive Preisentwicklung war dann eine Sache des Marktes.

Der SBV hat den ganzen Sommer hindurch Druck gemacht, dass die Milchpreise stärker ansteigen müssten. Zu Recht?

Der Bauernverband hat eine gewerkschaftliche Aufgabe für die Milchbauern, die hat er mit Nachdruck wahrgenommen. Ich möchte aber betonen, dass die BO Milch gute Instrumente hat: Die allgemeinverbindlichen Milchkauf-Standardverträge mit der Segmentierung und den Richtpreisen. Diese Instrumente helfen, die Preise zu stabilisieren und auch für die Produzenten planbarer zu machen. 2016 war die Preisdifferenz mit 25 Rappen zum EU-Milchpreis so gross wie noch nie. Als in der EU die Preise vom Tiefstniveau aus wieder angestiegen sind, wurde zuerst teilweise die Preisdifferenz reduziert. Über das ganze Jahr gesehen war es immer noch eine hohe Differenz von 20 Rappen.

Ist das etwas, was die Schweizer Milchproduzenten SMP besser verstehen als der Bauernverband? Dieser hat vor allem Druck gemacht, von der SMP hörte man nicht so viel.

Ich erlebe die SMP-Leute als versierte Interessenvertreter, die geschickt versuchen, die Anliegen der Bauern einzubringen. In der BOM braucht es immer auf der Produzentenseite und auf der Verarbeiter-Händler-Seite je eine Mehrheit. Die SMP muss ihre Forderungen so stellen, dass auch die Gegenseite einverstanden sein kann. Die drei Rappen Preiserhöhung beim A-Richtpreis wären auch ohne den Druck des Bauernverbandes zustande gekommen. Aber: der Richtpreis ist das eine, die bezahlten Preise sind das andere.

Kurz nachdem Sie im Frühjahr zum Präsident gewählt wurden, gab es eine Kontroverse um den Milchpreis, die Migros wurde beschuldigt, keine Erhöhung des A-Richtpreises gewollt
zu haben. Und dann stieg die Migros Knall auf Fall aus der BOM aus. Wie haben Sie das erlebt?

Ich habe das bedauert. Ich fand es auch nicht fair, wie man die Migros in der Öffentlichkeit mit Boykottdrohungen an den Pranger gestellt hat. Es folgte ja ein grosser Wirbel mit runden Tischen auch hier im Parlament. Aber man darf mit der Migros nicht so umgehen, sie ist ein fairer Marktpartner, der genau gleich wie die anderen für seine Interessen einsteht. Ich habe Gespräche mit Migros-Vertretern geführt und versuche weiterhin, sie wieder in die BOM zu holen. Die Branchenorganisation ist dann am stärksten, wenn die ganze Wertschöpfungskette dabei ist.

Offenbar ärgerte man sich bei der Migros nicht nur über die Bauern, sondern auch darüber, dass öffentlich über das Abstimmungsverhalten diskutiert wurde.

Ja. Grundsätzlich ist es geheim, wie unsere Beschlüsse zustande kommen. Damit wir zu Resultaten kommen, muss wie in einer Kollegialbehörde mal der eine nachgeben können, mal der andere. Man sollte sich nicht gegenseitig ausspielen. Ich muss annehmen, dass Angaben zum Abstimmungsverhalten aus der BOM an die Presse gingen. Ich habe die Vorstandsmitglieder in die Pflicht genommen, dass sie damit aufhören. Ich glaube, im Moment sind wir als Organisation gefestigt.

In der Wintersession hat das Parlament die Nachfolgelösung für das Schoggigesetz verabschiedet. Im Vorfeld der Beratungen brachte die Branche noch den Vorschlag eines Coupon-­Systems für den Butterimport ein. War das noch ein Thema?

Das Ziel der Coupon-Lösung wäre, die Abwicklung etwas zu vereinfachen. Die Verwaltung wird in den kommenden ­Monaten abschliessend darüber entscheiden. Die BOM ist vorbereitet und hat ihre Reglemente für die Nachfolgelösung erlassen. Wenn möglich, werden wir uns im Frühjahr nochmals für das Coupon-System einbringen.

Die Nachfolgelösung enthält eine Regulierungsbox, mit der bei Milchfettüberschüssen gestützt werden soll. Die Schokoladen- und Biskuithersteller haben diese Box scharf kritisiert. Haben Sie dafür Verständnis?

Als ich im Frühjahr zum Präsident gewählt wurde, war das schon ausgearbeitet – aber ich weiss, dass die Diskussionen intensiv waren. Es war wichtig, eine Lösung zu finden, die von der ganzen Milchbranche getragen wird. Nur so konnte es auch eine politische Mehrheit geben.

Kritik gab es auch von Avenir Suisse. Deren Chef Peter Grünenfelder sagte, die neue Lösung sei eine Weiterführung der Subventionierung und eine Schamlosigkeit.

Ich finde seine Aussagen auch etwas schamlos. Um die Produkte im Ausland verkaufen zu können, braucht es eben solche Massnahmen. Andernfalls – um wirklich gleich lange Spiesse zu haben – müsste man ja nicht nur Agrarmärkte liberalisieren, sondern auch die Löhne. Unser Lohnniveau ist viel höher wegen flankierenden Massnahmen bei der Personenfreizügigkeit. Ich sage nicht, dass ich diese abbauen möchte, aber konsequenterweise würde das dazugehören. Dazu kommen noch die Umwelt- und Tierschutzvorschriften. Importierte Backwaren aus Deutschland dürfen Eigelb aus Batteriehaltung enthalten. Deshalb macht es sich Avenir Suisse hier schon etwas einfach.

Die Milchhändler kümmern sich vermehrt selber um Milchüberschüsse, etwa mit eigenen neuen Käsereien. Was halten Sie davon?

Aus der Sicht der Händler ist es eine gute Lösung, weil sie eine höhere Wertschöpfung haben. Aus Sicht der BOM nicht unbedingt, weil so möglicherweise Produkte aus dem A- und B-Segment konkurriert werden und ein Druck aufs Preisniveau entsteht. Ich finde es gut, wenn man versucht, innovative Wege zu gehen und neue Produkte zu entwickeln – solange diese nicht Produkte aus dem A-Segment mit guter Wertschöpfung torpedieren.

Auch der Händler Aaremilch baut in Diemtigen eine neue Käserei – mit dem Ziel, den grössten Teil der Produkte im Export verkaufen.

Entscheidend ist, ob damit Sortenkäse konkurriert werden. Wenn sie die Produkte so positionieren könnten, dass sie nicht mit tieferen Preisen argumentieren müssen, dann wäre das sehr gut – aber es erscheint mir schwierig.

Der grösste Händler Mooh wird noch grösser, mit der Molkereimilch von Prolait und mit dem Biomilchpool. Was denken Sie darüber?

Offenbar macht Mooh eine gute Arbeit, so dass auch Prolait- und Biomilchpool-Produzenten darauf vertrauen. Für die Produzenten ist es gut, wenn sie einen starken Partner haben. Es gibt eine Handvoll grosse Abnehmer, die Produzentenseite ist kleinstrukturiert. Wenn man so die Marktmacht der Produzenten verbessern kann, ist das positiv.

Die BO Milch hat eine Mehrwert-Strategie verabschiedet, die auf Tierwohl, Ökologie und Raufutter setzt. Ist das nun der Befreiungsschlag für die Schweizer Milchbranche?

Der im November 2017 verabschiedete Bericht ist nicht der Abschluss, sondern ein Zwischenschritt für unsere Mehrwertstrategie. Im Januar beginnt auf der Geschäftsstelle ein Kommunikationsfachmann, der sich vorwiegend mit der Fortsetzung der Mehrwertstrategie beschäftigt. Es gibt auch nicht nur eine richtige Massnahme für eine erfolgreiche Schweizer Milchwirtschaft, sondern viele kleine. In den Bereichen Tierwohl und Ökologie ist die Schweiz heute bereits auf sehr hohem Niveau. In anderen Ländern wird teilweise ausgelobt, was gar nicht belegt werden kann. Es ist nicht Absicht, nur den Status quo neu auszuloben, wir wollen uns auch steigern. Andererseits wollen wir auch möglichst viele Akteure mitnehmen, deshalb kann man die Ziele auch nicht allzu hoch setzen. Die andere Frage ist, wie man diese Mehrwerte den Konsumenten vermittelt, da sollte noch mehr mit Emotionen gearbeitet und die Botschaften noch enger an das Produkt gebunden werden.

Ihr Vorgänger Markus Zemp hat das bestehende Marketing kritisiert, etwa, dass man mit der Lovely-Kuh diese Mehrwerte nicht wirklich rüberbringen könne.

Da ist im vergangenen Jahr sehr viel gegangen. Die neue Marketing-Strategie von Swissmilk arbeitet mit viel mehr Emotionen und setzt auf Werte wie natürliche Fütterung und Auslauf, so wie wir es in unserem Bericht empfohlen haben. Man muss dem Konsumenten nicht erklären, wie die technische Verarbeitung funktioniert. Man muss mit Emotionen arbeiten. Tierquälerische Produktimporte und ähnliche Themen lösen riesige Emotionen und Reaktionen aus, das sehe ich als Parlamentarier. Solche Vorfälle wollen wir verhindern.

Die Auslobung mit «gentechfrei» ist in Deutschland sehr wichtig. In der Schweiz nicht so?

Doch, das ist schon wichtig, aber man ist in der Schweiz aufgrund der Deklarationsvorschriften weniger frei, ein Produkt als gentechfrei auszuloben – etwa wegen dem Lab für Käse oder Vitamine in den Futtermitteln. In Deutschland ist es einfacher.

Der Bundesrat hat Anfang November eine Gesamtschau zur Agrarpolitik 22+ publiziert, der Bauernverband hat die Diskussion darüber quasi verweigert. Was ist Ihre Meinung?

Die BO Milch hat schon im August ihren Input zur AP 22+ eingegeben. Aus unserer Sicht muss sich die Agrarpolitik so ändern, dass wieder mehr Direktzahlungen für eine Leistung und für die Arbeit bezahlt werden. Ökologische Produktion ist wichtig, aber es sollten immer noch Lebensmittel pro­duziert werden. Die genaue Umsetzung braucht noch etwas Denkarbeit.

Beim Streit zwischen Bund und Bauernverband geht es vor allem um den Grenzschutz. Sind die Milchbauern hier etwas kompromissbereiter?

Wir sind in der Schweiz den Marktkräften ausgesetzt, ob mit oder ohne Grenzschutz. Wenn der Preisunterschied zu gross wird, gibt es mehr Einkaufstourismus. Die Schweizer Landwirtschaft muss sich so weiterentwickeln, dass sie einigermassen wettbewerbs­fähig bleibt. Ihre Produkte dürfen teurer sein, aber nicht allzu teuer. Die technische Entwicklung hilft dabei, dass grössere Betriebe mit gleichem Arbeitsbedarf geführt werden können. Ich habe das seinerzeit auf meinem eigenen Betrieb gesehen, als ich die Flächen von zwei anderen Betrieben übernommen habe. Solche Entwicklungen sind wichtig, nur so bleibt die Landwirtschaft auch für die Jungen attraktiv.

Die Sicht des Bundes ist: Die EU steht vor dem Abschluss eines Abkommens mit den Mercosur-Ländern, die Schweiz muss hier nachziehen.
Wir wollen nicht einfach diejenigen sein, die das Opfer für Mercosur bringen. Und wir wollen nicht einfach einen einseitigen Grenzschutzabbau, sondern verlangen Kom­pensationen. Bei Mercosur gäbe es etwa die Möglichkeit, Zollkontingente für den Fleischimporte auf diese Länder umzulagern. Und im Gegenzug Marktzutritt für unsere Produkte zu erhalten. In grossen südamerikanischen Städten gäbe es durchaus Chancen für Milchprodukte. Übrigens, was mich erstaunt hat, ist die Zunahme der Käse­importe, vor allem aus Deutschland und vor allem billiger Frischkäse. Bei den Jungen scheint Philadelphia der Renner zu sein. Schade, dass wir da aus der Schweiz nicht mehr bieten können.

Wie viele Milchbauern gibt es in 20 Jahren?

Eine schwierige Frage, die nicht mit einer Zahl beantwortet werden kann. Es wird weiterhin einen Strukturwandel hin zu grösseren Betrieben geben. Ob es mehr Betriebe geben mit 50 oder 100 Kühen sind, ist nicht entscheidend, wichtiger ist, dass sie unternehmerisch geführt werden. Mein wichtigstes Ziel ist, dass wir den Marktanteil halten und ausbauen können.

Sie sind auch Präsident der Sortenorganistion Sbrinz. Wie sehen Sie dort die Zukunft

Wir möchten das Marketing der Sbrinz GmbH noch näher an das Produkt und an den Verkauf knüpfen, damit man mit Werbung auch einen Kaufimpuls auslösen kann.

Was heisst das konkret? Eine enge Zusammenarbeit mit dem grössten Händler Emmi?

Man muss sicher Gespräche mit Emmi führen, um solche Dinge noch besser zu koordinieren. Wir haben ja auch einen neuen Geschäftsführer, Stefan Heller, ab Mai 2018. Der bisherige Geschäftsführer Markus Baumann hat seine Aufgabe sehr gut gemacht. Die Wertschöpfung konnte man stabilisieren, der Milchpreis ist gut. Aber die Menge von 1500 Tonnen sollte man wieder stiegern können. Immerhin werden rund 5000 Tonnen Extrahartkäse importiert.

Derzeit gibt es 30 Sbrinz-Käsereien. Und in Zukunft?

…Das Ziel muss vor allem sein, die Auslastung der Käsereien zu verbessern.

Interview: Roland Wyss-Aerni und Hans Peter Schneider