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Schwieriger Weg zur Kreislaufwirtschaft

An der Veranstaltung «Economie Circulaire» in Freiburg wurde die Wichtigkeit betont, dass Agrar- und Ernährungsbranche kreislauffähig werden und dass alle Akteure mithelfen. Das grosse Problem: Wie kann den KMU dabei am effizientesten geholfen werden?

von wy

Der Kanton Freiburg ist vorne dabei: Jerry Krattiger von der Freiburger Wirtschaftsförderung.
Christina Senn-Jakobsen vom Swiss Food and Nutrition Valley will den Pioniergeist der Schweizer Agro-Food-Branche wieder entfachen. (zVg)
Marina Helm-Romaneschi: Das Lebensmittelsystem muss weltweit umgestaltet werden. (Roland Wyss-Aerni)
Die Wirtschaft der Zukunft muss wo immer möglich eine Kreislaufwirtschaft sein – die Verschwendung von Ressourcen muss überwunden werden. Damit dies erreicht werden kann, müssen Forschung, Start-ups, grosse Unternehmen und KMU miteinander vernetzt werden. Unter dieser Prämisse lud die Netzwerkorganisation BusinessIn am 18. Mai nach Freiburg zur Tagung «Economie circulaire dans l’agroalimentaire».
Jerry Krattiger, Direktor der Wirtschaftsförderung im Kanton Fribourg, erläuterte, was im Kanton in diesem Bereich passiert. Insgesamt sei im letzten Jahr von Privaten und vom Kanton rund eine Milliarde Franken in den Agro-Food-Bereich investiert worden, sagte Krattiger. Ein Beispiel sei der Forschungscampus Agrico in Saint-Aubin, wo es um Wertschöpfung in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung und Biomasse gehe, und wo auf einem Gelände alle Etappen von der Forschung bis zur Produktion abgedeckt würden. In Posieux entsteht ein neuer Standort für Agroscope, dort wird sich das Personal verdreifachen.
Poulet im Poulet
Als konkretes Beispiel für Kreislaufwirtschaft erwähnte Krattiger die Verwertung von Geflügelfedern zu Keraten, einem natürlichen Polymer, das auch natürlich abbaubar ist. Daraus könne man einen Plastikfilm produzieren und irgendwann idealerweise Poulet in Poulet einpacken, wie Krattiger sagte. Allerdings gebe es noch Forschungsbedarf. Das Material hat derzeit noch einen Gelbstich und riecht merkwürdig – das soll noch behoben werden.
Ein Leuchtturm-Projekt ist die Verwertung von Biomasse im Bereich der Apfelverarbeitung, das von Isabelle Schluep von der Freiburger Hochschule für Wirtschaft vorgestellt wurde. Apfeltrester fällt jährlich in grossen Mengen aus der Saftproduktion an, er enthält interessante Inhaltsstoffe, verdirbt aber relativ rasch. Das heisst, er muss getrocknet oder stabilisiert werden und danach eine Verwertung finden, welche die dazugehörigen Kosten rechtfertigt. «Kühe lieben Apfeltrester», sagte Schluep, denkbar seien aber auch komplexere Anwendungen für Karton, veganes Leder oder Pflanzenschutzmittel. Entscheidend sei letztlich, wo der höchste Mehrwert entstehe und wo der kleinste ökologische Fussabdruck.
Schweiz als Vorreiter?
Christina Senn-Jakobsen, Geschäftsführerin des Swiss Food and Nutrition Valley, stellte ihre Vision der Schweiz als Food Nation vor. Schweizer Unternehmen wie Nestlé, Bühler oder Lindt hätten in ihren Gründerjahren grossartige Leistungen vollbracht. Diesen Pioniergeist wolle man wieder entfachen, angesichts der globalen Herausforderung bezüglich Ernährung und Umwelt habe auch die Schweiz hier eine Verantwortung. Es gelte, neben den Milliarden, welche die Schweiz in Unterstützung für die Landwirtschaft bezahle, auch Milliarden in die Forschung für ein nachhaltigeres Ernährungssystem zu investieren. Die Schweiz könne als Nicht-EU-Land beispielsweise ein Pilotland im Bereich Novel-Food sein. Swiss Food and Nutrition Valley hat sogenannte Impact Platforms zu fünf verschiedenen Themen etabliert: Precision Food, nachhaltige Proteine, Lebensmittelsysteme 4.0, Zukunft der Landwirtschaft oder nachhaltige Verpackungen. Für Kreislaufwirtschaft gebe es keine eigene Plattform, weil diese «überall drin sein muss», sagte Senn-Jakobsen.
Marina Helm-Romaneschi vom Swiss Food Research argumentierte ähnlich: Für jeden ausgegebenen Franken entstünden im Schnitt externe Kosten von einem Franken, sagte sie. Um dies zu ändern, brauche es eine weltweite Umgestaltung des Lebensmittelsystems, mit technologischen Innovationen und verändertem Konsumentenverhalten. Die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft seien vielfältig, erforderten aber die Vernetzung und Kooperation der Akteure. So sei es beispielsweise möglich, Proteine aus Schlachthofabwasser zu gewinnnen und lebensmittelfähig zu machen. Dazu brauche es aber rechtliche Grundlagen.
KMU haben andere Prioritäten
Auf dem abschliessenden Podium ging es darum, wie die Erkenntnisse und Innovationen der Forschung an die KMU gelangen. Benoît Charrière, Schweizer Geschäftsführer der Transformationsberatungsfirma DSS+, sagte, viele KMU hätten weder die Zeit noch das Geld, um sich um solche Dinge zu kümmern. Bei den Firmen, die man beraten habe, gebe es schöne Erfolge, etwa beim Genfer Landmaschinenhändler Grunderco, der sein komplettes Geschäftsmodell umgekrempelt habe und jetzt vermehrt auf Vermietungen, Reparaturen und Service setze. Aber es gebe noch enorm viel zu tun. «Man muss den Firmen besser helfen und sie auch finanziell unterstützen.»
Viel Vernetzung, wenige KMU
Für eine längere Diskussion sorgte auch die Frage, ob es nicht schon zu viele Netzwerke gebe. «Als KMU weiss ich gar nicht, an wen ich mich wenden muss. Da verliere ich meine Zeit», sagte ein Tagungsteilnehmer. In der Tat gibt es mit dem Swiss Food and Nutrition Valley, mit Swiss Food Research oder dem Cluster Food Nutrition bereits drei Organisationen, die ähnliche Ziele haben und ähnlich funktionieren.
Charrière sagte, vieles sei von der Neuen Regionalpolitik geprägt, die auf lokale Mehrwerte und Arbeitsplätze setze. Hier gebe es aber beim Seco ein Umdenken, Dinge auch zu vereinheitlichen. Joël Reinhard vom Cluster Food Nutrition sagte, es sei auch eine Frage der Zweisprachigkeit, es gehe auch darum, dass Firmen sich in ihrer Sprache Hilfe suchen könnten. Cluster Food Nutrition sei auch etwas anders und regionaler aufgestellt als etwa das national und international tätige Swiss Food and Nutrition Valley. Auch Jerry Krattiger verteidigte die Strukturen: In der kleinen föderalen Schweiz sei es sinnvoll, wenn man auch regionale Organisationen als Anlaufstellen für KMU habe. Wenn man diese Diversität aufgebe, sei nichts gewonnen.
Die Organisatorin Suzanne Hroba Renevey hakte kritisch nach. Das Ziel einer solchen Veranstaltung müsse sein, dass mindestens die Hälfte der Teilnehmenden Vertreter von KMU wären, das sei klar nicht der Fall. Die KMU seien mit dem Alltag voll ausgelastet, man müsse es ihnen viel einfacher machen, sich zu informieren, entwickeln und nachhaltiger zu werden.