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«Plastik ist oft die beste Variante»

Die Plastikstrategie der EU zwingt auch die Schweizer Verpackungs- und Lebensmittelindustrie zum Handeln. An einer Branchentagung zeigte sich: Es gibt kein Patentrezept – und Plastik ist nicht per se «böse».

von Stephan Moser

Magdi Batato (Nestlé)
Jasmin Buchs (Migros)
Patrik Geisselhardt (Swiss Recycling)
Rudy Koopmans (Plastic Innovation)
Michel Monteil (BAFU)
Sven Sängerlaub (Fraunhofer-Institut)
SVI-Präsident, Philipp Dubois.

Vermüllte Strände, Wale, die an Plastiksäcken ersticken, und Mikroplastik, der über die Nahrungskette den Weg in unsere Körper gefunden hat: Plastik steht in der Öffentlichkeit und in der Politik am Pranger. 25 Millionen Tonnen Kunststoffmüll erzeugen alleine die Europäer jedes Jahr, weniger als 30 Prozent davon werden rezykliert. Doch das soll sich ändern. Im Januar 2018 hat die EU-Kommission eine europäische Plastikstrategie vorgelegt, um gegen den Plastikmüll vorzugehen (siehe Kasten). Was bedeutet diese Strategie für die Schweizer Verpackungs- und Lebensmittelindustrie? Und wie muss die Lebensmittelverpackung von morgen aussehen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Tagung, die das Schweizerische Verpackungsinstitut SVI am 15. Januar in Glattbrugg organisiert hatte. Über 100 Vertreter aus der Verpackungs- und Lebensmittelbranche nahmen daran teil.

Schweiz muss zwangsläufig mitziehen

«Die Plastikstrategie bedeutet nicht das Aus für den Kunststoff, sondern einen anderen Umgang mit Kunststoff.» So brachte es Boris Riemer in seinem Eröffnungsreferat auf den Punkt. Der auf Lebensmittelrecht spezialisierte Anwalt gab einen Überblick über die Plastikstrategie der EU. Ziel sei es, für Kunststoffe eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren: weniger verbrauchen, mehr wiederverwenden, mehr recyceln. Der Verpackungsindustrie riet Riemer, das Thema aktiv anzugehen. «Denn wenn man nichts macht, bekommt man es gemacht.» Nämlich in Form von Gesetzen. Die Schweizer Industrie werde nicht umhinkommen, mitzuziehen, betonte Riemer. Aus einem einfachen Grund: Die EU sei der wichtigste Handelspartner der Schweiz. «Wer in die EU verkaufen will, muss sich an ihre Richtlinien halten.»

Viel Zeit, sich auf die Plastikstrategie einzustellen, bleibt der Industrie nicht. Denn die EU-Kommission schlägt bei der Umsetzung der vorgeschlagenen Massnahmen ein forsches Tempo an, wie Hugo Schally deutlich machte. Schally leitet die Abteilung für Nachhaltige Produktion, Produkte und Konsum bei der EU-Kommission. In einer Liveschaltung aus Brüssel erläuterte er, was die EU in den nächsten Jahren umsetzen will. Das reicht von Verboten über Design- und Materialvorgaben für die Industrie und die Festlegung von Sammelquoten bis zur Sensibilisierung der Bevölkerung (siehe Kasten). Schally stellte klar, es gehe nicht darum, kompostierbaren Plastik zu forcieren: «Kunststoffe sollten wenn immer möglich so gestaltet sein, dass sie wieder in den Kreislauf können.»

Beitrag gegen Foodwaste

Unnötig, umweltschädlich, Müll: Plastikverpackungen von Lebensmitteln haben einen schlechten Ruf. Ein differenzierteres Bild zeichnete Michel Monteil, Leiter der Abteilung Abfall und Rohstoffe des Bundesamtes für Umwelt. Verpackung sei nicht nur Abfall und ein Fluch, sondern ein Segen. Zur Illustration zeigte er das Bild eines in Plastik eingepackten Poulets. Aus ökologischer Sicht sei nicht die Folie das Problem, sondern das Poulet. «Ein Drittel der Umweltbelastung in der Schweiz geht aufs Konto der Lebensmittel», sagte Monteil. Verglichen damit sei der Einfluss der Verpackungen «irrelevant». Sie hätten im Gegenteil sogar einen positiven Effekt. Verpackungen würden nämlich Lebensmittel vor Verderb schützen und damit einen Beitrag zur Reduktion von Lebensmittelabfällen leisten. Der Trend hin zu kleineren Portionspackungen (Stichwort Einpersonenhaushalte) helfe ebenfalls, Foodwaste zu reduzieren. «Dass dafür mehr Verpackung nötig ist, nehmen wir gerne in Kauf.» Denn weniger Foodwaste sei ökologisch wesentlich wichtiger als weniger Verpackung. Bei der Ökobilanz schnitten Papier und Karton zum Teil wesentlich schlechter ab als Plastik, betonte Monteil. «Plastik ist oft die beste Variante.»

Nur sammeln, was sich recyclen lässt

Die EU setzt auf Plastikrecycling. Werden wir künftig also auch in der Schweiz noch das kleinste Fitzelchen Plastik zur Sammelstelle bringen? Maximale Sammelquoten seien nicht das Ziel, sagte Patrik Geisselhardt, Geschäftsführer von Swiss Recycling. Er plädierte für eine ganzheitliche Sicht, die verschiedene Indikatoren wie die Rezyklierbarkeit, die Nachfrage nach Rezyklaten oder auch die Akzeptanz in der Bevölkerung berücksichtigt. «Einfach allen Plastik sammeln, ihn mühsam sortieren und dann 70 Prozent davon trotzdem verbrennen – das macht keinen Sinn.» Man müsse selektiv jene Kunststoffe sammeln, die sich für die stoffliche Weiterverarbeitung eignen. Um die Schweizer Kreislaufwirtschaft in Schwung zu bringen, hat Swiss Recycling die Drehscheibe Kreislaufwirtschaft Schweiz initiert. Zusammen mit der Industrie wird an der Abfall- und Ressourcenwirtschaft der Zukunft gearbeitet. Ein Schlüsselelement, so Geisselhardt, sei das Design for Recycling, also Produkte so zu gestalten, dass sie sich einfacher und hochwertig recyceln lassen.

Es fehlt an Grundlagenforschung

An der Zukunft der Verpackung wird weltweit geforscht. Unter anderem am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung im deutschen Freising. Eine zentrale Frage bei der Optimierung von Lebensmittelverpackungen sei die Haltbarkeit, sagte Sven Sängerlaub vom Institut: «Wie viel Sauerstoff verträgt ein Lebensmittel, bevor es verdirbt?» Verlässliche Zahlen dazu fehlten weitgehend, erklärte Sängerlaub. Es bräuchte Millionen an Forschungsgeldern, um das zu erforschen. Dieses Grundlagenwissen sei aber nötig, um die Barrierefunktion, die eine Verpackung leisten muss, je nach Lebensmittel anzupassen.

Häufig zum Einsatz kommen mehrschichtige Folien aus verschiedenen Kunststoffen. Diese stehen in der Kritik, weil sie schlecht recycelbar sind. Recyclingfähig bedeute aber nicht immer ökologischer, sagte Sängerlaub. Mehrschichtfolien erlaubten es nämlich, ein Lebensmittel mit einer sehr dünnen Verpackungsschicht vor Sauerstoff und Feuchtigkeit zu schützen. Mit einem Mono-Kunststoff bräuchte es viel mehr Material. Das Fraunhofer-Institut tüftelt an einem Klebstoff, der bei Hitze seine Klebfähigkeit verliert. Das würde es erleichtern, Mehrschichtfolien zu trennen. Eine weitere Herausforderung: Recycling-Plastik riecht oft noch nach dem, was früher in der Packung war, etwa Fisch oder Waschmittel. Das Institut testet, mit welchen Produktionsmethoden man diese Fehlgerüche rausfiltern kann.
«Die Zukunft sind nicht die synthetischen Kunststoffe, die vor 100 Jahren entwickelt wurden», ist Rudy Koopmans überzeugt. Der Belgier leitet das «Plastics Innovation Competence Center» im schweizerischen Freiburg. Mit seinem Team forscht er an Plastik ohne Erdöl. Im Fokus: Hühnerfedern. Diese bestehen zu 90 Prozent aus Keratin, einem Eiweiss. Daraus lässt sich ein wiederverwertbarer Kunststoff herstellen. Neben dem Keratin gebe es noch viele weitere interessante Proteine. Alleine in der EU würden jährlich hunderte Millionen Tonnen Biomasse anfallen, die man nutzen könnte.

Auch die Konsumenten sind gefordert

Viele Lebensmittelhersteller sind bereits daran, ihren Plastikverbrauch zu reduzieren. Nestlé etwa hat im April 2018 angekündigt, dass bis 2025 100 Prozent der Nestlé-Verpackungen recyclingfähig oder wiederverwertbar sein sollen. Magdi Batato, Global Head of Operations, erklärte, wie der Konzern das schaffen will: Nestlé ersetzt etwa Plastikstrohhalme durch Papier, will den Anteil an recyceltem PET in seinen Flaschen steigern und verzichtet ganz auf Stoffe wie PVC und Polystyrene, die sich schlecht recyceln lassen. Zudem hat Nestlé in Lausanne ein eigenes Forschungsinstitut für Verpackungen gegründet. Der Konzern beteiligt sich auch «Project Stop», das in Südostasien mit Abfallbewirtschaftung dafür sorgen will, dass Plastik nicht mehr ins Meer gelangt. Nestlé habe keine Patentlösung, betonte Batato. Man müsse vieles ausprobieren und daraus lernen. «Wir brauchen viele Lösungen.»

«Die Migros verfolgt keine strikte Antiplastikstrategie», sagte Jasmin Buchs, Projektleiterin Nachhaltigkeit beim Migros-Genossenschaftsbund. Man ersetze Plastik da, wo es möglich und ökologisch sinnvoll sei. Als Beispiele zur Plastikreduktion nannte sie etwa Mehrweglösungen wie die Veggie-Bags oder den Einsatz von rezykliertem Plastik in Blistern, Schalen oder Putzmittelflaschen.
Die Verpackungsrichtlinien der EU seien für die Migros eine «wichtige Leitplanke», sagte Buchs, zumal die Migros-Industrie auch exportiere. Buchs sieht auch die Konsumentinnen und Konsumenten in der Pflicht. «Sie müssen nicht nur Plastik zurückbringen, sondern auch bereit sein, Produkte aus Rezyklat zu kaufen.» Auch wenn diese zum Beispiel eine andere Farbe hätten als Neuprodukte.
«Die EU-Kommission hat uns eine rechte Herausforderung vor die Türe gestellt», bilanzierte Philippe Dubois, Präsident des Verpackungsinstituts SVI, am Ende der Tagung. Die Verpackungswelt werde sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren grundlegend verändern, prognostizierte er. Wie sie aussehen werde, wisse aber niemand. Klar ist: Das Thema wird die Branche weiter stark beschäftigen. Nur logisch, dass sich die nächste Tagung des SVI im Januar 2020 um die Umsetzung der Plastikstrategie dreht.
stephan.moser@rubmedia.ch