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Wasserlinsen – die Proteinmaschinen

Wasserlinsen gehören zu den am schnellsten wachsenden Pflanzen. Mit ihrem hohen Proteingehalt haben sie Potenzial als Alternative für gängige Proteinquellen wie Soja.

von Tobias Lobmaier

Wasserlinsen haben einen hohen Proteingehalt und sind reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren.
Mit Versuchsreihen wird im FiBL die optimale Güllekonzentration für das Wachstum von Wasserlinsen ermittelt.

Wasserlinsengewächse (Lemnaceae) sind auf ein blattartiges linsenförmiges «Glied» reduzierte Pflanzen, die freischwimmend auf stehenden Gewässern vorkommen. Mit einer Grösse von 0,4 bis 15 mm gehören sie zu den kleinsten Samenpflanzen der Welt. Sie blühen jedoch nur selten und vermehren sich vorwiegend vegetativ durch Zell­sprossung. Bei optimalen Bedingungen können sie ihre Biomasse in 24 bis 36 Stunden verdoppeln. Weil die kleinen Schwimmpflanzen den Enten und Fischen als Nahrung dienen, werden die Wasserlinsengewächse auch als «Entengrütze» oder auf Englisch als «Duckweed» bezeichnet. Tatsächlich sind sie ein nahrhaftes Futter für die Tiere. Sie haben einen sehr hohen Eiweissgehalt und sind reich an anderen wertvollen Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen.

Ersatz für Soja

Wasserlinsen haben ein grosses Potenzial, um etwa als Soja-Alternative in Futtermitteln oder auch für die menschliche Ernährung eingesetzt zu werden. Sie können in Aquafarmen wassersparend kultiviert werden, wobei kein fruchtbares Land nötig ist und sie haben einen drei bis acht Mal höheren Proteinertrag pro Fläche und Zeit als Soja. Zudem können bei Wasserlinsen 100 Prozent der Pflanze verwertet werden. Es fallen keine Nebenprodukte an. Im Gegensatz zu Soja ist die Produktion von Wasserlinsen jedoch nicht so weit optimiert. Bis die Wasserlinsen preislich mit Soja mithalten können, gibt es noch einige Hürden zu überwinden. Als Zutat in Lebensmitteln sollen Wasserlinsen aber bald in der EU zugelassen sein. Mit ihren wertvollen Nährwerteigenschaften bietet die Pflanze vor allem bei funktionellen Lebensmitteln interessante Möglichkeiten.

Wasserlinsen in Lebensmitteln

In einigen asiatischen Ländern wie Thailand, Kambodscha oder Laos stehen Wasserlinsen auf dem traditionellen Speiseplan. Sie werden als Suppe, Gemüsebeilage oder Omelette gegessen und schmecken ähnlich wie Erbsen. In der EU ist noch keine Wasserlinsenart als Lebensmittel zugelassen. Lediglich als Futtermittel darf die Wasserlinsenart Lemna minor (kleine Wasserlinse) verwendet werden. Doch das soll sich bald ändern. Das Unternehmen Parabel mit Hauptsitz in Florida entwickelte das Wasserlinsenpulver Lentein, welches vor einem Jahr von der FDA als Lebensmittel zugelassen wurde. Auch in der EU ist die Zulassung in Bearbeitung. «Die EU-Zulassung sollte gemäss heutigem Stand im ersten Quartal 2020 erfolgen, sofern nichts mehr dazwischenkommt», sagt Daniel Müller von der Barentz-Sander AG, Vertrerin von Lentein in der Schweiz.

Mit dem hohen Proteinanteil, dessen guter biologischen Verwertbarkeit und weiteren wertvollen Nährwerteigenschaften bietet das Pflanzenpulver vor allem bei funktionellen Lebensmitteln für Sport oder Gesundheit interessante Möglichkeiten. Das Pulver kann auch in Backwaren, Teigwaren oder Tortilla Chips eingesetzt werden. Auch für die Herstellung von Fleisch- oder Fischersatz sowie für Speisewürze kann Wasserlinsenpulver als Ausgangsmaterial verwendet werden. Besonders geeignet ist gemäss Parabel die Verwendung in Getränken. Smoothies mit dem Wasserlinsenpulver schmecken gut und haben eine ansprechende kräftig-grüne Farbe. Bei anderen Applikationen wie Biscuits oder Brot können die ausgeprägte grüne Farbe und der leicht würzige Geschmack störend sein.

Aufwendige Trocknung

«Es gibt drei Gründe, warum man Wasserlinsen züchtet: Lebensmittel, Futtermittel und Bioremediation, die biologische Entgiftung von Ökosystemen», sagt Timo Stadtlander vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL. Aufgrund ihrer Fähigkeit, Mineralstoffe und Spurenelemente aus der Umgebung anzureichern, wurden Wasserlinsen zur Entgiftung von Abwasser bereits erfolgreich eingesetzt.

Für Lebensmittel und Futtermittel wurden Wasserlinsen bislang nicht im grossen Stil angebaut. Um die Wasserlinsen konkurrenzfähig mit Soja zu machen, sind Optimierungen im Anbau und beim Prozessieren nötig. Obwohl Wasserlinsen einen sehr hohen Proteinertrag haben und der Anbau kein fruchtbares Land benötigt, braucht es Anbaufläche in Form von 40 Zentimeter tiefen Teichen. Für eine effiziente Produktion muss die Wasseroberfläche komplett mit Wasserlinsen bedeckt sein. Dies erfordert, dass die Wasserlinsen kontinuierlich geerntet werden. Auch bei der Schädlingskontrolle fehlt beim Wasserlinsenanbau im Gegensatz zu anderen Kulturpflanzen die Erfahrung. Die grösste Hürde für die Lebensmittel- und Futtermittelproduktion ist jedoch das Prozessieren. Der Trockenmassegehalt bei der Ernte liegt typischerweise zwischen 5 und 10 Prozent. Um die Wasserlinsen haltbar und transportfähig zu machen, müssen sie bisher mit hohem Energieaufwand getrocknet werden.

Eine Tonne Soja kostet auf dem Weltmarkt derzeit rund 450 US-Dollar. Mit diesem Preis können die Wasserlinsen heute nicht mithalten. «Wenn wir jedoch die externen Kosten betrachten, schneiden die Wasserlinsen wesentlich besser ab als Soja», sagt Stadtlander. In einer Studie der Universität Antwerpen wurden die externen Kosten, die als Umweltbelastungen bei der Sojaproduktion anfallen, analysiert und monetarisiert. 2008 wurde Soja im Wert von 10 Milliarden US-Dollar in die EU importiert. Die Kosten der Umweltbelastung, die durch die Produktion dieser Soja entstand, wurden in der Studie auf 120 Milliarden US-Dollar geschätzt. Wenn die hohen externen Kosten, die der Sojaimport verursacht, miteinbezogen werden, sind Investitionen in einen höheren Selbstversorgungsgrad von pflanzlichen Proteinquellen unerlässlich.
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