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Alles anders – und doch vieles gleich

Auch die Milchwirtschaft spürt die Pandemie, allerdings nicht alle Beteiligten in gleich starkem Ausmass. Besonders viel Änderung bringt das Virus Sars-CoV-2 in der Aus- und Weiterbildung der MilchtechnologInnen.

von Patrick Hischier, Schweizerischer Milchwirtschaftlicher Verein SMV

Der Milchtechnologe Malik Jüni bei der Arbeit - mit Maske. (Bild zvg)

«Corona» versetzt derzeit beinahe die gesamte Welt in eine kaum vorstellbare und teilweise noch nie gewesene Lage. Die Schweiz blieb für einmal kein Sonderfall, sondern bekam ebenso einschneidende Massnahmen verordnet wie ringsherum. Während Plätze, Strassen und Verkehrsmittel quasi menschenleer wurden, standen und stehen die Menschen in den Supermärkten Schlange. Und die Regale bleiben gut gefüllt.

Die Produktion läuft weiter

Dass der produzierende Sektor in dieser Pandemie-Situation eher auf der Gewinnerseite steht, vermitteln Geschichten wie jene im «Blick» von Schwingerkönig Nöldi Forrer, der in seiner Käserei in Rufi eher noch mehr Käse verkaufen könne als zuvor. Die andere Wahrheit ist, dass es sich «natürlich bemerkbar macht, dass die Restaurants und Hotels fast alle geschlossen haben», sagt Käsermeister René Ryser, Geschäftsleiter der Molkerei Gstaad. «Und die Kundenfrequenz im Lädeli ging spürbar zurück», sagt Ryser, «allerdings stieg der Betrag pro Einkauf.» So gesehen sei man mit einem «hellblauen Auge» davongekommen. Kurzarbeit musste nur für das Ladenpersonal angemeldet werden.

In der Produktion braucht es weiterhin das gesamte Personal. Zwar musste bei den grossen industriellen Betrieben die Produktion für gewissen Produkte für die Gastronomie eingestellt werden, aber insgesamt ist die Nachfrage leicht gestiegen. Im beruflichen Alltag brachte vor allem das Abstand-Halten eine merkbare Veränderung, wenn nun die Plätze in Kantinen und Pausenräumen eingeschränkt sind. Die Produktionshallen dagegen sind sowieso Hygienezonen.

Das Programm auf den Kopf gestellt

In der Aus- und Weiterbildung hat das neue Coronavirus deutlich mehr Einfluss. «Das Programm musste seit dem Lockdown komplett umgestellt wer­den», sagt Ruth Huber, Berufsbildnerin der Milchtechnologen und Anlageführer bei Emmi in Ostermundigen. Da aufgrund des «social distancing» die Anzahl Personen pro Fläche verringert werden musste, konnten die Lernenden ihre Praxisbildner nicht mehr überall begleiten. Deshalb seien die Lernenden an die Produktionslinien eingeteilt worden, also «voll involviert im Tagesgeschäft». Malik Jüni, Milchtechnologe im 3. Lehrjahr bei Emmi in Ostermundigen, sieht darin eine Möglichkeit, «der Firma nun etwas zurückgeben zu können.» Bevor die Praktischprüfung des Qualifikationsver­fahrens (QV) ansteht, geht es rechtzeitig wieder zurück zur Prüfungsvorbereitung.

Auf den Kopf gestellt wurde auch die Administration hinter ebendiesen Praktischprüfungen. Nachdem das Staatsskreatariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI grünes Licht gab für eine «normale» Durchführung im Lehrbetrieb und in Anwesenheit von Experten, konnte der Schweizerische Milchwirtschaftliche ­Verein (SMV) als verantwortliche Organisation der Arbeitswelt (OdA) die Prüfungsplanung ­fertigstellen. Teilweise mussten Experten umgeteilt werden, natürlich änderten einige Termine und die Hauptexperten erhalten neu jeweils Masken für alle Anwesenden an der Prüfung.

Grosse Herausforderung für die Schulen

Am meisten Zugzwang verspürten die Berufs- und Fachschulen. Knall auf Fall hatte der Unterricht über Distanz zu erfolgen. «Die grundsätzlichen technischen Voraussetzungen haben wir seit ein paar Jahren in der Grundbildung und Höheren Berufsbildung eingerichtet», sagt Philipp Ruckli, Prorektor am Berufsbildungs­zentrum Natur und Ernährung (BBZN) in Sursee. Die Schülerinnen und Schüler hätten bereits Erfahrungen mit den nötigen Programmen, «aber vollständig auf Distanzunterricht umzustellen, ist mit einem grossen Aufwand verbunden.» Eigentlich bedinge es einen kompletten Neuaufbau des Unterrichts, damit die Inhalte mit der neuen Übermittlungsform zusammenpassten. Sofern die Technik überhaupt mitspielt: «Technische Störungen wirken sich sofort auf den Unterricht aus», musste Ruckli erfahren.
Obwohl landesweit Lehrpersonen und Lernende in den letzten Wochen Videokonferenzen durchführten, bleibt die Interaktion untereinander oft auf der Strecke. Während die Milchwirtschaft also rasch Wege gefunden hat, um die weitere Verbreitung des Virus wirksam zu stoppen, bleibt die Frage: Wann ist persönlicher Kontakt wie vor «Corona» wieder möglich?