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Innovative Start-Ups am Start

19 Schweizer Start-Ups stellten sich am 1. Agro-Food Innovation Forum vor, das am 5. Juni in Luzern stattfand. Die Organisatoren wollten mit dem Anlass Start-Ups, Forscher und Firmen vernetzen.

von Roland Wyss

Constantine Marakhov, Gründer von Hempfy...
Audrey Dauzet, Gründerin von Ruby’s Miracle Berry...
Dr. Lea Pokorny und Dr. Pascal Guillet, Gründer von MicroPow.

Die Schweiz landet in den Ranglisten zu den innovativsten Ländern regelmässig auf dem ersten Platz. Im Lebensmittelbereich passiert im Bereich Forschung und Entwicklung sowie Umsetzung von Innovationen im Vergleich zu anderen Ländern aber wenig (s. Kasten «Nestlé dominiert»). Die Forscher und Lebensmittelhersteller noch besser miteinander in Kontakt zu bringen, hat sich Swiss Food Research SFR auf die Fahnen geschrieben. Gemeinsam mit dem Kompetenznetzwerk Ernährung organisierte SFR am 5. Juni in Luzern das 1. Agro-Food Innovation Forum. Das Ziel: Start-Ups, Forschern und etablierten Firmen eine Plattform zu bieten, um sich zu vernetzen. Nur wenn die Innovationskraft mit der Erfahrung etablierter Firmen kombiniert werde, könne sich der Agro-Food-Sektor gut weiterentwickeln, sagte SFR-Präsident Prof. Michael Kleinert.

Auch Landwirtschaft miteinbeziehen

Dass mit «Agro-Food» explizit auch «Agro» und nicht nur «Food» gemeint ist, zeigte das Referat von Francis Egger, Leiter Departement Wirtschaft, Bildung und Internationales beim Schweizer Bauernverband. Die Digitalisierung in der Landwirtschaft, mit der man sich intensiv beschäftige, werde in den nächsten Jahren manches auf den Kopf stellen. Mit Jätrobotern von Ecorobotix beispielsweise würden nicht nur Pflanzenschutzmittel gespart. Da es keinen Fahrer gebe und damit keine Arbeitskosten, spiele der Zeitaufwand und das Tempo keine Rolle mehr, es sei egal, wenn die sonnenenergiebetriebenen Roboter wolkenbedingt mal pausierten. Die «Charta zur Digitalisierung der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft» des Bundesamtes für Landwirtschaft zu unterzeichnen sei ein Schritt zur gemeinsamen Auslotung der Möglicheiten. Die Branche brauche eine gemeinsame Mehrwert-Strategie, sagte Egger. Dabei gehe es nicht nur um Qualität, Rückverfolgbarkeit und Nachhaltigkeit, sondern auch um Fairness auf der ganzen Wertschöpfungskette.

Innovative Start-Ups am Start

Auf der Bühne und anschliessend auf einer kleinen Tischmesse präsentierten sich am Agro-Food Innovation Forum 19 Schweizer Start-Ups. Dabei zeigte sich eine grosse Vielfalt, mit ein paar erkennbaren Schwerpunkten: Proteine, aus Algen, Insekten oder Pflanzen (Moringa), Rückverfolgbarkeit, mit Blockchain-Technologie und Onlineverkauf, und neue oder wieder entdeckte Rohstoffe wie Hanf oder die Wunderbeere.
Aus technologischer Sicht interessant ist der ETH-Spinoff MicroPow. Die Idee: Durch die Mikroschäumung und Verkapselung von Aromastoffen kann der Einsatz von teuren Aromastoffen in Lebensmitteln stark reduziert werden, ohne dass die Intensität der Geschmacks- und Geruchsempfindung mit Zunge und Nase geschmälert wird. Auch die technologischen Eigenschaften für die Verarbeitung und die Haltbarkeit werden so verbessert. Lea Pokorny und Pascal Guillet, die Gründer von MicroPow, suchen Industriepartner für die Umsetzung in der Produktion. Beim Thema Proteine präsentierte sich Alver, ein Start-Up aus der Schweiz, der ein geschmacklich neutrales Pulver aus Algen entwickelt hat. Das Pulver dient als Proteinquelle in allen möglichen Lebensmitteln (s. auch alimenta Nr. 3 vom 7. Februar 2018).

Aus dem Bereich Insekten waren gleich mehrere Start-Ups präsent. «Kreislauf» aus Bern verwendet unter anderem Backwarenreste, Gemüse- und Obstabfälle, um Mehlwürmer zu füttern. Das Mehl aus den Würmern soll wiederum in Backwaren Verwendung finden. Ihre Ausscheidungen dienen als Dünger, womit sich die Kreisläufe schliessen. Die Insekterei aus Freienbach SZ bietet alle drei bisher als Lebensmittel bewilligten Insektenarten Mehlwurm, Grille und Heuschrecke getrocknet, tiefgefroren und als Mehl an. Nicht als Lebensmittel, sondern als Futter etwa für Zierfische produziert die Zürcher Ressect Insektenmehl. Damit können auch weitere Insektenarten verwendet werden, etwa die Larven der Soldatenfliege, die auch als Lebendfutter angeboten werden.
Eine der Fördermöglichkeiten von Swiss Food Research sind die Research Calls, mit denen Forschungsideen und Proof of Concepts (Konzepttests) unterstützt werden können. Als Musterbeispiel dafür wurde in Luzern das Start-Up SwissDeCode vorgestellt. Dessen Produkt DNAFoil ist das erste portable Tool für die rasche DNA-Erkennung in Lebensmitteln. Gemeinsam mit Agroscope wurde das Produkt weiterentwickelt, um Käsefälschungen erkennen zu können (s. auch alimenta Nr. 10 vom 16. Mai 2018).

Interessant ist auch FlavorWiki, ein Start-Up, das es Herstellern ermöglichen will, bessere Informationen über geschmackliche Präferenzen der Konsumenten zu erhalten. Diese können sehr einfach ihre Beurteilungen abgeben, die Firmen können aus den gesammelten Daten Rückschlüsse darüber ziehen, wie die Produkte geschmacklich verbessert werden önnten. Firmengründer Daniel Protz bezeichnete FlavorWiki als «SurveyMonkey for Food», also als eine Art einfaches Umfragetool, das auch kleineren Firmen diese sonst teure Art der Marktforschung ermöglichen soll.

Die Firma «Tellement facile» von Constantine Marakhov aus der Westschweiz präsentierte «Hempfy», ein Getränk aus frisch aufgebrühten Hanf, ohne THC und ohne Cannabidiol, mit Bitter Lime und Sweet Lime Geschmack. Von der Entwicklung über Anbau, Verarbeitung und Verkauf passiert alles in der Schweiz. «Hempfy» ist bereits erhältlich bei Coop und bei Manor.
Die afrikanische Wunderbeere wird von verschiedenen Firmen gepuscht, wie schon an der Vitafoods in Genf zu sehen war. Das Kauen der getrockneten Wunderbeere führt dazu, dass saure und bittere Lebensmittel als süss wahrgenommen werden. Audrey Dauzet, Gründerin von Ruby’s Miracle Berry GmbH, hat im Unterschied zur spanischen Konkurrenzfirma Baïa nicht nur bei der EFSA, sondern auch beim BLV ein Novel Food-Gesuch gestellt und hofft, in der Schweiz schon bald mit der Vermarktung beginnen zu können. Sie will auch eine Wunderbeeren-Produktion in der Schweiz starten, die Chancen sieht sie bei der Reduktion von Zucker oder in der Medizin für die Einnahme von bitteren Medikamenten.
roland.wyss@rubmedia.ch