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Märkte im Ausnahmezustand

Das Corona-Virus belastet international vor allem Fleisch- und Milchmärkte. Die Effekte auf restliche Rohstoffmärkte sind weniger gravierend und teilweise an den drastisch gesunkenen Ölpreis gekoppelt.

von Roland Wyss-Aerni

Der Reispreis ist stark angestiegen. Reisernte in Thailand. (Bild Somsak Khamkula)

Die Corona-Pandemie wirkt sich weltweit auf den Rohstoffmärkten unterschiedlich aus. Am stärksten betroffen sind derzeit rasch verderbliche Güter wie Milch und Fleisch. Wo Milchverarbeiter auf Gastroabnehmer spezialisiert sind, vor allem in den USA, Grossbritannien und Deutschland, ergeben sich Milchüberschüsse, die teilweise entsorgt werden müssen und für Preisdruck sorgen.

Fleisch

Das gleiche Phänomen zeigt sich in den Fleischmärkten, hier akzentuiert in den USA, wo rund 20 Schlachtbetriebe wegen zahlreicher Corona-Fälle schliessen mussten. Inzwischen sind 14 Prozent der Schlachtkapazität für Rindfleisch und fast ein Drittel
bei Schwein stillgelegt. John Tyson, der Verwaltungspräsident der grössten US-amerikanischen Fleischunternehmes Tyson Foods, warnte in einem offenen Brief vor dem «Brechen» der Lebensmittelkette. Die Schliessung von Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben führe nicht nur zu Engpässen in den Läden, sondern auch zu Problemen auf den Bauernbetrieben. Im Mittleren Westen haben manche Schweinehalter, die keine Abnehmer finden, damit begonnen, ihre Tiere einzuschläfern. Die Schweinefleischpreis hingegen steigen, die USA exportieren grosse Mengen nach China, wo Schweinefleisch wegen der afrikanischen Schweinepest knapp ist. Präsident Donald Trump hat inzwischen die Fleischunternehmen aufgrund des sogenannten Verteidigungs-Produktions-Geset­­zes dazu verpflichtet, die Produktion wieder hochzufahren.

Weizen

Auf den Commodity-Märkten zeigen sich die Effekte der Corona-Krise etwas weniger drastisch. Die Weizenpreise sind an der Pariser MATIF-Börse wie alle Rohstoffpreise Mitte März eingebrochen, stiegen aber rasch wieder an – unter anderem weil die Unsicherheit für Hamsterkäufe sorgte und weil wichtige Exportländer wie Russland und die Ukraine Exportbeschränkungen ankündigten. Russland hat dies inzwischen umgesetzt, trotzdem haben sich die Märkte und Preise wieder beruhigt. Es wird erwartet, dass Vorräte und zu erwartende Ernten mit dem Ende einer langen Trockenheit in Europa für ein genügendes Weizenangebot sorgen werden. Dazu kommt, dass die Nachfrage nach Weizen in Europa selber gesunken ist.

Reis

Einen noch anhaltenden Preisanstieg gibt es beim Reis, wo der Preis seit Anfang Jahr um 29 Prozent gestiegen ist. Die beiden grossen Lieferanten Indien und ­Vietnam haben Corona-bedingt wegen Erntearbeiter- und LKW-Fahrermangel Schwierigkeiten, genügend Reis zu exportieren, was sich auf die Preise auswirkt. Ex­perten erwarten weiterhin hohe Preise, aber keine Versorgungskrise, nicht zuletzt, weil China über grosse Reisvorräte vefügt.

Mais

Beim Maisanbau spiegelt sich direkt die Entwicklung des Ölpreises wider, der aufgrund des massiv gesunkenen weltweiten Treibstoffverbrauchs in den letzten Wochen abgrundtief gefallen ist. Da in den USA Mais auch zur Ethanolgewinnung dient, sinken mit dem Ölpreis auch die Preise für diese Alternative, konkret seit Anfang März um 22 Prozent. Der Preisabsturz hat die EU dazu bewogen, Zölle einzuführen, um den EU-Maisanbau zu schützen.

Zucker

Ein ähnlicher Effekt zeigt sich bei Zucker. Zuckerrohr dient vor allem in Brasilien als Ethanol-Rohstoff. An den Börsen verlor Zucker seit Anfang März rund ein Drittel an Wert und sackte Ende April kurz auf ein Zwölfjahrestief ab, steigt aber wieder leicht an.

Kaffee

Beim Kaffee litten wegen eines Corona-Lockdowns Exporte aus Vietnam. Weil der Kaffekonsum weltweit trotz Lockdowns unverändert bleibt, gab es Ende März teilweise Hamsterkäufe und etwas höhere Börsenpreise. Entscheidend für die Arabica-Preise, die zuletzt nachgaben, ist die Erwartung einer sehr hohen Ernte in Brasilien.