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Keine Freude an Nutri-Score

Lebensmittelindustrie, Detailhändler und Konsumentenvertreter haben sich Ende April vom BLV über das Ampelsystem Nutri-Score, das von Danone bereits eingesetzt wird, informieren lassen. Die Skepsis überwiegt.

von Hans Peter Schneider

Gerade die Getränkebranche sieht mehr Nachteile als Vorteile in Nutri-Score.
Der französische Nutri-Score zeigt mit einer Skala von A (grün) bis E (rot) die Qualität der Zusammensetzung eines Lebensmittels an. (Bild zvg)
Fruchtsäfte sind aufgrund ihres Gehaltes an Fruchtzucker, schlecht bewertet. (Bild: zVg)

Über ein einheitliches Ampelsystem wird schon seit Jahren diskutiert, dabei stehen verschiedene Systeme im Wettbewerb zueinander. Danone ist mit seinem Nutri-Score auch in der Schweiz vorgeprescht und hat die Kennzeichnung im März auf seinem Joghurtquark für Kinder «Danonino» lanciert. Sechs grosse europäische Händler und Hersteller wenden das Label derzeit freiwillig an: Intermarché, Leclerc, Danone, McCain, Fleury Michon und Auchan. Weltweit gibt es rund ein Dutzend verschiedener Nährwertkennzeichnungssysteme.

In der Schweiz favorisieren das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und die Stiftung für Konsumentenschutz SKS den Nutri-Score (alimenta Nr. 4/19). Um das weitere Vorgehen zu besprechen, diskutierten Ende April die Vertreter von Lebens­mittelindustrie, Detailhandel, Konsumentenschutz- und Gesundheitsorganisationen an einem vom BLV organisierten runden Tisch. Ziel war es, über Nutri-Score zu informieren, wie das BLV mitteilte. Nach dem Treffen habe Einigkeit geherrscht, schrieb der Blick, und die Opposition gegen die Nährwert-Ampel sei vom Tisch. Danone habe sich gegen Nestlé & Co durchgesetzt. Die Föderation der schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien Fial schreibt hingegen in ihrem Newsletter, es seien keine Entscheide gefallen. Die Blick-Meldung sei schlicht eine Zeitungsente.

Nestlé wolle zuerst die Analyse des Rapports der europäischen Kommission abwarten, sagt ein Schweizer Generaldirektor von Nestlé gegenüber alimenta. Ausserdem wolle das Unternehmen mit dem BLV weitere Gespräche führen, bevor man sich auf ein System einige. Grundsätzlich setze sich jedoch auch Nestlé für ein System ein, das den Konsumenten helfe, die richtige Wahl für ihre Ernährung zu treffen.

Vorauseilender Gehorsam

Die Falschmeldung im Blick hat trotz Richtigstellung durch die Fial Staub aufgewirbelt. Es sei vorauseilender Gehorsam der Konzerne, wenn diese jetzt die Ampel-Variante Nutri-Score übernehmen wollten, sagte Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes SGV, am Kongress der Arbeitsgemeinschaft der Schweizerischen Getränkebranche ASG in Interlaken. Schliesslich hätten sich die KMU unter der Leitung des SGV gegen die Ampel ausgesprochen. «Wenn die Grosskonzerne mit Nutri-Score den kurzfristigen PR-Effekt suchen, dann müssen sie sich auch nicht wundern, wenn ihnen die KMU bei politischen Anliegen plötzlich nicht mehr helfen», sagte Bigler. Damit spielte er auf die anstehende Konzernverantwortungsinitiative an, die vor allem von international tätigen Firmen bekämpft wird.

Bigler schoss am Kongress präventiv gegen die Ampel. Gewerbe und Industrie könnten nicht gegen eine überbordende Bürokratie kämpfen und gleichzeitig ein kompliziertes System einführen. Es könne ja nicht sein, dass der Staat vorschreiben wolle, wo der Konsument ein schlechtes Gewissen haben müsse und wo nicht. Auch Alois Gmür, Bierbrauer und Nationalrat, stellt sich gegen Nutri-Score. Er würde jedoch nicht so weit gehen und der Industrie die Hilfe bei der Konzernverantwortungsinitiative verweigern, wie er gegenüber alimenta sagt (siehe Interview auf Seite 10).

Immer noch eigenes System

Alle Akteure der Schweizer Getränkebranche sind derzeit gegen Nutri-Score oder wollen eigene Systeme einführen. So zum Beispiel
Coca-Cola, wie Kommunikationschef Matthias Schneider gegenüber alimenta sagt (siehe unten). Auch Ernest Dällenbach, der Geschäftsführer der ASG, geht hart ins Gericht mit dem Nutri-Score. Damit gebe es viele Fehlklassierungen von Lebensmittel, etwa, wenn plötzlich Apfelsaft als ungesund deklariert werde. «Nicht alles, was aus Frankreich kommt, ist ideal – man benutzt besser den gesunden Menschenverstand», sagte Dällenbach und: «Wir sind mündig genug, zu bestimmen, was gut für uns ist und was nicht.»

Der freiwillige Einsatz des Labels könne zudem Risiken bergen, schreibt die Fial und verweist auf das Landgericht Hamburg, das kürzlich entschied, dass das Nutri-Score-Zeichen ein Health Claim sei, für den es keinen wissenschaftlichen Nachweis gebe. Aus Sicht der Fial könnte somit ein mit Nutri-Score ausgezeichnetes Produkt möglicherweise an der Grenze zu Deutschland blockiert werden.
hanspeter.schneider rubmedia.ch