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Gesunde Ergänzungen im Überfluss

An der Vitafoods in Genf überbieten sich die Aussteller mit ihren gesunden Produkten. Während Probiotika und Omega-Fettsäuren wichtig bleiben, sind pflanzliche Proteine der Renner.

von Roland Wyss

Steffen Schmidt und Daniel Reheis, Artgerecht.
Glenn de Vile, Bloom.

An der Nahrungsergänzungsmittelmesse Vitafoods in Genf sieht man vielleicht nicht gerade die Zukunft der Ernährung, aber zumindest erhält man eine Ahnung davon, welche Themen wichtig werden oder wichtig bleiben. Was wichtig bleibt: Probiotika, Omega-3-Fettsäuren, Zuckerersatz, Vitamine und Mineralstoffe. Was noch wichtiger wird: Pflanzliches Protein, Hanf, verdauungsfördernde und leistungssteigernde Mittel für Körper und Gehirn.
Die Schweizer Aussteller zeigten sich zufrieden mit dem Besucheraufmarsch. Der Eigenmarkenhersteller Domaco aus Lengnau ist mit Hanf im Trend und bot als Neuheit Cannabio Gums an, Pastillen mit dem Hanfwirkstoff Cannabidiol (CBD), mit Vitaminen und Zink an. Diese fanden bei den Besuchern grossen Anklang, wie Marc Huber, Business Development Manager bei Domaco erklärte. Cannabidiol reduziert den Stress, ist entkrampfend, entzündungshemmend und angstlösend. Die Pastillen enthalten cannaQix, das erste hanfbasierte standardisierte Nahrungsergänzungsmittel, das von den beiden Schweizer Firmen Doetsch Grether und Creso Pharma entwickelt wurde. Die cannaQIX®-Pastillen, die sich im Mund auflösen, wirken rascher und sind wirksamer als Tabletten oder Kapseln, die geschluckt werden müssen.

Hersteller Disch teilte sich in Genf mit der Schwesterfirma Joga Med einen Stand. Man sei zum ersten Mal an der Vitafoods, sagte Urs Tschumi, Verkaufsleiter von der Firma Joga Med. Präsentiert wurde als neues Produkt «Smart Supp Muscle Gums», mit Aminosäuren für den Muskelaufbau, für Sportler, die ihren erhöhten Proteinbedarf decken wollen. Das Produkt wird bereits bei Coop, Müller und in Apotheken verkauft. Ebenfalls im Bereich der Sportlernahrung produziert Disch sogenannte Power Gums für Sponser, die aber vor allem Kohlenhydrate liefern. Schliesslich werden auch Lizenz-Produkte mit der Marke Ricola produziert, Ricola war bis 2015 Besitzerin von Disch und verkaufte die Firma an die Alrupa Finanz Holding, zu der Joga Med schon länger gehört.

Neben dem Disch/Joga Med-Stand fand sich Zile, ein weiterer Schweizer Hersteller, der ebenfalls stark auf OTC (over the counter), also nicht rezeptpflichtige Produkte für den Export setzt, wie Verkaufsleiter Nicolas Fuchs erklärte. Das Sortiment umfasst Produkte gegen Halsschmerzen, für die Gewichtskontrolle, für Energiezufuhr und weitere Anwendungen.

Walliser Edelweiss-Pastillen

Aus dem Wallis, genauer aus Conthey, stammt die Firma Pharmalp, die eng mit der Forschungsanstalt Agroscope am dortigen Standort zusammenarbeitet und beispielsweise die «Pastilles des Alpes» produziert, Pastillen, die gegen Halsweh wirken und neben Akaziensaft (Gummi arabicum) und Zink Schweizer Biokräuter enthalten: Zitronen­thymian, Holunderblüten, Aronia und Edelweiss. Die Pastillen werden ausschliesslich aus Biopflanzen und Biofrüchten hergestellt. Den Pastillen wird kein zusätzlicher Zucker zugeführt und sie sind auch vegan, sagt Firmenchef Philipp Meuwly.
Mit edlem schwarzem Stand und ebensolchen Produkten fiel die deutsche Firma Artgerecht auf. Ihr Konzept: Nahrungsergänzungsmittel als kompromissloses Lifestyle-Produkt. «Unsere Produkte sind natürlich, ohne Zusatzstoffe und biologisch», sagte Geschäftsführer Steffen J. Schmidt. «Amin» beispielsweise enthält nebst Akazienfasern und Beerenpulver 21 verschiedene Aminosäuren, die aus Gemüse fermentiert werden. Das Produkt L-Ferrin besteht aus Lactoferrin, das aus Kuhmilch gewonnen wird und antibakteriell wirkt. Das Laktoferrin wird nach einer patentierten eigenen Methode fast 100-prozentig aufgereinigt und wirkt so zehn Mal stärker. Es ist auch nicht ganz günstig: 400 Gramm von dem Pulver kosten 108 Franken. Artgerecht führt daneben auch eine Medical-Linie für Apotheken. Man konzentriere sich einstweilen darauf, in der DACH-Region weitere Händler zu finden, sagte Schmidt.

Besser als Sojadrink

Es soll Menschen geben, für die Essen nur ein lästiger Zeitverlust ist. Sie werden glücklich mit einem Getränk, das sämtliche notwendigen Nährstoffe enthält. In den USA ist das Produkt «Soylent» auf Sojabasis mit offenbar zweifelhaftem Geschmack schon länger auf dem Markt und erfreut sich bei gestressten Silicon Valley-Nerds grosser Beliebheit. Der junge Holländer Glenn de Wild begegnete Soylent und fand, das gleiche müsste mit besserem Geschmack möglich sein. Sein Produkt heisst «Bloom» und erinnert geschmacklich und von der Textur her an Porrigde. Die Basis ist denn auch 60 Prozent Hafer, dazu kommen Protein von braunem Reis, Vitamine und Mineralstoffe.

Ebenfalls aus den Niederlanden stammt die Firma Merba, die eine Alternative zu Proteinbars präsentierte: Die Granola Bites. Während normale Proteinriegel üblicherweise mit Glukosesirup zusammengeklebt werden, enthalten Granola Bites überhaupt keinen Zucker. Wie die Bites zusammengehalten werden, sei das grosse Geheimnis, sagte Vertriebsleiter Markus Kohl. Das Produkt enthält 28 Prozent Proteine. Spar beginnt das Produkt im August anzubieten, auch Migros sei sehr daran interessiert gewesen, sagte Kohl. Die Bites gibt es in verschiedenen Geschmackssorten, mit Blaubeeren, Haselnuss oder Kokos-Schokolade.
Das israelisches Startup «Heylo» stellte das gleichnamige Produkt vor, einen Ersatzstoff für Zucker, aus Stevia und Pflanzenfasern. Damit könne man Zucker um bis zu 100 Prozent ersetzen, sagte Marketingchefin Lilach Bar Tal. Heylo ist 10 bis 15 Mal süsser als Zucker und ist in den USA bereits erhältlich, in verschiedenen Varianten als Bioprodukte oder mit Vitaminen. Man sei auch mit einem grossen Lebensmittelhersteller am Verhandeln, sagte Bar Tal. Jetzt sei man das erste Mal in Europa und hoffe auch hier Fuss zu fassen.
Auch die spanische Firma Baïa Food Co. hat das Ziel, den Zucker zu reduzieren. Ihr Produkt, das Wunderbeeren-Pulver, wird aus der westafrikanischen Wunderbeere gewonnen. Die Wunderbeere wird traditionellerweise genutzt, um den Geschmack von sauren oder bitteren Speisen zu verbessern. Für den betreffenden Stoff, das Miraculin, hat Baia bei der europäischen Lebensmittelsicherheitsagentur EFSA ein Bewilligungsgesuch als Novel Food eingereicht, wie Baïa-CEO Loan Bensadon erklärte. Um bereit zu sein, wenn das Gesuch irgendwann hoffentlich angenommen werde, suche man jetzt nach Produktions- und Vertriebspartnern. Bei Baïa engagiert ist auch Hans Peter Werder, Chef von HPW, der in Ghana eine Verarbeitungsfirma für tropische Früchte führt und jeweils in Köln an ISM anzutreffen ist.

Glutenspalter und Teekapseln

Die britische Firma Bis Ltd. präsentierte «EatEnjoy», ein Produkt, das es Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit erlaubt, glutenhaltige Produkte zu essen. Es enthält eine Mischung aus proteolytischen Enzymen, die es der Verdauung ermöglichen, die Glutenproteine effektiv aufzuspalten. Das Produkt wird ab Juni in Grossbritannien verkauft und kenn derzeit online bestellt werden.
Ein Hauch vom anhaltenden Kaffeekapsel-Boom war auch an der Vitafoods zu spüren, allerdings mit Tee. Die griechische Intermed SA bietet mit «Herbofix» vier verschiedene Teesorten in Nespresso-Maschinen-kompatiblen Kapseln an – für vier Anwendungen: «Relaxation» (Entspannung) mit Zitronengras, Hopfen und Zitronenmelisse, «Energy» (Energie» mit Ginseng, Rosmarin und Mate, «Digestion» mit Kurkuma, Fenchelsamen und Zitronenverbene und «Respiratory» (Atmen) mit Elderberry, Pfefferminze und Alant.

Einen prominenten und aufwendigen Auftritt hatte in Genf die Schlafbeere Ashwaganda, eine wichtige Pflanze der ayurvedischen Medizin. Die indische Firma Ixoreal Biomed, von der Pflanzung bis zur Vermarktung voll integriert, vermarktet mit KSM-66 einen hoch konzentrierten Ashwaganda-Wurzelextrakt, der in einem eigens entwickelten Extraktionsprozess ohne Alkohol oder andere chemische Lösungsmittel gewonnen wird. Die Wirkungen der Schlafbeere werden als vielseitig angepreisen – Sie wird empfohlen gegen Entzündungen, Impotenz, Altersgebrechen oder Schlaflosigkeit.
roland.wyss@rubmedia.ch