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Nestlés Nachhaltigkeitsbemühungen gehen Kritikern zu wenig weit

Das starke Wachstum von Nestlé hat auch seine Kehrseite: Viele verkaufte Produkte heisst nämlich oft auch viele Plastikverpackungen. Zwar versichert Nestlé, an Lösungen zu arbeiten und bereits das eigene Wachstum vom Plastikwachstum abgekoppelt zu haben. Doch Kritiker fordern ein grundlegendes Umdenken.

von sda

In Frankreich verkauft Nestlé Nesquik künftig im Papierstandbeutel. (Bild zvg)
Als weltgrösster Nahrungsmittelhersteller zählt Nestlé auch zu den grössten Plastikverschmutzern. Darauf machte Greenpeace am Dienstag mit einem 20 Meter langen Plastikmonster am Eingang zum Nestlé-Hauptsitz in Vevey aufmerksam.

Im vergangenen Jahr summierten sich die Plastikverpackungen von Nestlé laut eigenen Angaben auf 1,7 Millionen Tonnen. Allerdings sei es gelungen, das Wachstum vom Verkaufswachstum abzukoppeln, sagt Nestlé-Sprecher Christoph Meier auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP. So sei der Plastikverbrauch in den letzten fünf Jahren etwa um 1 Prozent jährlich gewachsen, während Nestlé selbst in dieser Zeit um fast einen Fünftel gewachsen sei.

Konkrete Fortschritte angekündigt

Nestlé ist wie die ganze Branche nicht nur zunehmendem Druck von Umweltschützern, sondern auch der Politik ausgesetzt, Plastikabfälle zu reduzieren. So sagte die EU wegen der zunehmenden Verschmutzung der Meere bereits Wegwerfgegenständen wie Einwegbesteck oder Trinkhalmen den Kampf an und einigte sich im Dezember auf ein Verbot bestimmter Plastikprodukte.

Nestlé-Chef Mark Schneider versprach an der Bilanzmedienkonferenz vom Februar, Bemühungen für Nachhaltigkeit nicht nur anzukünden, sondern konkrete Fortschritte zu erzielen. Und er bekräftigte in der Mitteilung vom Donnerstag: Von nun an wolle Nestlé in jedem Quartal anhand konkreter Beispiele aufzeigen, wie Nestlé zum Wohl der Gesellschaft beitrage.

Zu wenig Kontrolle über Recycling

Den Anfang machte der Konzern im ersten Quartal mit Nespresso. Dort hob Nestlé unter anderem das Recycling der Aluminiumkapseln hervor. Nespresso biete 92 Prozent der Nespresso-Konsumenten Recyclinglösungen an. Sowohl das Aluminium als auch der Kaffeesatz würden zurückgewonnen und verwertet, hiess es in der Mitteilung.

Mit den Recylinglösungen schiebt Nestlé allerdings die Verantwortung laut Greenpeace auf die Konsumenten ab. Die von Nestlé verwendeten Analysen zur Umweltbilanz gingen davon aus, dass Konsumenten ihre Kapseln vorbildlich recyclen würden – das sei in der Praxis jedoch alles andere als der Fall, schreibt Greenpeace-Sprecher Yves Zenger auf Anfrage von AWP.

«Wir denken, dass die Verantwortung gemäss dem Verursacherprinzip bei den Herstellern beginnt.» Aus diesem Grund hält Greenpeace das Recycling, auf das Nestlé in Umweltfragen generell stark setzt, für eine Scheinlösung.

Neue Verpackungsmaterialien

Sogar Nestlé habe inzwischen anerkannt, dass Recycling das Probleme alleine nicht lösen könne, schreibt Greenpeace. Das Thema Plastik wolle Nestlé von verschiedenen Fronten angehen, sagte Sprecher Meier. «Es gibt nicht nur einen Weg.»

So will der Konzern Wegwerfverpackungen vermehrt aus anderen Materialien herstellen. Nestlé stelle zwar selber keine Verpackungen her, «wir nehmen das intern trotzdem selber auch an die Hand», sagte Meier. Ein Beispiel dafür sei das Verpackungsinstitut in Lausanne, wo etwa 50 Leute an neuen Verpackungslösungen arbeiteten.

Aus Sicht von Greenpeace verschieben neue Materialien allerdings das Problem nur. So bräuchten Papierverpackungen Zellstoff, wofür klimarelevante Urwälder abgeholzt und Monokulturplantagen angebaut würden. Auch Bioplastik verbrauche wertvolle Ressourcen, konkurriere die Lebensmittelproduktion und löse sich im Wasser zum Teil ebenfalls kaum auf.

Weniger statt andere Verpackungen

Die Umweltorganisation fordert daher, Nestlé solle auf Reduktion setzen. In einem ersten Schritt könnten die problematischsten und unnötigsten Einwegplastik-Anwendungen bis 2019 eliminiert werden. Ebenfalls bis spätestens Ende Jahr solle Nestlé in alternative Verteilsysteme für Wiederverwendung und neue Verteilsysteme investieren. So könnte Nestlé in Zusammenarbeit mit einem führenden internationalen Detailhandelsunternehmen ein plastikfreies Verkaufsumfeld austesten und neue Einwegverpackungen ausreichend bewerben.

Erste Bemühungen diesbezüglich sind Greenpeace noch zu zaghaft: Beispielsweise hat sich Nestlé gemeinsam mit anderen Konsumgüterfirmen einem neuartigen Einkaufssystem namens Loop angeschlossen. Das Recyclingunternehmen TerraCycle wird für die teilnehmenden Unternehmen die Kunden beliefern. Nach dem Verzehr werden die haltbaren Verpackungen wieder eingesammelt, gereinigt und erneut benutzt.

Solche Initiativen seien sehr begrüssenswert, hält Greenpeace fest. Allerding biete Nestlé dort bis jetzt nur ein Glace-Produkt an. «Ein bescheidenes Experiment also, wenn man die Investitionen bedenkt, die im Weltmassstab erforderlich wären, um das Verpackungsmüll-Problem in den Griff zu bekommen.»

Nestlé entgegnet, Nahrungsmittel seien generell schwieriger zu verpacken als andere Konsumgüter wie Waschpulver. «Das ist auch eine Gesundheitsfrage: Die Ware darf nicht zu schnell verderben«, sagte Meier. Dazu müsse man auch das Konsumentenverhalten bei diesen Überlegungen miteinbeziehen.

Für Greenpeace allerdings ist das Tempo deutlich zu langsam: Es gebe durchaus einige kleine Fortschritte bei Nestlé, sagt Zenger. Diese reichten jedoch bei weitem nicht aus, um die Dimension der vorherrschenden Probleme zu lösen.