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Hundert Jahre mit Höhen und Tiefen

Der Bernische Milchkäuferverband wird dieses Jahr hundert Jahre alt. Die Jubiläumshauptversammlung fand unter dem Eindruck des schwierigen Marktumfeldes in der Milchwirtschaft statt.

von Hans Peter Schneider

Die aktiven und auch die passiven BMKV-Mitglieder im Schönbühler Landgasthof.
Hansjörg Stoll ist der neunte Präsident in der hundertjährigen Geschichte des BMKV.
Ernst Hofer informierte über die Rechnung.
Alfred Hofer gewährte einen Blick in die Geschichte des BMKV.
Der Präsident des Bernischen Bauernverbandes Hansjörg Rüegsegger ist auch Präsident der SALS.

Schlicht war die Feier des hundertjährigen Jubiläums des Bernischen Milchkäuferverbandes. Dass nicht mit Glanz und Gloria gefeiert würde, war schon früh klar. Die wirtschaftliche Situation der Berner Käser gebe nicht grossen Anlass zum Feiern, sagte BMKV-Präsident Hansjörg Stoll an der Jubiläumshauptversammlung am 26. April im Schönbühler Landgasthof. Dennoch war der Stolz spürbar, den die 28 anwesenden aktiven, aber auch die ehemaligen Mitglieder des Bernischen Milchkäuferverbandes (BMKV) tief in sich trugen. Die geladenen Gäste gratulierten. Hansjörg Rüegsegger, Präsident des Bernischen Bauernverbandes, wünschte den Käsern viel Durchhaltewillen. Man solle Sorge tragen zu denen, die sich engagierten. Es sei nicht selbstverständlich, dass der Verband so alt sei. Fritz Hostettler von der Cremo meinte, es komme nicht von ungefähr, dass die Verbände in Krisenzeiten gegründet worden seien.

Das Problem liegt in der Industrie

Heute sei wieder eine Krisenlage für die Milchwirtschaft, sagte Hostettler, womit der Schwenk zur momentanen Marktlage gemacht war. Es sei wahnsinnig, wie viel Milch auf den Markt fliesse. Zum Beispiel habe Emmi angefragt, ob Cremo noch mehr Milch übernehmen könne, was das Unternehmen gemäss Hostettler jedoch verneinen musste. Dieses Jahr seien schon 18 Prozent mehr Butter exportiert worden, dennoch stiegen die Lager auf Rekordhöhen von aktuell 7800 Tonnen. Das Problem im Absatz liege bei der Industrie und nicht beim Detailhandel. Die grossen Backwarenhersteller würden lieber Gipfeli importieren als diese im Inland mit Schweizer Butter zu backen.
Philipp Bardet, Direktor der Interprofession du Gruyère, hatte von ähnlichen Problemen zu berichten. Im industriellen Bereich in der Schweiz sei weniger Käse verkauft worden. Und vor allem in Frankreich seien die Verkäufe schlecht gelaufen. Auch die französischen Konsumenten würden auf Regionalität setzen und Gruyère AOP sei in Frankreich nun mal ein importiertes Produkt. In der ganzen Problematik spiele der Milchdruck eine entscheidende Rolle. Wenn viel Milch auf dem Markt sei, werde irgendwelcher Käse gemacht, interessant sei es, die 15 Rappen Verkäsungszulage zu erhalten.
Sepp Spielhofer von der Sortenorganisation Tête de Moine suchte die Schuld an den schleppenden Käseverkäufen bei der Branche selber. Es habe niemand begriffen, warum die Schweizer die Käsepreise heraufsetzten, wenn diese in ganz Europa gesenkt worden seien. Trotz marginalem Absatzwachstum im letzten Jahr habe die Sortenorganisation Tête de Moine das Problem der Saisonalität noch nicht lösen können. Denn von Ostern bis Ende Sommerferien erleide die Verkaufskurve jeweils eine Delle. Im Jahr 2016, mit dem frühen Osterdatum, werde das Problem zusätzlich verschärft. Dies heisse, dass es Innovationen brauche und demzufolge auch zusätzliche Mittel. Etwas Neues sei auf jeden Fall das Fest des Tête de Moine, das letztes Wochenende in Bellelay stattfand. Fritz Sommer von Emmentaler Switzerland erklärte in kurzen Sätzen die Emmentaler AOP-Strategie. «Ich staune, welche Wirkung Michelle Hunziker hat», sagte Sommer. Man könne über die Celebrity-Strategie streiten; festzuhalten sei, dass Michelle schön sei. Der Inlandmarkt habe leicht angezogen und jetzt stehe für die von den besten Käsern produzierten Emmentalerlaibe auch das «Top Ten-Siegel» zur Verfügung – als Sticker und in elektronischer Form.

Exportsperre und knapper Käse

Thomas Thierstein von der Käserei Gondiswil informierte über die Milchtechnologenausbildung. Für diesen Beruf gebe es bald ein neues Logo. Nachdem die Anwesenden die Rechnung und das Budget genehmigt hatten, liess Alfred Hofer den Blick zurück in die hundertjährige Geschichte wandern. Damals, im Jahre 1916, tobte der erste Weltkrieg. Der Bundesrat erliess eine Exportsperre für Lebensmittel, die Käser blieben auf ihrer Ware sitzen. Doch bald waren Lebensmittel auch in der Schweiz knapp, die Käse- und die Milchpreise stiegen an. Bis Kriegsende stieg der Käsepreis um 60 Prozent auf 4.10 Franken, der Milchpreis um die Hälfte auf 21 Rappen. Die Politik verordnete, dass weniger Fettkäse hergestellt werden durfte, Butter wurde gebraucht. Alfred Hofer verwies auf den damals üblichen Lohn eines Käsers von 1600 Franken. Der Lohn habe sich verdreissigfacht – der Käse ist nur achtmal so teuer wie im Jahr 1916.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch