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Getränkekarton-Recycling: «Die Infrastruktur ist vorhanden»

Das Recycling von Getränkekartons ist ökologisch, technisch machbar und von den Konsumenten gewünscht – trotzdem fristet es in der Schweiz ein Nischendasein. An der Jahrestagung des Schweizerischen Verpackungsinstitut würden Gründe und Lösungen erörtert.

von Stephan Moser

Aldi hat die Rücknahme von Getränkekartons getestet - und wurde Opfer des eigenen Erfolgs. (Bild Aldi/zvg)
Simone Alabor vom Verein Getränkekarton-Recycling Schweiz. (Bild mos)
David Nyffenegger, Aldi Suisse. (Bild mos)
Edoardo Finotti von der Model AG. (Bild mos)
Moderatorin Karola Krell (v.l.) mit Josef Meyer, Tetra Pak, Simone Alabor, Getränkekartonrecycling Schweiz, Edoardo Finotti, Model AG, und Amanda Finger, Bafu. (Bild mos)

Mit Recyclingquoten von 94 Prozent bei Glas und Alu und 82 Prozent beim PET ist die Schweiz Spitzenklasse. Ganz anders sieht es hingegen bei den Getränkekartons aus. Während das Getränkekartonrecycling im benachbarten Ausland längst etabliert ist, gibt es in der Schweiz gerade mal 100 Sammelstellen. Die Sammelquote liegt bei unter 10 Prozent, der grösste Teil der Getränkekartons wird verbrannt. Woran haperts? Und wie kriegt man auch hierzulande Milch- und Orangensaftüten in die Kreislaufwirtschaft? Das waren zentrale Fragen an der Jahrestagung des Schweizerischen Verpackungsinstituts (SVI) zum Thema «Lebensmittelverpackung der Zukunft». 130 Fachleute aus der Verpackungs- und Lebensmittelindustrie besuchten den Anlass vom 14. Januar in der Umweltarena Spreitenbach.

Es fehlt eine Recyclinggebühr

«Das Recycling von Getränkekartons ist ökoloigisch sinnvoll und auch in der Schweiz machbar, die Infrastruktur ist vorhanden und 9 von 10 Konsumenten wollen ihre Getränkekartons recyclieren», sagte Simone Alabor, Geschäftsführerin des Vereins Getränkekarton-Recycling Schweiz, in ihrem Referat. Seit zehn Jahren bemüht sich der Verein – gegründet von den Getränkekartonherstellern Tetra Pak, SIG Combibloc und Elopac – um ein schweizweites Sammelsystem für Getränkekartons. Dass der Durchbruch noch nicht gelungen ist, hat laut Alabor vor allem einen Grund: die fehlende Finanzierung der Sammlung. Anders als bei PET, Glas oder Alu gebe es in der Schweiz für Getränkekartons keine vorgezogene Recyclinggebühr, um das Sammelsystem zu bezahlen. «Es fehlt ein regulatorischer Rahmen, der nicht nur für einzelne Materialien abdeckt, sondern Verpackungen generell regelt.»

Aldi scheiterte am Erfolg

Dass das Recycling von Getränkekartons auch in der Schweiz funktionieren könnte, hat ein Pilotprojekt des Vereins Getränkekarton-Recycling mit Aldi Suisse gezeigt. Der Discounter begann im August 2016 damit, Getränkekartons und Plastikflaschen gemeinsam zurückzunehmen und mit der eigenen Logistik der inländischen Aufbereitung zuzuführen. Die Sammeldisziplin sei hoch gewesen, die Sortierung technisch machbar und auch hygienisch sei die Sammlung kein Problem gewesen, sagte David Nyffenegger von Aldi.

Trotzdem stellte der Discounter Ende Juni 2019 die Sammlung von Getränkekartons wieder ein – wegen zu grossem Erfolg, wie Nyffenegger erklärte. Aldi habe gehofft, dass die anderen Grossverteiler mitziehen würden. Doch die machten nicht mit. «Am Schluss waren 70 Prozent der Retouren nicht von uns», sagte Nyffenegger. «Die Gesamtmenge war schlicht zu gross für das Logistiksystem eines Händlers wie Aldi mit 10 Prozent Marktanteil», bilanzierte Nyffenegger. «Wir hätten auch noch Müllunternehmer werden müssen, um das zu managen.» Geld verdient habe Aldi mit dem Getränkekartonrecycling übrigens nicht, so Nyffenegger. «Die Personalkosten waren höher als der Erlös aus dem Verkauf des Materials.»

Wieso Migros und Coop denn nicht mitgemacht hätten, lautete eine Frage aus dem Saal. «Das Logistiksystem der Detailhändler ist nicht auf die Kreislaufwirtschaft ausgerichtet», antwortete Alabor. Sie sehe die Lösung deshalb eher so, dass künftig die Konsumenten Getränkekartons direkt der Müllabfuhr mitgeben könnten, etwa in verschiedenfarbigen Säcken.

Wertvolle Fasern aus der Milchpackung

Ein Getränkekarton besteht zu 75 Prozent aus Karton und zu 25 Prozent aus einem Gemisch von Polyethylen (21 Prozent) und Aluminium (4 Prozent). Seit 2017 betreibt die Model AG in Weinfelden die bisher schweizweit einzige Recyclinganlage, welche die hochwertigen Frischfasern aus Getränkekartons herauslösen kann. Aus den Fasern wird Wellkarton hergestellt. «Die langen Fasern aus den Getränkekartons bringen höhere Festigkeitswerte, so können wir die Grammaturen reduzieren», erklärte Edoardo Finotti von der Model Holding AG die Vorzüge der Recyclingfasern.

Die Anlage in Weinfelden hat genug Kapazität, um sämtliche Getränkekartons der Schweiz zu recyclieren. Rund 40 Millionen Franken hat die Firma investiert, «alles aus eigener Tasche», wie Finotti betonte. Jetzt müssten auch die anderen Partner ihren Beitrag leisten, damit es auch bei den Getränkekartons eine Kreislaufwirtschaft gebe.

Das betonte auch Josef Meyer, Key Account Director Österreich & Schweiz bei Tetra Pak. Gemeinsam mit den Mitbewerbern SIG Combibloc und Elopac baue man zurzeit bei Köln für acht Millionen Euro eine Recyclinganlage, um auch das Polyethylen und Aluminium aus den Getränkekartons zurück zu gewinnen. Mitte dieses Jahres soll die Anlage in Betrieb gehen. «Die Industrie ist massiv in Vorleistung gegangen», sagte Meyer, jetzt müsse auch politisch etwas geschehen. Ideal wäre eine vorgezogene Recyclinggebühr auch auf Getränkekartons, sagte er.

Bafu: «Wir brauchen Auftrag»

Liegt der Ball also beim Bund?, wollte Moderatorin Karola Krell-Zbinden von Amanda Finger vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) wissen. «Wir brauchen zuerst einen klaren politischen Auftrag, um ein Getränkekartonrecycling einzuführen», erklärte Finger. Es tue sich aber etwas in der Politik. Mehrere Vorstösse im Parlament forderten mehr Recycling, etwa die Motion «Weniger Kehrichtverbrennung, mehr Recycling» der grünliberalen Nationalrätin Isabelle Chevalley, die im Dezember 2019 von Nationalrat angenommen wurde. Das Bafu sei nun daran, zuhanden des Bundesrates den geforderten Bericht zu erstellen. Das beste wäre es freilich, wenn die Branche wie beim PET eine freiwillige Lösung fände, spielte Finger den Ball zurück. Das hat die Branche in den letzten zehn Jahren allerdings nicht zustande gebracht.

Einen ausführlichen Bericht auch zu den anderen Referaten der SVI-Tagung finden Sie in der nächsten alimenta vom 12. Februar 2020.