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Angespannte Lage beim Industriewein

Die erheblichen Mindermengen der Weintraubenernte 2017 haben nicht nur zu Preiserhöhungen geführt, sondern auch zur Verschiebung eines Projektes der Wein- und Schmelzkäsebranche zum Aufbau eines Industrieweinsegmentes aus Schweizer Produktion.

von Lorenz Hirt*

Industriewein ist derzeit europaweit knapp und teuer. (Bild: zvg)

Die EU-Weintraubenernte hat 2017 einen Tiefststand erreicht. Die landwirtschaftlichen Orga­nisationen Copa und Cogeca schätzen die diesjährige EU-Weinproduktion auf 145 Millio­nen Hektoliter, was eine der tiefsten Ernten je darstellt und rund 14 Prozent unter dem Vorjahr liegt. In den traditionellen Weinregionen Italien, Frankreich und Spanien lagen die Einbussen zwischen 18 und 26 Prozent. Auch in der Schweiz fiel die Weinlese 2017 mit 79 Mio. Litern (790 000 Hektoliter) so tief aus wie seit 1978 nicht mehr und lag ganze 27 Prozent unter Vorjahr. Das Weinjahr 2017 in der Schweiz war geprägt von den aussergewöhnlich kalten Frostnächten im April und dem sehr heissen Sommer.

Schweizer Industriewein-Projekt zurückgestellt

Für die fial-Mitglieder, die auf Industriewein angewiesen sind, ist dies teilweise problematisch. Für die Hersteller von Fertigfondue, welche pro Jahr mehr als 2,5 Millionen Liter Industriewein benötigen (also mehr als 3 Prozent der Ernte 2017!), ist dies gleich doppelt einschneidend:

Erstens wurde ein gemeinsames Projekt der Wein- und Schmelz­käsebranchen zum Aufbau eines Industrieweinsegmentes in der Schweiz von Seiten der Weinbranche zurückgestellt. Offen ist, ob angesichts der stetig zunehmenden Ernteschwankungen ein Aufbau eines solchen Tiefpreissegmentes in der Schweiz überhaupt sinnvoll ist, oder ob die beiden Branchen sich nicht besser auf eine Pufferlösung für den Fall von Überschüssen aus der Schweizer Weinernte einigen würden. Ein solches Puffersystem könnte eine gemeinsame Absichtserklärung beinhalten, dass in Jahren mit Überschüssen aus der Schweizer Weinproduktion die Fertigfonduehersteller eine bestimmte Maximalmenge Schweizer Wein zu einem vorvereinbarten Preis übernehmen. Im Gegenzug würde die Weinbranche die Swissness-Qualitätsausnahme für Fonduewein auch in Zukunft unterstützen. Damit würde den Schweizer Winzern zwar kein neues Absatzsegment eröffnet, aber eine Absicherung für die starken Ernteschwankungen gegeben. Die Diskussionen zwischen den beiden Branchen werden im laufenden Jahr weitergehen und hoffentlich zum Abschluss gebracht werden.

Industriewein ist teuer

Zweitens und kurzfristig schädlich ist die Tatsache, dass der heute aufgrund der Versorgungssituation vorwiegend im EU-Ausland beschaffte Industriewein zurzeit sehr knapp und damit von starken Preisaufschlägen betroffen ist. Die Weinpreise im Industriesegment sind aufgrund der Mangelsituation bereits um 30 Prozent angestiegen, was je nach Rezeptur und konkretem Produkt rechnerisch pro Kilogramm Fertigfondue zwischen 15 und 20 Rappen pro Kilogramm Fertigfondue ausmacht. Dies nebst den übrigen preistreibenden Einflüssen der steigenden Käsepreise (BOM-Milchpreisaufschlag) sowie den Mehrkosten bei den Phosphaten, den Stärken und dem Verpackungsmaterial.

Keine Besserung in Sicht

Mit einer raschen Korrektur der Situation auf dem internationalen Weinmarkt ist zurzeit leider nicht zu rechnen. In Südeuropa ist es aktuell deutlich zu trocken für die Jahreszeit. In Südafrika herrscht ebenfalls seit Längerem eine Trockenperiode und das Wasser wurde sogar rationiert. Die Reben können aktuell nicht bewässert werden. Und auch im für dieses Segment wichtigen Weinland Ar-gentinien ist es zu heiss und zu trocken. Ein Preisrückgang bei den Beschaffungspreisen für Industriewein auf das Niveau von 2017 ist daher mittelfristig nicht realistisch.

*Dr. Lorenz Hirt, Co-Geschäftsführer fial und Geschäftsführer SESK