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Digital von der Kuh bis zum Kunden

Internet der Dinge, Industrie 4.0, Blockchain: Die Digitalisierung wird auch die Ernährungsbranche grundlegend verändern. Die Fachkonferenz Brennpunkt Nahrung in Luzern gab einen Vorgeschmack darauf.

von Hans Peter Schneider / Stephan Moser

Mensch und Maschine: Moderatorin Eveline Kobler macht Smalltalk mit Roboter Pepper. (Bild MesseLuzern/zvg)
Zukunftsforscher Stefan Siegrist von Wire.
Felix Wortmann sprach über das Internet der Dinge. (Bild hps)
«Die Zukunft der Milchwirtschaft ist digital»: Nadja El Benni von Agroscope. (Bild hps)
«Tools für Menschen»: David Strauss von Nestlé. (Bild hps)
«Amazon könnte dem Detailhandel gefährlich werden»: Björn Weber. (Bild Messe Luzern/zvg)
Roger Gaemperle: «Food-Branche hinkt hinterher.» (Bild hps)
Surft für Ricola auf der digitalen Welle: Eva Richterich von Ricolab. (Bild hps)

Mit einer etwas makabren Geschichte eröffnete Urs Reinhard, Präsident des Conference Board von Brennpunkt Nahrung, die diesjährige Tagung vom 6. November in Luzern. Er verglich die Legende von Dionysius, der sogar nach seiner Enthauptung mit dem Kopf in den Händen durch die Welt wandelte, mit dem modernen Menschen, der mit einem Smartphone vor der Brust durch die Welt geht. Dieses digitalte Gehirn liefert ihm fast alle Informationen innert Sekunden und ermöglicht beispielsweise, dass er den Inhalt seines Kühlschranks so gut kennt wie noch nie. Damit war Reinhard beim zentralen Thema der vierten Ausgabe von Brennpunkt Nahrung: Der Digitalisierung der Lebensmittel-Wertschöpfungskette. Rund 350 Vertreter aus der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie nahmen an der Konferenz mit über zehn Referaten teil.

Pepper, der Roboter

Zur Automatisierung und Digitalisierung gehört die Robotisierung. Symbolisiert wurde diese durch Pepper, den Roboter, mit dem die Moderatorin Eveline Kobler eine Konversation führte. Peppers Kenntnisse beschränkten sich aber auf Standardantworten und Rezepte für Kürbissuppe. Sein Wissen stamme aus dem menschlichen Verstand, teilte Pepper in monotoner Computerstimme mit, sein IQ sei jedoch wesentlich höher als derjenigen der Moderatorin.

Der erste Referent, Stephan Sigrist vom Thinktank WIRE, plädierte dafür, die Digitalisierung nüchtern zu betrachten: «Die technologischen Möglichkeiten werden oft überbewertet.» Man müsse sich auch immer fragen, wo Digitalisierung sinnvoll sei und wo nicht. Überflüssige Apps gebe es genug, etwa um den richtigen Soundtrack zum jeweiligen Champagner zu finden, um Thai-Essen zu bewerten oder ähnliche Dinge. Mit zu vielen verfügbaren Daten könne der Mensch letzlich schlechter entscheiden. So spiele die physische Komponente – dass man die Produkte anfassen und eventuell riechen könne – immer noch die grösste Rolle im Lebensmitteleinkauf. Oft würden Unternehmen Gefahr laufen, durch den immer höheren Abstraktionsgrad den Bezug zu ihren eigenen Produkten zu verlieren, so Sigrist. Das wichtigste sei jedoch, dass die digitalen Innovationen in die Gesellschaft eingebunden werden müssten. Nur dann erzeuge sie auch einen Mehrwert und nur so werde die Digitalisierung auch akzeptiert, sagte Sigrist.

Roboter auf dem Feld und im Stall

«Die Chancen, welche die Landwirtschaft mit der Digitalisierung erhält, sollen genutzt werden», sagte Felix Wortmann von der HSG St. Gallen. Für die Konsumenten sei Transparenz wichtig und mit der kompletten Rückverfolgbarkeit könne die Wertschöpfungskette punkten. Zum Beispiel wenn auf der Fleischpackung der gesamte Lebensweg jeder einzelnen Kuh, die ausgerüstet mit Sensoren ihr Futter auf den Alpweiden suche, verfolgt werden könne. Dies sei ganz einfach per GPS-Tracking ersichtlich, sagte Wortmann. «Transparenz wird mit der Digitalisierung neu definiert.» Dabei zeigte er sich überzeugt, dass die grosse digitale Revolution in den konventionellen Industrien erst beginnt. Sie müsse mit Fingerspitzengefühl vorangetrieben werden, es müsse beispielsweise auch der Datenschutz berücksichtigt werden. Dieser sei oft ein Innovationshemmer.

«Transparenz wird mit der Digitalisierung neu definiert.»

Nadja El Benni, Leiterin des Forschungsbereichs Wettbewerbsfähigkeit und Systembewertung bei Agroscope, zeigte auf, wie ein Tag im Leben eines Landwirtes im Jahr 2050 aussehen könnte. Die weidebasierte Milchproduktion werde komplett digitalisiert sein, so ihre Prognose. Mittels Drohne und mobilem Labor ermittelt der Bauer Grasmenge und Grasqualität auf seinen Weiden. Sensoren in den Ohrmarken der Kühe registrieren, ob die Kühe genügend wiederkäuen und wie es ihnen geht. Gestützt darauf spuckt der Fütterungsroboter am Abend mehr oder weniger Futter für Elsi aus. Der Bauer kann der Kuh aber auch eine neue Weide zuweisen – mittels virtuellem Kuhdraht. Nähert sich eine Kuh den Grenzen ihres Rayons, schlägt das GPS am Halsband Alarm. Erst ertönt Hundegebell; kehrt die Kuh trotzdem nicht um, erhält sie einen leichten Stromschlag.

Der Melkroboter wiederum prüft beim Melken auch gleich Milchqualität und Gesundheit der Tiere. Direktmilchverarbeitungsanlagen wie zum Beispiel der Orbiter von Lely pasteuerisieren die Milch und füllen sie auf dem Hof in Flaschen ab, vollautomatisch. Das sei keine Science-Fiction, sagte El Benni. «Die nötigen Bausteine haben wir heute schon.» Was es allerdings noch brauche, sei ein einwandfrei funktionierendes Breitbandnetz in Berg und Tal, ebenso Systeme zur Datensammlung und -administration sowie einheitliche Standards bei der Software.

Ehrliche Bilder in der Werbung gefragt

Ja, manchmal könne sie es sich schon vorstellen, künftig vom Büro aus den Roboter mit Aufträgen einzudecken, sagte Rosmarie Fischer-Weissenfluh, Bäuerin aus Blumenstein, auf die Frage von Moderatorin Eveline Kobler, ob sie sich eine vollautomatisierte Landwirtschaft vorstellen könne. Doch eigentlich seien es eher ihre Kinder, welche den Melkroboter interessanter fänden als zum Beispiel das Ziengenmelken, das dann an ihr hängen bleibe. Neue Technologien seien ein Fakt in der Landwirtschaft. Dabei frage sie sich, warum in der Werbung immer nur die Bilder von der kleinbäuerlichen Romantik zum Zug kämen und nicht die Realität, die heute auch auf landwirtschaftlichen Betrieben viel moderner Technologie bedeute. «Dies wäre ehrlicher», sagte Fischer-Weissenfluh. Sie übte Kritik an den Detailhändlern: Diese würden über Direktzahlungen finanzierte Tierwohl- und Ökoprogramme hergestellte Produkte teurer verkaufen und sich diese vom Staat finanzieren lassen. Die Landwirte seien dabei nur noch die Restgeldempfänger.

Lebensmittelindustrie ist «Late Mover»

Einen Blick in die Fabrik der Zukunft gab Roger Gaemperle, Leiter Digitalisierung Food & Beverage Industrie Segments von ABB. Bis ins Jahr 2025 werde sich die Anzahl der mittels Internet of Things (IoT) verbundenen Geräte verfünffachen – der Internetverkehr werde dabei auf 120 000 Gigabyte pro Sekunde zunehmen. Denn der Trend von automatisierten Systemen in Richtung autonome Systemen brauche Rechenleistung.
Die Food & Beverage-Branche sei nicht gerade führend in der Anwendung von digitalen Systemen, sie sei eher ein «Late Mover», sagte Gaemperle. Und nicht die international bekannten Konzerne aus Europa und den USA seien die Treiber, sondern zum Beispiel Milchproduzenten aus Indien, die mit Sensortechnik die Qualität der Rohmilch verbessern wollen. Kakaobohnen könne man bereits auf dem Feld auf ihren Wassergehalt prüfen, damit könnten die Produktionsanlagen schon im Vorfeld richtig eingestellt werden, sagte Gaemperle. So kämen Innovationen oft von kleineren, aufstrebenden Firmen oder Märkten. Ein KMU soll schrittweise in die Digitalisierung vordringen und kleine Projekte umsetzen, damit aus diesen gelernt werden könne, so der Ratschlag von Gaemperle.

«Hauptsache, das Tool funktioniert»

Dass die Nahrungsmittelindustrie bei der Digitalisierung hinterherhinke, wollte David Strauss so pauschal nicht gelten lassen. Er ist beim Nahrungsmittelriesen Nestlé verantwortlich für den digitalen Wandel. Nestlé setzte etwa beim Marketing und der Kommunikation schon stark auf Social Media. «Wir fangen bei der digitalen Transformation eben dort an, wo sich damit Geld verdienen lässt», begründete Strauss diese Entwicklung. Und überhaupt: Digitalisierung sei kein Selbstzweck. «Es geht um Ergebnisse», sagte Strauss. «Ob das dann 3.0 oder 4.0 heisst, spielt keine Rolle. Hauptsache, das Tool funktioniert.»

Die Digitalisierung werde sicher auch die Arbeitswelt und Jobanforderungen bei Nestlé verändern, sagte Strauss. «Aber wenn wir die Digitalisierung nur vorantreiben, um Mitarbeiter einzusparen, dann kann der Schuss nach hinten losgehen», betonte er. «Wir müssen Tools entwickeln, um unseren Mitarbeitenden die Arbeit zu erleichtern.» Heute gehe in den Fabriken viel Zeit fürs Firefighting drauf. Dank der Digitalisierung könnten die Mitarbeitenden künftig planbarer arbeiten und dadurch am Abend auch zufriedener nach Hause gehen, zeigte Strauss sich überzeugt.

Die Angst vor Amazon

Während etwa bei den Kleidern das Internet-Geschäft brummt, steckt der Online-Lebensmittelhandel noch in den Kinderschuhen. Zwar mischen viele Detailhändler mit, die Umsätze sind aber mikroskopisch klein. In Europa erwirtschaften gerade mal zwei Player mit dem Online-Handel mehr als ein Prozent des Gesamtumsatzes, nämlich Tesco und Leclerc. Das sagte Björn Weber. Er leitet Retailytics, ein neunköpfiges Team der deutschen «Lebensmittelzeitung», das Strukturen und Trends im Lebensmittel-Einzelhandel analysiert.
Die Branche aufmischen könnte Amazon. Der Online-Handelsriese drängt in den Lebensmittelhandel. 2017 kaufte Amazon für rekordhohe 13,7 Milliarden US-Dollars die amerikanische Bio-Supermarktkette Whole Foods auf. Online-Bestellungen werden in den Whole-Foods-Filialen kommissioniert und von dort aus ausgeliefert. Mit Prime Now liefert Amazon in 16 europäischen Städten Lebensmittel bereits ein bis zwei Stunden nach Bestellung aus. «Das könnte dem etablierten Lebensmittelhandel zu schaffen machen», sagte Weber.

«Wenn ein Flachbildfernseher ausgeliefert wird, ist damit der Transport des Salatkopfes schon finanziert.»

Weitere Pluspunkte von Amazon seien die starke Kundenbindung und die hohen Ansprüche an die Eigenmarken. Auch bei der Auslieferung habe Amazon einen Trumpf. Die grösste Kostenfalle beim Online-Versandhandel sei nämlich der Aufbau einer eigenen Lieferflotte. Amazon aber könne die Food- und Non-Food-Heimlieferungen bündeln. «Wenn ein Flachbildfernseher ausgeliefert wird, ist damit der Transport des Salatkopfes schon finanziert», veranschaulichte Weber.

Wie sollte der etablierte Lebensmittelhandel auf den Herausforderer Amazon reagieren? Nicht in Schockstarre verfallen, riet Weber, sondern sich auf seine Stärken besinnen. «Die Kunden sind bereit, für hervorragenden Service zu bezahlen.» Ausserdem solle der Einzelhandel auf die Macht seines Vertriebsstätten-Netzes setzen und zum Beispiel anbieten, online bestellte Ware in der Filiale um die Ecke abholen zu können. Ausserdem müssten geeignete Logistik-Partner für die Heimlieferung gefunden werden.

Der vernetzte Konsument

Wie tickt eigentlich der Konsument 4.0? Das erforscht der dänische Food-Professor Bent Egberg Mikkelsen im Rahmen des Richfields-Projekt der EU. Konsumenten und Unternehmen generierten jeden Tag riesige Mengen an Daten, so Mikkelsen. Gelinge es, diese Daten zu verknüpfen, könne man damit wertvolle Einblicke ins Konsum- und Essverhalten gewinnen. Der moderne Konsument sei vernetzt und immer auf Empfang, erklärte Mikkelsen weiter. Der Konsument 4.0 kommuniziere auf verschiedenen Kanälen und nutze auch beim Shopping das Web, den Laden um die Ecke oder kombiniere beides, indem er online bestelle und es dann im Laden abhole. Multi-Channel sei deshalb auch für Unternehmen das Gebot der Stunde, sagte Mikkelsen. Seine Forschung beruht darauf, dass Konsumenten ihre Daten preisgeben. «Zum Glück sind viele bereit, ihre Daten für die Forschung zu spenden.»

Daten spenden? Davon hält Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz nichts. Aus dem Supercard- und Cumulusprogramm ist sie vor Jahren ausgestiegen. Sie konterte den Vorwurf, der an der Tagung mehrfach geäussert wurde, der Datenschutz sei ein Innovationshemmer. «Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung müssen klar vorgebracht werden. Nur wenn die Menschen Vertrauen in ein Unternehmen haben, hat die Digitalisierung auch Zukunft», sagte sie. Konkret forderte sie, dass bei Online-Diensten automatisch die höchste Datenschutzstufe gelten solle. «Der Kunde könnte dann selber entscheiden, wie viel er von seinen Daten und seiner Persönlichkeit preisgeben will», erklärte Stalder. Heute laufe es genau anders rum.

Speedboat und Mutterschiff

Wie navigiert ein Familienunternehmen wie Ricola durch den digitalen Wandel? Indem es sich ein eigenes, von der Firma unabhängiges Innovationslabor leistet, das Ricolab. «Ricola ist das Mutterschiff, Ricolab ist das Schnellboot, das auf Entdeckungsfahrt geht und Neues zurückbringt», sagte Ricolab-CEO Eva Richterich. Ricolab teste neue Geschäftsfelder ausserhalb von Marke und Sektor und generiere so neues Wissen. Experimentieren wird grossgeschrieben, Scheitern gehört dazu. Ricolab hat zum Beispiel ausprobiert, ob digitale Waldspaziergänge heilsam sind für alte Menschen, die nicht mehr selber in den Wald gehen können. «Damit haben wir sehr berührende Erfahrungen gemacht.» Gerne hätte man erfahren, was Ricolab dem Kräuterkonzern ganz konkret an Nutzen bringt. Leider ging Kapitänin Richterich darauf nicht ein.