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Fleischsteuer hierzulande kein Thema

Eine Fleischsteuer für mehr Tierwohl und Klimaschutz? Was gerade in Deutschland kontrovers diskutiert wird, ist in der Schweiz kaum ein Thema. Der Tierschutz hält eine solche Forderung gar für kontraproduktiv.

von Stephan Moser

60 Kilogramm Fleisch essen die Deutschen im Schnitt pro Kopf und Jahr. Fleisch ist billig, ein Kilogramm Schweinskoteletts gibt es schon für 8 Euro. Doch Billigfleisch und Massentierhaltung sind in der Kritik. Um die Zustände zu verbessern, hat der Deutsche Tierschutzbund vor kurzem eine Fleischsteuer gefordert. Diese Abgabe von wenigen Cents pro Kilogramm soll nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Milch und Eier erhoben werden. Das so eingenommene Geld soll in Massnahmen für bessere Tierhaltung fliessen, etwa in tierfreundlichere Ställe, so die Tierschützer.
Agrarpolitiker der SPD und Grünen schlagen ihrerseits eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Fleisch vor. Künftig soll für tierische Produkte der normale Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent statt wie bisher der ermässigte von sieben Prozent bezahlt werden. Neben dem Tierwohl geht es den Befürworter auch ums Klima: Höhere Fleischpreise bedeuteten weniger Fleischkonsum und damit weniger Emmissionen von schädlichen Treibhausgasen.

Kontraproduktiv fürs Tierwohl

Nutzen und Machbarkeit einer solchen Fleischsteuer werden in Deutschland kontrovers diskutiert. Wie sieht es in der Schweiz aus (Pro-Kopf-Konsum 52 Kilogramm, 20 Franken fürs Kilo Schweinskoteletten)? «Eine Fleischsteuer ist in der Schweiz zurzeit kein Thema», heisst es dazu vom zuständigen Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV).

«Eine Fleischsteuer ist zu kurz gedacht, ja kontraproduktiv», findet Helen Sandmeier, Mediensprecherin des Schweizer Tierschutz STS.Billiges Fleisch aus konventioneller Produktion würde durch eine prozentuale Steuer nur wenig teurer, teures Bio-Fleisch hingegen noch einmal deutlich teurer. «Dann besteht die Gefahr, dass die Leute zum billigeren Fleisch greifen», so Sandmeier. Um etwas fürs Tierwohl zu machen, müsste man den Landwirten kosten- und existenzdeckende Preise zahlen, damit sie in entsprechende Labelprogramme investieren könnten, fordert sie. Uneins sind die Umweltschutzorganisationen. Greenpeace fordert zwar eine deutliche Reduktion des Konsums von Fleisch und Milchprodukten in der Schweiz. «Ob eine Fleischsteuer beziehungsweise eine Erhöhung des Mehwertsteuersatzes die effizienteste Massnahme zur Reduktion ist, stellen wir aber in Frage», sagt Greenpeace-Sprecherin Yvonne Anliker. Zielführend sei vielmehr ein ganzes Bündel an Massnahmen wie etwa eine Lenkungsabgabe auf Futtermittel, strengere Tierschutznormen oder weniger Direktzahlungen für die Tierhaltung. Der WWF Schweiz hingegen würde «eine Lenkungsabgabe auf tierische Produkte mit hoher Treibhausgasintensität wie Fleisch und Milchprodukte begrüssen und unterstützen», teilt der WWF mit.

«Bio muss Standard werden»

Politischen Rückhalt für eine solche Abgabe scheint es aber nicht zu geben. Die Grünen sind zwar für eine Reduktion des Fleischkonsums, eine höhere Steuer auf Fleisch sei aber nicht sinnvoll, sagte Fraktionschef Balthasar Glättli jüngst der «Schweiz am Wochenende». «Sonst weichen die Leute auf günstigeres Importfleisch aus, das unter noch schlechteren Bedingungen produziert wurde.» Er will bei den Subventionen ansetzen, um die Landwirtschaft ökologischer zu machen. Diese Forderung unterstützt laut der «Schweiz am Wochenende» auch SP-Nationalrätin Claudia Friedl. Ihre Forderung:«Bio sollte zum Standard werden.»

Auf klare Ablehnung stösst eine Fleischsteuer bei Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischbranche. Hierzulande würden Bauern bereits heute über die Labelprogramme für ihren Mehraufwand in der nachhaltigen und ressourcenschonenden Fleischproduktion entschädigt, sagt Regula Kennel, Leiterin Unternehmensentwicklung. «Der Konsument entscheidet heute schon, ob er für den Mehrwert in Tierhaltung und Ökologie bereit ist, mehr zu bezahlen. Deshalb brauchen wir keine Fleischsteuer in der Schweiz.»
stephan.moser@rubmedia.ch