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Wirtschaft gebremst – aber keine Rezession

Die Schweizer Wirtschaft verliert an Schwung. Sie kann sich in diesem Jahr der weltweiten Abkühlung der Konjunktur nicht entziehen, rutscht aber nicht in die Rezession. Im nächsten Jahr dürfte es dann wieder bergauf gehen.

von awp

Für das das angefangene Jahr 2023 sagen die Ökonomen von Raiffeisen Schweiz ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 1,0 Prozent voraus. Damit würde die hiesige Wirtschaft erneut rund die Hälfte der Geschwindigkeit einbüssen, nachdem sie 2022 schätzungsweise noch um 1,9 Prozent zugelegt hat. 2021 war das BIP wegen der Lockerung der Coronamassnahmen gar um 3,7 Prozent nach oben geschossen.
Kein akutes Rezessionsrisiko
Heuer werde die hiesige Konjunktur nur noch unterdurchschnittlich zulegen, sagten die Raiffeisen-Ökonomen am Dienstag vor den Medien in Zürich. «Die hohen Energiepreise und die steigenden Lebenshaltungskosten entfalten auch hierzulande ihre Wirkung. Gleichzeitig nimmt die Exportdynamik ab, weil die hohe Inflation bei den meisten Handelspartnern zu schmerzhaften Kaufkraftverlusten der Haushalte führt und die Konjunktur bremst.»
Durch die Bekämpfung der hohen Inflation durch die Notenbanken habe sich die Rezessionsgefahr deutlich erhöht, insbesondere in Europa, das besonders stark vom Energiepreisschock des Ukraine-Kriegs betroffen sei. Dagegen bestehe für die Schweiz kein akutes Rezessionsrisiko, sagte der scheidende Chefökonom Martin Neff, der dieses Jahr den Hut nimmt.
Starker Franken hilft
Grund dafür seien eine Reihe von Faktoren, welche die Teuerung hierzulande im Zaum halten würden. Vor allem der starke Franken helfe, die hohen Importpreise abzufedern. Neff rechnet mit einer Jahresinflation von 2,3 Prozent im laufenden Jahr, nachdem er in seiner letzten Prognose noch von 2,5 Prozent Teuerung ausgegangen war.
Als Begründung nannte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP die jüngste Entspannung bei den Öl- und Gaspreisen. Zudem sei der Preisschock bei den Strompreisen geringer als befürchtet. Und die Zweitrundeneffekte seien in der Schweiz nicht so extrem wie in den USA oder in der Eurozone.
Unter Zweitrundeneffekten versteht man Preiserhöhungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen. Diese entstehen beispielsweise, wenn Unternehmen und Gewerkschaften als Reaktion auf die gestiegene Inflation Lohnerhöhungen abmachen. Das kann zu einer Lohn-Preisspirale führen.
Schweiz ein Sonderfall
Während in den USA und in der Eurozone die Preise aufgrund von Zweitrundeneffekten durchs Band nach oben schnellten, sei die Schweiz ein Sonderfall: Hierzulande sei der Haupttreiber die Energiepreise. Deutliche Preiserhöhungen gebe es auch noch beim Hausrat und beim Wohnen. Aber die Zweitrundeneffekte seien viel geringer als im Ausland.
Das führe dazu, dass sich die Schweizerische Nationalbank (SNB) entspannt zurücklehnen könne. Er rechne noch mit einem weiteren Zinsschritt der SNB von 0,25 Prozentpunkten. Damit sei der Höhepunkt erreicht, sagte Neff zur AWP. Das sei für die Schweizer Wirtschaft gut verkraftbar. Die SNB hatte 2022 die Zinswende eingeleitet und zuletzt Mitte Dezember den Leitzins in einem weiteren Schritt auf mittlerweile 1,0 Prozent erhöht.
Die starke Erhöhung der Energiepreise gehe zwar auch in der Schweiz an den Unternehmen nicht spurlos vorbei, sagte Neff weiter. Aber die Belastung der Firmen sei weniger stark als im Ausland, weil die Schweizer Wirtschaft weniger energieintensiv sei.
2024 wieder besser
Im kommenden Jahr dürfte die Wirtschaft dann auch wieder stärker wachsen: Der Chefökonom erwartet für 2024 einen BIP-Anstieg von circa 1,5 Prozent. «Wir haben die Hoffnung, dass wir im vierten Jahr nach Ausbruch der Coronapandemie wieder eine Entwicklung in Richtung des Potentialwachstums der Schweiz haben werden.»
Die Voraussetzung sei allerdings, dass keine neuen Schocks aufträten, wie etwa eine dramatische Verschärfung der Coronasituation, der Energiepreise, der Lieferengpässe oder der geopolitischen Lage wie beispielsweise durch den Ukraine-Krieg.