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«So jung wie möglich alt werden»

Zuckerreduktion, Mikroalgen als Proteinquelle und ein Jungbrunnen für alte Muskeln: An der Konferenz des Clusters Food & Nutrition vom 4. Oktober in Freiburg drehte sich alles um Innovationen für eine gesunde und nachhaltige Ernährung.

von Stephan Moser

Liliane Bruggmann vom BLV. (Bild Markus Peissard)
Mine Uran, Gründerin und CEO von Alver. (Bild Markus Peissard)
Patrick Aebischer von Amazentis. (Bild Markus Peissard)

Ein Abend, drei spannende Referate zu aktuellen Ernährungsthemen: Das war die Konferenz «Nutrition: what’s new?», die am 4. Oktober in Freiburg stattfand. Organisiert hatte sie der Verein Cluster Food & Nutrition. Rund 50 Fachleute aus Forschung und Lebensmittelindustrie waren der Einladung in die Hochschule für Technik und Architektur Freiburg gefolgt.

Der Preis der Fehlernährung

«Wir essen zu süss, zu salzig und zu fettig», sagte Liliane Bruggmann in ihrem Eröffnungsreferat über die Schweizer Ernährungsstrategie 2017-2024. Bruggmann leitet den Fachbereich Ernährung beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Diese Fehlernährung habe ihren Preis, fuhr Bruggmann fort: «Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung ist übergewichtig oder adipös.» Und nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen würden 80 Prozent der Gesundheitskosten ausmachen. Eine ausgewogene Ernährung sei deshalb wichtig für die Gesundheitsförderung.

Genau da setze die Schweizer Ernährungsstrategie an, erklärte Bruggmann. «Wir wollen die Ernährungskompetenz stärken, damit die Menschen wissen, was eine gesunde Ernährung ausmacht und dies auch im Alltag umsetzen können.» Zudem müsse ein breites Angebot an gesunden Lebensmitteln verfügbar sein. Und man wolle die Lebensmittelwirtschaft einbinden, damit diese einen freiwilligen Beitrag für gesündere Lebensmittel und Mahlzeiten leiste.

Weniger Zucker in Müesli und Joghurt

Ein Beispiel für dieses freiwillige Engagement ist die Erklärung von Mailand, wie Bruggmann ausführte. 2015 verpflichteten sich zehnSchweizer Lebensmittelproduzenten, den Zuckergehalt in ihren Joghurts und Müeslimischungen schrittweise zu reduzieren. 2017 unterschrieben vier weitere Firmen die Erklärung. «Zwischen 2016 und 2017 konnte so beim Joghurt  der Zucker um etwa drei Prozent reduziert werden, bei den Frühstückscerealien um etwa 5 Prozent», sagte Bruggmann. Ziel sei es, bis Ende 2018 beim Joghurt weitere 2,5 Prozent und bei den Müesli um weitere 5 Prozent zu reduzieren. Bei Müesli und Joghurt soll es aber nicht bleiben, so Bruggmann. In der nationalen Ernährungserhebung menuCH hat das BLV 2000 Personen zu ihrem Lebensmittelkonsum und Ernährungsverhalten befragt. Gestützt darauf werde das BLV analysieren, welche Lebensmittel am meisten zum Zucker- und Salzkonsum beitrügen, entsprechend werde man dann auch diese ins Visier nehmen, erklärte Bruggmann.

«Die Lebensmittelindustrie steht klar in der Verantwortung für eine gesündere Ernährung», betonte Bruggmann. Nicht nur, was die Zusammensetzung der Produkte angehe, sondern auch beim Marketing, das sich an Kinder richte. «Es gibt kaum Werbung für Früchte und Gemüse, sondern vor allem für ungesunde Produkte, die zu süss, zu salzig und zu fetthaltig sind», bilanzierte Bruggmann.

Die Proteinquelle der Zukunft

Wie versorgt man die wachsende Weltbevölkerung mit ausreichend Protein, ohne dass die Umwelt kollabiert? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Protein-Expertin Mine Uran seit 20 Jahren. Die Proteinquelle der Zukunft seien Mikroalgen, sagte sie in ihrem Referat. Seit 2016 produziert sie mit ihrem Start-up Alver ein Proteinpulver aus der Süsswasseralge Chlorella vulgaris, das unter dem Namen Golden Chlorella vermarktet wird. Golden Chlorella habe einen Proteingehalt von 63 Prozent, deutlich mehr als Rindfleisch (25 Prozent), sagte Uran. Und die Produktion sei viel ressourcenschonender. «Ein Kilogramm Chorella-Protein zu produzieren braucht 40 mal weniger Land und 44 mal weniger Wasser als ein Kilo Rinder-Protein – und der C02-Ausstoss ist 36 mal geringer.»

Die Chlorella-Mikroalgen wachsen in einer Zuckerlösung in Bioreaktoren, danach werden sie vergärt, getrocknet und zu Pulver verarbeitet. Durch eine innovative Technik sei es gelungen, ein geschmackloses, goldgelbes Pulver zu kreieren, das sich problemlos allen Nahrungsmitteln beifügen lassen, betonte Mine Uran. Das sei ein grosser Vorteil, denn viele andere Chlorella-Produkte hätten einen ausgeprägten Algengeschmack. Urans Firma Alver verkauft das reine Proteinpulver, aber auch Suppen und Teigwaren, die damit angereichert wurden. Zielmarkt sind die Millenials, die sich gesund und nachhaltig ernähren wollen. Bei ihnen komme das Algenprotein gut an, sagte Uran. «Ältere Menschen davon zu überzeugen, ist aber schwierig.»

«Die young as late as possible»

Den Alterungsprozess verstehen und verlangsamen: Das ist das Ziel von Patrick Aebischer, Arzt, Wissenschaftler und ehemaliger Präsident der ETH Lausanne. «Altern ist ein komplexer Prozess», betonte Aebischer in seinem Vortrag. Sein Team und er haben sich auf einen erfolgsversprechenden Aspekt konzentriert: die Mitochondrien. Diese gelten als Kraftwerke der Zellen. Mit zunehmendem Alter können Zellen kaputte Mitochondrien nicht mehr gut abbauen und wiederverwerten. Die Mitochondrien sammeln sich in den Zellen an. Das beeinträchtigt die Gesundheit etwa von Muskeln, die immer schwächer werden.

Aebischers Team hat ein Molekül entdeckt, das diesen Prozess umkehren kann: Urolithin A. «Verabreicht man alten Mäusen Urolithin A, werden sie wieder aktiver und beweglicher», erklärte Aebischer. Die altersbedingte Muskelschwäche könne abgemildert werden. Ob das nicht nur bei Mäusen, sondern auch bei Menschen funktioniert, wird derzeit in klinischen Studien in den USA getestet. Ziel sei nicht Lebensverlängerung per se, sondern «so jung wie möglich alt zu werden», sagte Aebischer und betonte: «Der Markt ist gigantisch.»

Superfood Granatapfel

Zur Vermarktung von Urolithin A hat Aebischer das Start-up Amazentis gegründet. Urolithin A entsteht, wenn unser Stoffwechsel Tannine abbaut, die etwa in Granatäpfeln vorkommen. «Möglichst viel Granatäpfel zu essen hilft aber nicht», sagte Aebischer. Denn nur etwa 30 Prozent der Menschen hätten die richtige Darmflora, um diesen Umwandlungsprozess zu vollziehen. Und nur bei wenigen davon sei er effektiv genug.

Begeistert zeigte sich Aebischer von den Möglichkeiten von Superfoods. «Es gibt grossartige Wirkstoffe in Lebensmitteln, die besser sind als Medikamente», zeigte er sich überzeugt. «Das haben wir bei den Granatäpfeln wissenschaftlich gezeigt.» Damit eröffne sich ein ganz neues Feld für die Wissenschaft.

Algensuppe zum Apéro

Das abschliessende Apéro nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um sich auszutauschen und die Tomatensuppe mit Golden Chlorella zu verkosten.