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Forscher fordern drastische Reduktion des Plastikmülls

Auch wenn ab Juli viele Einwegplastikprodukte EU-weit verboten sind - die globale Plastikemission steigt. Der Kunststoff «lebt» lange und ist überall zu finden: in Wüsten, auf Berggipfeln, in tiefen Ozeanen und der Arktis. Forscher fordern ein Umdenken.

von sda

(Symbolbild Pixabay)
Die jährliche Plastikverschmutzung von Gewässern und an Land könnte sich im Zeitraum zwischen 2016 und 2025 fast verdoppeln, falls der Mensch so weitermacht wie bisher. Der weltweite Eintrag von Plastik in Seen, Flüsse und Ozeane im Jahr 2016 habe geschätzte 9 bis 23 Millionen Tonnen betragen, schreibt ein Forscherteam aus Deutschland, Schweden und Norwegen in einem Übersichtsartikel.
Eine ähnlich grosse Menge – 13 bis 25 Millionen Tonnen – sei in dem Jahr in die Umwelt an Land gelangt, heisst es in einem Beitrag, der innerhalb eines Themenschwerpunkts zu Plastik im Wissenschaftsmagazin «Science» vom Donnerstag veröffentlicht worden ist.
«Plastik ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, und es sickert überall in die Umwelt, selbst in Ländern mit einer guten Infrastruktur für die Abfallbehandlung», sagt Matthew MacLeod von der Universität Stockholm. Dabei nähmen die Emissionen tendenziell zu, obwohl das Bewusstsein für Plastikverschmutzung in Wissenschaft und Öffentlichkeit in den letzten Jahren deutlich gestiegen sei.
Fauler Trick: Plastik-Abfälle exportieren
Mine Tekman vom Alfred-Wegener-Instituts (Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung, AWI) in Bremerhaven warnt vor dem Eindruck, dass alles auf «magische Weise» recycelt werden könne, wenn Plastikmüll richtig getrennt werde.
«Technologisch gesehen hat das Recycling von Plastik viele Einschränkungen, und Länder, die über eine gute Infrastruktur verfügen, exportieren ihren Plastikmüll in Länder mit schlechteren Einrichtungen», erläutert sie. Zudem gebe es ein grundsätzliches Problem mit biologisch nicht abbaubaren Materialien. Sie fordert daher drastische Massnahmen, wie etwa ein Verbot des Exports von Kunststoffabfällen, es sei denn, er erfolge in ein Land mit besserem Recycling.
Abgelegene Gegenden sind besonders von Plastikmüll bedroht, wie Annika Jahnke vom Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig erklärt. Dort könne Plastikmüll nicht durch Aufräumarbeiten entfernt werden. Auch führe die Verwitterung grosser Plastikteile unweigerlich zur Entstehung einer grossen Anzahl von Mikro- und Nanoplastikpartikeln sowie zur Auswaschung von Chemikalien, die dem Plastik absichtlich zugesetzt wurden.
Schweiz: Eigenverantwortung der Wirtschaft
Zusätzlich zu den Umweltschäden, die Plastikverschmutzung allein durch das Verheddern von Tieren und toxische Wirkungen verursachen könne, warnt das Forscherteam auch davor, dass sie in Verbindung mit anderen Umweltstressoren in abgelegenen Gebieten weitreichende oder sogar globale Auswirkungen auslösen könnten. Denkbar sei ein Einfluss auf die Artenvielfalt im Meer und auf dessen für das Klima wichtigen Kohlenstoffpumpe. Plastik wirke dort als zusätzlicher Stressor.
MacLeod kommt zu dem Schluss: «Die Kosten, die entstehen, wenn man die Anhäufung von langlebiger Plastikverschmutzung in der Umwelt ignoriert, könnten enorm sein. Das Vernünftigste, was wir tun können, ist, so schnell wie möglich zu handeln, um den Eintrag von Plastik in die Umwelt zu reduzieren.»
Einige Produkte aus Einwegplastik sind ab Juli in der EU verboten. Betroffen sind Artikel, für die es Alternativen gibt, etwa Trinkhalme, Rührstäbchen, Luftballonstäbe oder Einweggeschirr. Auch bestimmte Trinkbecher sowie Einwegbehälter aus Styropor dürfen nicht mehr produziert und in den Handel gebracht werden. Vorhandene Ware darf aber noch verkauft werden. In der Schweiz existiert noch kein solches Verbot.
* Fachartikelnummer DOI: 10.1126/science.abg5433