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«Wir haben das Phänomen des ‹Fernsehbieres›»

Eckhard Himmel ist der Vorsitzende des Braurings und Chef der deutschen Brauerei Kesselring. Er erklärt die Herausforderungen für die kleineren Brauereien im Interview.

von Hans Peter Schneider

Eckhard Himmel, Präsident des Braurings: «Die ganz grossen Konzerne versuchen, ihre kleinen Standorte abzustossen».

alimenta: Herr Himmel, können Sie die Unterschiede zwischen dem Schweizer und dem deutschen Braumarkt darlegen?

Eckhard Himmel: Wir haben grundsätzlich die gleichen Probleme und Herausforderungen wie die Schweizer im schrumpfenden Absatzmarkt. Es ist ein Überangebot da, was sich natürlich im Preis auswirkt. Die Schweizer haben aber einen entscheidenden Vorteil. Wir in Deutschland unterliegen dem Reinheitsgebot und sind eingeschränkt. Da können die Schweizer viel kreativer sein.

Das heisst konkret?

In der Schweiz können die Brauer auch Biermischgetränke, zum Beispiel vermischt mit Mango, Litchi oder Zitronen, als Bier verkaufen. Dies ist zwar in Deutschland erlaubt, darf aber nicht als Bier bezeichnet werden.

Ist das wirklich eine Chance?

Ich liebe eher das klassische Bier. Aber es wird sehr viel probiert. Die Geschmacksunterschiede sind sehr krass. Bei den extremen Craft-Bieren kann man immer nur eine Flasche trinken, weil es meistens sehr bitter ist und nicht zum weitertrinken animiert.

Ist der ganze Craft-Beer-Hype gut für die Branche?

Es wird wieder übers Bier gesprochen. Das ist gut. Bier ist wieder positiver besetzt und vielleicht kann man so den einen oder anderen Bietrtrinker gewinnen.

Wie viel braut eine durchschnittliche deutsche Brauerei?

Heute braut eine Brauerei ungefähr 60 000 Hektoliter Bier. Wir haben Ähnliches durchgemacht wie in der Schweiz. Die Grossen haben die Kleinen aufgekauft. Man muss auch unterscheiden zwischen Deutschland und Bayern. In Bayern gibt es sehr viele kleine und private Brauereien.

Ist der Konzentrationsprozess in der Bierwirtschaft abgeschlossen?

Nein, noch lange nicht. Die ganz grossen wie AB Inbev versuchen in Deutschland ihre Brauereien abzustossen, weil sie zu wenig Gewinn machen und die Vorgaben der Konzernmutter nicht erfüllen können.

Gibt es denn Käufer?

Nein. Das wird schwierig. Zwar versuchen diese Brauereien, die zu den multinationalen Bierkonzernen gehören, sich mit regionalen Spezialitäten abzuheben und neue Käuferschichten zu finden, doch daran ist niemand interessiert.

Deutschland ist Mutterland des Discounts. Wie hat sich das im Bierbereich ausgewirkt?

In Deutschland haben wir das Phänomen des «Fernsehbieres», das durch Werbung gepuscht wird. Und dann gibt es zusätzlich eine ganz grosse Schicht von Angebotskäufern. Die bleiben ihrer Marke nicht treu, sondern schauen, welches Angebot ist heute das günstigste für mich. 70 Prozent des Bieres der Grossbrauereien wird heute im Angebot verkauft. Wenn das Angebot beendet ist, steht das Bierkarton wieder in der Ecke. Das ist deren Grundproblem. In der Schweiz ist dies noch nicht so ausgeprägt.

Wie steht es in Deutschland mit den politischen Rahmenbedingungen?

Auch in Deutschland wurden die kleineren Brauereien mit der Biersteuer bevorzugt behandelt. Im Zuge einer Steuerreform hat man dies jetzt gekippt und ein wenig angeglichen. Wir erfahren von der Politik wenig Unterstützung. Bier ist Alkohol und oft wird Bier schon mit Drogen gleichgestellt.

hanspeter.schneider@rubmedia.ch