Migros: Grossbaustelle mit Nebenwirkungen

Die Migros ist in einem grösseren Umbauprozess, der den Genossenschafts-Bund, aber auch die regionalen Genossenschaften betrifft. Darüber hinaus wird Druck auf die Lieferanten gemacht.

Unter dem Vorgänger Herbert Bolliger ist die Migros gemütlich vor sich hingewachsen. Damit ist es vorbei, seit Fabrice Zumbrunnen im Januar 2018 neuer CEO geworden ist. Gemütlich weiterwachsen reicht nicht in Zeiten, wo der Detailhandel nicht nur stagniert, sondern sich durch die Entwicklung im Onlinebereich radikal verändert. Wenn unklar ist, welche Vertriebskonzepte sich langfristig durchsetzen, muss die Migros investieren können, um nichts zu verpassen. Stagnierende Umsätze und sinkende Gewinne wie in den letzten Jahren sind schlechte Voraussetzungen dafür. Zumbrunnen hat die Migros deshalb innert eineinhalb Jahren in eine Grossbaustelle verwandelt. «Die Welt ändert sich rasch. Meine Mission ist es, die Migros so zu transformieren, dass sie am Markt erfolgreich bleiben kann», sagte er gegenüber dem «Blick». Mit dem Effizienzprogramm «Fast Forward» verschlankt er die Verwaltung beim Migros-Genossenschafts-Bund. Direktionen werden zusammengelegt, IT-Projekte gestoppt, fast 300 Stellen aufgehoben, 70 Kündigungen vollzogen und 120 Millionen Franken gespart. Mit dem Effizienzprogramm «Puma» sollen bei der Industrie und beim Marketing weitere Kosten gespart werden (was offenbar mit ein Grund für den Abgang von Industriechef Walter Huber und Marketingchef Hansueli Siber war), und auch die Zusammenarbeit zwischen MGB und den Genossenschaften soll gestrafft werden, etwa mit neu fünf statt zehn bisherigen Logistikplattformen, wie im «Tages-Anzeiger» zu lesen war. Die Genossenschaften haben eine grosse Autonomie, und sie wehren sich gegen eine Konzentration. Logistik mit Frischprodukten ist eine Kerndomäne der Genossenschaften. Die Migros Aare ist daran, ihr Verteilzentrum in Schönbühl auszubauen, die Genossenschaft Zürich investiert in eine neue Logistikplattform für die deutsche Tochter Tegut. Es ist aber nicht so, dass in den Regionen nicht gespart würde: Die Migros Ostschweiz will eine Sportanlage in St. Gallen schliessen, was den Abbau von 75 Stellen bedeutet. Die Fitnesskette M-Fit und die Chickeria-Restaurants werden verkauft. Auch in der Zentrale in Gossau sollen 90 Stellen abgebaut werden. Und auch die Genossenschaft Aare ist daran, bis Ende 2020 Kosten zu überprüfen und Einsparpotenziale zu erheben. Die Migros Luzern begann schon vor zwei Jahren mit einem Kostenabbau, allerdings ohne personelle Konsequenzen.

Zumbrunnen wirft Ballast ab
Ende Juni folgte nun der Donnerschlag: Die Migros will Globus, Depot, Interio und M-Way, die grössten Sorgenkinder im Portfolio, loswerden. Sie passten nicht mehr zur DNA der Migros, die Synergien mit dem Migros-Kerngeschäft seien zu gering, sagte Zumbrunnen an einer Medienkonferenz. Die entsprechenden Verkaufsprozesse seien eingeleitet und würden möglicherweise längere Zeit in Anspruch nehmen. Gut möglich, dass die Migros noch mehr Ballast abwerfen wird. Mit Do it + Garden, Melectronics, SportXX oder BikeWorld hat der Konzern eine breite Palette von weiteren Fachmärkten mit schwieriger Ertragslage an Bord, die aber teilweise enger mit der Marke Migros verflochten sind. Vorerst sollen die Fachmärkte in eine separate Gesellschaft unter Führung der Genossenschaften gebündelt werden, «um die Zusammenarbeit zusätzlich zu optimieren», wie die Migros in der Handelszeitung zitiert wurde. Die Kostensenkungen auf der Grossbaustelle Migros haben auch Konsequenzen für die Lieferanten. «Die Migros arbeitet an Effizienzprogrammen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg», sagt Migros-Sprecherin Cristina Maurer gegenüber alimenta. «Auch unsere Dritt-Lieferanten tragen ihren Anteil an die Preissenkungen bei.» Was dass konkret heisst, erfuhren die Lieferanten aus allen Branchen im Januar 2019, als die Migros-Spitze sie zu einem Anlass zusammentrommelte, um ihnen klarzumachen, dass man deutliche Preisnachlässe erwarte. Und von den Firmen dann in Einzelgesprächen nicht die üblichen halben Prozente, sonder fünf bis zehn Prozent verlangte, wie in der Handelszeitung zu lesen war. «Wenn wir so in die Saftpresse kommen, müssen wir Jobs abbauen», sagte ein mittelgrosser Lieferant gegenüber dem Blatt.
Tiefere Preise im Laden
Gegenüber den Konsumenten will die Migros ihr Preis-Leistungs-Image wieder aufmöbeln. Im «Migros-Magazin» kündigte Zumbrunnen an, 1500 «Lieblingsprodukte» der Migros-Kunden dauerhaft zu vergünstigen. Begonnen wurde mit Fleischwaren wie Rindshackfleisch, Schweinsfilet, Lammnierstück, Kalbsbratwurst, Cervelats, Rippli oder Mortadella. Zu kommenden Preissenkungen äussert sich Migros-Sprecherin Maurer nur vage: Die Preissenkungen beträfen das ganze Supermarkt-Sortiment, also auch Non-Food-Artikel, wöchentlich kämen neue Produkte dazu. Es gehe nicht nur um Preissenkungen, sondern auch um eine Verbesserung der Qualität. Führen die Preissenkungen beim Fleisch auch zu einem Druck auf die Lieferanten? Die Gefahr sei immer vorhanden, sagt Martin Rufer, Leiter des Departements Produktion, Märkte und Ökologie beim Schweizer Bauernverband. Aber: «Wenn Preissenkungen auf Kosten der Produzenten gehen, werden wir uns wehren.» Beim Fleisch würden die Preise wöchentlich festgelegt, Micarna lege ihre Basispreise bereits heute unter den Richtpreisen der Proviande fest. Man stelle auch fest, dass die Zusammenarbeit mit der Migros bei manchen Projekten, welche zusätzliche Kosten bedeuten, etwa bei einer gemeinsamen Strategie für mehr Futtermittel aus der Schweiz, schwieriger geworden sei. Aber nicht alle Produzenten klagen. Felix Grob, der Direktor des Schweineproduzentenverbandes Suisseporcs, sagt, das Verhältnis zu Micarna sei gut. Migros mache aktuell keinen Druck auf die Preise, das sei auch schwer möglich, denn Schweinefleisch sei gesucht und erziele gute Preise. «Ich gehe davon aus, dass die Preissenkungen beim Fleisch durch Effizienzsteigerungen bei der Migros selber möglich sind», sagt er.
Preissenkung bei der Milch
Klar ist hingegen, dass die Migros im Milchsektor Druck macht - auf die eigene Molkerei und auf die Bauern. Die Migros-Molkerei Elsa schrieb ihren Milchproduzenten, man setzte «ab dem 1. Juli zusammen mit der Migros Massnahmen um, um die Preis-Leistungsführerschaft im Schweizer Detailhandel zu stärken.» Weiter heisst es: «Die Wettbewerbsfähigkeit der Elsa steht dadurch massiv unter Druck.» Die Elsa liege mit ihrem Basismilchpreis heute acht Rappen über dem Schweizer Durchschnitt und sehe sich deshalb gezwungen, diesen per 1. Juli «näher an den Marktpreis zu führen» und um drei Rappen pro Kilogramm zu senken, von 65 auf 62 Rappen. Zur Begründung schrieb die Elsa weiter: Die Milchpreise seien seit Anfang Jahr im «Sinkflug», unter anderem, weil Mittel aus der Schoggigesetz-Nachfolgelösung der Branchenorganisation (BO) Milch die früheren Exportsubventionen nicht kompensieren könnten. Die empörten Reaktionen folgten postwendend. Damit würden «ungenügende Verkaufsleistungen einfach auf die Milchlieferanten abgewälzt», hiess es von Seiten der Schweizer Milchproduzenten SMP. Fehlende Mittel beim Rohstoffausgleich der Schoggigesetz-Nachfolgelösung seien im Fall der Elsa kein Argument, wenn das Unternehmen in diesem Segment kaum tätig sei. Pierre-André Pittet, der SMP-Vizedirektor spekulierte im «Schweizer Bauer», möglicherweise senke die Elsa nun den Milchpreis um drei Rappen, um per 1. September pro forma um drei Rappen erhöhen zu können. Dann soll nämlich der neue Branchenstandard «grüner Teppich» eingeführt werden, mit einem Nachhaltigkeitszuschlag von drei Rappen pro Kilogramm Milch. Migros und Elsa sind in der BO Milch zwar nicht mehr Mitglied, haben aber zugesagt, gemeinsame Bemühungen der Branche nicht zu unterlaufen. Migros-Sprecherin Cristina Maurer sagt dazu: «Die aktuelle Anpassung hat mit der Umsetzung des Branchenstandards im Herbst nichts zu tun.» Wenn im Herbst die Preise stiegen - aus Marktgründen oder weil der Branchenstandard eingeführt werde, werde man den eigenen Preis auch anpassen. «Wir sind aktuell im Austausch mit unseren Produzenten, die Anpassung des Basispreises für A-Milch dürfte letztendlich 2,5 Rappen betragen.» Auf die Frage, ob die Konsumenten bei Milchprodukten mit sinkenden Preisen rechnen können, sagt sie: «Eine Anpassung der Verkaufspreise ist zur Zeit nicht vorgesehen. Es geht nur darum, den seit Frühjahr akzentuierten Wettbewerbsnachteil teilweise auszugleichen und hat mit den Verkaufspreisen nichts zu tun.» Was in gewissem Widerspruch zur Argumentation steht, welche die Elsa gegenüber ihren Milchproduzenten verwendet. Auch bei den Gemüseproduzenten hat sich die Migros zuletzt wenig beliebt gemacht. Mit einem eigenen Gewächshaus in Collombey-Muraz (VS) steigt sie selber in die Produktion von Peperoni, Tomaten und Gurken ein. «Damit wird die Migros zur Konkurrentin für einheimische Produzenten», sagt Matija Nuic, der Direktor des Verbandes Schweizer Gemüseproduzenten. Ab Juni habe man Vollversorgung an Tomaten. Der Markt sei gesättigt: «Eine zusätzliche Produktion im geplanten Ausmasss würde den Martk erheblich belasten.»

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