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Vegan und vegetarisch – garantiert?

Das Angebot an vegetarischen und veganen Lebensmitteln wächst über den Nischenmarkt hinaus. Die Sicherstellung, dass «drin ist, was drauf steht», geschieht in diesem Bereich allerdings mit veralteten Methoden.

von Peter Jossi

Das EcoVeg-Label bietet für vegane Konsumenten und Hersteller am meisten Sicherheit. (Bild: zvg)

Mit dem wachsenden Markterfolg für vegane und vegetarische Lebensmittel wächst auch die Notwendigkeit, die Einhaltung der entsprechenden Produktionsanforderungen sicherzustellen. Bei vegetarischen und veganen Biolebensmitteln lässt sich dies in bestehende Biozertifizierungsabläufe integrieren. Bei konventionellen Lebensmitteln dienen privatrechtliche Labelanforderungen als Grundlage, zumal eine klare rechtliche Grundlage im Gegensatz etwa zur Bioproduktion bisher fehlt.
Das 1996 von der Interessenvertretung Swissveg lancierte «V-Label» ist das heute in der Schweiz und europaweit bekannteste Zeichen für vegetarische und vegane Produkte (vgl. Kasten). Renato Pichler, Präsident, Geschäftsführer und Gründungsmitglied von Swissveg, sagt:

«Neben Fleisch- und Milchalternativen werden heute immer mehr auch Produkte mit dem V-Label gekennzeichnet, die nicht speziell Vegetarier oder Veganer ansprechen.»

Für die Vermarktung in der Schweiz betreut Swissveg den Prüfungs-, Zulassungs- und Lizenzierungsprozess für die Vergabe des V-Labels an derzeit rund 120 Schweizer Firmen, darunter die meisten der grösseren Vermarkter wie Migros, Coop, Aldi oder Lidl. Dadurch erhält das V-Label auch für Zuliefebetriebe, mittlerweile über die Lebensmittelbranche hinaus, eine Bedeutung: «Das V-Label entwickelt sich aktuell in zwei Richtungen weiter: Gastronomie und Non-Food-Bereich», sagt Pichler.
Gleichzeitig vertieft sich die Regeldichte bei klassischen Sortimenten, wie Renato Pichler an einem Beispiel erläutert: «Wir prüfen gerade die Backwaren von Coop. Dies betrifft auch Produkte wie Apfelsäfte oder Essig, die von vielen Konsumenten bisher als selbstverständlich vegan angesehen wurden, obwohl sie mit Schlachtprodukten hergestellt wurden.»

Kritische Fragen zum Zertifizierungsprozess

Mit dem zunehmenden Markterfolg wächst die Notwendigkeit der sicheren Einhaltung der Anforderungen. «Dies ist bei uns ein stetiger Optimierungsprozess, damit wir laufend besser und schneller werden können», sagt Pichler. «Wir treiben dies in Kooperation mit anderen europäischen Vegetarier- und Veganerorganisationen voran, damit die Prozesse international einheitlich anwendbar sind.» Derzeit sei eine europäische V-Label-Datenbank im Aufbau, damit die zertifizierten Produkte online abgerufen werden können.
Bei aller Regel- und Detaildichte basiert das Zulassungs- und Lizenzierungsverfahren wie zu den Anfangszeiten auf der administrativen Dokumentenprüfung. Im Vergleich zu anderen Labelprogrammen ist dies mittlerweile sehr unüblich. Dort erfolgt die Überwachung in aller Regel durch unabhängige Zertifizierungsverfahren mit regelmässigen Audits vor Ort. Für Biolebensmittel und bestimmte Herkunftsbezeichnungen wie AOP, Alp- und Berg-Produkte ist dies seit vielen Jahren sogar eine gesetzliche Auflage. Da die meisten grösseren Verarbeitungsbetriebe bereits über solche Zertifizierungen verfügen, wäre eine Integration in bestehende Abläufe gut machbar, als Beitrag an eine wesentlich sicherere Praxisumsetzung. In der Schweiz weniger verbreitet als das V-Label ist die so genannte «Veganblume» (Vegan Trademark), das Vermarktungszeichen der britischen «Vegan Society». Lebensmittel, Kosmetika und Kleidung mit diesem Logo müssen ohne tierische Inhaltsstoffe oder Hilfsstoffe hergestellt sein. Zugelassen werden einzelne Produkte aufgrund der eingereichten Anträge am Hauptsitz in Birmingham). Die Produktionsstätten müssen jederzeit für Kontrollen zugänglich sein, eine unabhängige Überprüfung im Rahmen eines regulären Zertifizierungsverfahrens wird jedoch nicht verlangt.

Vegi, aber viele Zusatzstoffe

Viele der vegetarischen oder veganen Produkte sind gleichzeitig biozertifiziert. Bei Biolebensmitteln gelten seit Jahren international einheitlich geregelte rechtliche Grundanforderungen inklusive unabhängige Zertifizierung. Im Gegensatz zu den klassischen Auszeichnungen für vegane und vegetarische Produkte sind der Einsatz von chemisch-synthetischen Verfahren und Hilfsmittel weitgehend verboten. Die in der Schweiz stark verbreiteten Biolabels definieren zusätzlich strenge Anforderungen an die Rezepturen und Verarbeitungsverfahren. Im Gegensatz dazu kommen bei der Herstellung klassischer Fleisch- und Milchersatzprodukte oft besonders viele Hilfsstoffe zum Einsatz.

Diese Situation war einer der Auslöser für die Lancierung des «EcoVeg»-Labels, das im englischsprachigen Raum «VegOrganic» heisst. Matthias Beuger vom in Köln registrierten «VegOrganic e.V.» sagt zu den Hintergründen der 2014 gegründeten Organisation: «Der Verein ist ein Zusammenschluss von Bio-Pionieren, Wissenschaftlern und Rechtsanwälten, die gemeinsam die EcoVeg-Richtlinien erarbeitet haben.» Diese Richtlinien bieten erstmals für rein pflanzliche Produkte einen klaren Regelungsrahmen nach einem zeitgemässen Zertifizierungsstandard inklusive einem jährlichen Prüfmechanismus. Das Verfahren lehnt sich an das EU-Bio-Kontrollsystem an, das mit den Bestimmungen in der Schweiz vergleichbar ist. «Eine staatlich zugelassene, unabhängige Kontrollstelle prüft bei den Herstellern, Verarbeitern und Händlern, ob die vorgegebenen Richtlinien eingehalten werden und damit das Siegel ‹EcoVeg› genutzt werden darf», sagt Beuger. Damit biete es den höchstmöglichen Schutz für den Verbraucher.
Zu den Vereinsgründern gehört Dr. Alexander Beck, Geschäftsführer der «Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller» (AoeL), der führenden Fachorganisationen für Bioverarbeitungsbetriebe in Deutschland. Beck befasst sich seit vielen Jahren mit Fragen der Verarbeitungsqualität und der praxisfähigen Umsetzung der Regelwerke. Er sagt: «Die EcoVeg-Richtlinien bedienen das Bedürfnis von Handel und Verbrauchern, verbindliche Regeln für pflanzliche Lebensmittel aufzustellen und die Einhaltung der Vorgaben zu überwachen.»

Zeitgemässe Zertifizierungsabläufe seien wichtig, über die Biosortimente hinaus, sagt Beuger: «Nur eine klare Definition schafft Sicherheit für Verbraucher, Hersteller und Händler. Einige Skandale im veganen und vegetarischen Bereich zeigen schon jetzt, dass adminstrative Zulassungprüfungen nicht ausreichen und unabhängige Kontrollen notwendig sind. Betriebe mit unterschiedlichen Verarbeitungsqualitäten sind hier gefährdet. Unser Zertifizierungsverfahren bietet diese Sicherheit.»
Das EcoVeg-Siegel richtet sich ausschliesslich auf rein pflanzliche und ökologische (biozertifizierte) Lebensmittel aus. Matthias Beuger erläutert die Entwicklungstrategie: «Generell sind wir immer an Kooperationen interessiert, etwa mit Zertifizierungsstellen, die sich in diesem Bereich engagieren wollen. Unser Ziel ist jedoch die Förderung der Bioqualität, daher bieten wir keine Zertifizierung für konventionelle Produkte an.» Eine Zusammenarbeit mit den zur Zeit am Markt verbreiteten Siegeln sei für «EcoVeg» nicht interessant, weil sich diese auf konventionelle Sortimente ausrichteten.

EcoVeg will in der Schweiz Fuss fassen

Beuger verweist auf weitere Kooperationen, mittlerweile auch bei Vermarktern mit klarem Fokus auf Vegan-Sortimente: «Wir haben mit der Umstellung auf das EcoVeg-Label bei den Eigenmarken der Veganz und der Denree begonnen und stehen in den finalen Verhandlungen mit dem Unternehmen Biocompany. Kooperationen bestehen zudem mit renommierten Bioverarbeitungsbetrieben wie Voelkel.» Zum Schweizer Markt sagt Beuger: «Wir haben eine Kooperation mit der Kontrollstelle IMO aus der Schweiz und erhoffen uns natürlich, künftig auch in der Schweiz Fuss zu fassen. Die vom VegOrganic-Lizenznehmer Tofutown produzierte Marke «Nature Gourmet» ist allerdings ein Schweizer Veggie-Klassiker, der künftig auch mit dem EcoVeg Label gekennzeichnet wird. Leider haben wir sonst in der Schweiz noch keine weiteren Marken.»
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