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Süsse Zölle sorgen für Polemik

Die EU erhebt für Zucker einen Einfuhrzoll von 419 Euro pro Tonne, die Schweiz nur 50 Euro. Die Schweizer Bauern und die Zuckerfabriken wollen nun die Zölle erhöhen – die Industrie ist nicht einverstanden.

von Hans Peter Schneider

Schweizer Zucker-Chef Guido Stäger.
Zucker - weil aus der Schweiz.

Die Schweizer Zuckerbranche hat Angst vor der EU, beziehungsweise vor deren Zuckerexporte in die Schweiz. Denn im letztem Herbst hat die EU ihre Zuckermarktordnung geändert. War die Produktion früher durch Quoten fixiert, so wurden diese jetzt aufgehoben. Seither explodiere die Zuckerproduktion, sagte Guido Stäger, Chef von Schweizer Zucker AG Ende Februar in Aarberg. Die EU produziere direkt für den Export, während sie die Preise für Zucker, der in die EU importiert wird, auf 419 Euro pro Tonne belasse. Die Schweiz hingegen hat nur einen Importzoll von 50 Euro pro Tonne. Auch die Mindestpreise für Zuckerrüben hat die EU aufgehoben. Die Preise seien schon in den letzten zehn Jahren um die Hälfte eingebrochen, sagte Stäger weiter. Dementsprechend hätten die einheimischen Rübenpreise nach unten angepasst werden müssen – mit dem entsprechenden Druck auf die Rübenproduzenten. Die Anbaufläche sinke kontinuierlich, so dass die Schweizer Zucker AG sogar Rüben und Dicksaft importiert, um die Produktion in Aarberg und Frauenfeld auszulasten.

So wird Zucker abgefüllt…

Einfuhrzölle anheben

Der Schweizer Bauernverband fordert nun, dass der Bund die Zölle erhöht. Eine minimale Absicherung der Zuckerpreise sei zwingend nötig, sagte Bauernverband-Direktor Jacques Bourgeois vor den Medien. Ein Mindestpreis sei ein Sicherheitsnetz gegen Dumpingpreise. Der Artikel 5 der Agrareinfuhrverordnung sei anzupassen, sagte auch Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes. Es müsse lediglich der Spielraum beim WTO erlaubten Zollansatz besser ausgenützt werden, so dass ein minimaler Zuckerpreis in der Höhe von 600 Franken pro Tonne im Inland nicht unterschritten werde. Diese Absicherung soll über ein angepasstes Zollsystem realisiert werden.

Wurde Druck ausgeübt?

An der Medienkonferenz in der Zuckerfabrik Aarberg hätte mit Jean-Pierre Geneslay, dem Direktor von Villars Maître Chocolatier, eigentlich auch ein Vertreter der Lebensmittelindustrie auftreten sollen. Doch auf Druck der Fial habe dieser in letzter Minute absagen müssen, hiess es in Aarberg. Aufgrund des möglicherweise polemischen Themas habe er abgesagt, teilt Jean-Pierre Geneslay auf Anfrage von alimenta mit. Er sei eingeladen worden, um über die Herausforderung von 100 Prozent Swissness und über ihre Beschaffungsinitiative aus lokalen Rohstoffen zu referieren. Wenn die Rohstoffe in der Schweiz verfügbar seien, so beschaffe Villard Maître Chocolatier diese aus ethischen Gründen und auch, damit das Schweizer Kreuz benützt werden könne, aus der Schweiz. Zur Debatte um Zollabgaben nehme das Unternehmen aber nicht Stellung, so die Antwort von Jean-Pierre Geneslay.

Stellung zu Zollabgaben nimmt hingegen Urs Bieler von Hostettler Spezialzucker AG, Lenzburg. Die Firma stellt Halbfabrikate aus Zucker für die Lebensmittelindustrie her. Bieler ist nicht einverstanden mit der geplanten Zolluntergrenze. «Es kann nicht sein, dass diese Kosten auf den Buckel der Lebensmittelindustrie, die im Export eh schon zu kämpfen hat, gehen», sagt Bieler. «Wir sind zwischendrin.» Hostettler könne nicht einfach Zuckersirupe exportieren, man müsste sonst den hohen Zoll der EU zahlen. Bieler ist zwar gegen eine Erhöhung des Schweizer Zolls, aber auch dafür, dass der exorbitant hohe EU-Zoll für Zucker gesenkt würde. Dennoch sieht Bieler Chancen mit innovativen Nischenprodukten auf dem EU-Markt.

Peter Schweizer, Key Accounter der Zuckermühle Rupperswil, betont, dass es ohne eine wettbewerbsfähige Schweizer Lebensmittelindustrie auch keine Zucker- und Rübenproduktion mehr brauche. Ein Konfitürenhersteller etwa, der in der Schweiz für seine Konfitüre 40 Prozent Zucker einsetzen müsse, sei vom Zucker abhängig. Das Unternehmen könne sehr gut die Preise vergleichen, international seien die Unternehmen gut vernetzt oder gehörten zu einer grösseren europäischen Gruppe. Auch der Detailhandel sei knallhart bei Preisvergleichen.

Individuelle Lösungen

Der exportierenden Lebensmittelindustrie stehe es offen, Zucker im Veredelungsverkehr zu verwenden, sagte Bauernverbandspräsident Ritter in Aarberg. Und sowieso: «Die von uns geforderte Massnahme hätte pro Tafel Schokolade einen Effekt von zirka 0,50 Rappen», sagte Ritter weiter, und konnte die Industrie diesbezüglich auch beschwichtigen: «Für die Kunden der Lebensmittelindustrie gibt es individuelle Lösungen.» hanspeter.schneider@rubmedia.ch