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«Beim Milchpreis muss noch etwas gehen»

Markus Ritter, der Präsident des Schweizer Bauernverbandes, ist zu­versichtlich, dass die Landwirtschaft über Corona hinaus an Bedeutung gewinnen wird. Und er kämpft weiter für einen höheren Milchpreis.

von Roland Wyss-Aerni

«Landwirtschaft und Verarbeiter haben ein gemeinsames Ziel: hochwertige Lebensmittel verkaufen, zu kostendeckenden Preisen.»

alimenta: Trotz oder gerade wegen Corona: Für die Schweizer Landwirtschaft war 2020 insgesamt ein erfreuliches Jahr, oder?

Markus Ritter: Spannend war, wie sich der Absatz in den verschiedenen Kanälen änderte. Der Detailhandel und die Direktvermarktung haben profitiert und mehr ­verkauft, weil die Restaurants länger geschlossen waren. Es wurden mehr regionale Lebensmittel gegessen und mehr saisonal eingekauft. Ich gehe davon aus, dass deutlich weniger importierte Lebensmittel verkauft wurden. Und ja, die Landwirtschaft hat insgesamt eher profitiert.

Wird der Einkaufstourismus wieder auf das Vor-Corona-Niveau steigen?
Nachdem die Grenzen wieder aufgingen, blieben 10 bis 15 Prozent des Mehrumsatzes mit Schweizer Produkten hängen. Die Menschen wurden anscheinend sensibilisiert und haben teilweise neue Gewohnheiten angenommen, auf dem Markt eingekauft oder in einem nahen Hofladen. Ich denke, das wird eine Weile so bleiben.

Sprechen wir über Agrarpolitik: Der SBV stört sich daran, dass in der Agrarpolitik 22+ keine verbindlichen Regeln für ökologische und soziale Anforderungen an importierte Lebensmittel formuliert sind. Gleichzeitig hat der SBV die Konzernverantwortungsinitiative abgelehnt, wo es doch gerade um ökologische und soziale Anforderungen ging. Ein Widerspruch!
Das ist nicht das Gleiche. Bei der Konzernverantwortungsinitiative haben uns vor allem die Haftungsregeln gestört: Eine Schweizer Firma mit Töchtern oder Zulieferern im Ausland hätte nach Schweizer Standards haften müssen. Man kann aber kaum Schweizer Regelungen im Kongo, Nigeria oder sonstwo durchsetzen. Auch die Beweislastumkehr war ein Problem.
Bei der AP 22+ geht es darum, dass bei künftigen Freihandelsabkommen soziale und ökologische Kriterien für importierte Lebensmittel thematisiert werden. Beim Abkommen mit Indonesien hat der Bundesrat das gut gemacht, es sollte künftig bei allen Abkommen so laufen.

Ein Argument des SBV gegen die AP 22+ ist, dass der Selbstversorungsgrad sinken würde. Ist man da nicht etwas fixiert auf den Selbstversorgungsgrad? Entscheidend ist doch, dass die Bauern genug Wertschöpfung erzielen?
Der Selbstversorgungsgrad ginge mit der AP 22+ um acht Prozent zurück, das Sektoreinkommen ebenfalls. Weil eben das landwirtschaftliche Einkommen wesentlich vom Selbstversorungsgrad abhängt. Weniger in der Schweiz produzieren heisst mehr importieren, das kann nicht das Ziel der Agrarpolitik sein.

IP-Suisse und Bio Suisse – die zusammen immerhin fast die Hälfte der Schweizer Bauern vertreten – akzeptieren die AP 22+ als Diskussionsgrundlage, sie möchten bei der Ökologie rascher vorwärtsmachen. Sind die alle falsch gewickelt?
Wir haben 85 Mitgliedsorganisationen, darunter Bio Suisse und IP-Suisse. Alle können sich in unseren Gremien einbringen. Unsere Position ist in einem demokratischen Prozesss zustandegekommen. Nicht alle Mitglieder der beiden Verbände teilen die Haltung der Verbandsspitzen. Wir waren zuerst für eine Rückweisung der AP 22+, im September hat sich die Landwirtschaftskammer der Meinung der Wirtschaftskommission des Ständerats angeschlossen, dass man die AP22+ sistiert und ein Postulat einreicht. Das ist ein pragmatischer Weg.

«Mehr importieren kann nicht das Ziel der Agrarpolitik sein.»

Das wichtigste kurzfristige Ziel ist die Ablehnung der beiden Gewässerschutz-Initiativen in der Volksabstimmung vom Juni. Sind Sie sicher, dass diese abgelehnt werden?
Sicher ist man nie. Ich denke, wir können der Bevölkerung gut erklären, dass die Parlamentarische Inititative die bessere Lösung ist. Die Volksinitiativen sind zu extrem und würden nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Verarbeitung und Konsumenten stark betreffen.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Schweizer Landwirtschaft und Verarbeitern?
Verarbeiter und Handel sind Partner. Die Zusammenarbeit funktioniert in vielen Bereichen gut, in manchen ist es schwieriger. Das ist normal, denn die Interessen sind unterschiedlich. Das gemeinsame Ziel ist, hochwertige Lebensmittel zu verkaufen,
zu kostendeckenden Preisen. Gemeinsam müssen wir die Konsumenten überzeugen, dass die Schweizer Lebensmittel, die höchsten Qualitätsansprüchen genügen, ihren Preis und ihren Wert haben.

Das tönt gut. Aber im Milchmarkt zum Beispiel ist der Umgangston oft ziemlich ruppig.
Der Milchmarkt ist speziell, dort hatten wir immer die grössten Konflikte. Bei der Milchproduktion kann die Landwirtschaft ihre Kosten am wenigsten decken, diese sind relativ hoch und man ist lange mit Investitionen gebunden. Im Milchmarkt wurde auch der Grenzschutz teilweise abgebaut. Interessant ist, dass die grossen Milchverarbeiter zum Teil der Landwirtschaft gehören, aber auch dort lassen sich die Probleme nicht immer lösen.

Der Streit um die Butterimporte war ein «Theater». Es ist doch erfreulich, wenn Schweizer Käseexporte trotz Corona gut laufen. Etwas Butter importieren ist doch viel weniger schlimm, als wenn Butterüberschüsse den ganzen Markt belasten?
Zwei Punkte haben zu den harten Diskussionen geführt. Im Vorfeld wurde uns erklärt, dass die Marke «Die Butter» nicht für importierte Butter verwendet wird. Und dann wurde trotzdem EU-Butter unter «Die Butter» verkauft – ohne dass es auf der Packung klar deklariert wurde. Das hat uns gestört. Eine erfolgreiche Markenpolitik muss glaubwürdig sein!
Störend war auch, dass sehr viel Butter importiert werden musste, aber der Milchpreis sich erst spät und schwach nach oben bewegte. Wenn in der Proviande grosse Fleischimporte bewilligt und dann ge­tätigt werden, dann steigen die Preise für Schweizer Fleisch – das war hier aber nicht der Fall.

Die Schweizer Milchproduzenten SMP sind die Interessenvertretung für die Milchbauern, sie entscheiden auch in der BO Milch mit. Weshalb meldet sich der SBV jeweils mit eigenen Stellungnahmen, die teilweise noch schärfer sind als diejenigen der SMP?
Wir haben sehr intensive Diskussionen um die Milch. Im Bereich der Markenpolitik «Die Butter» haben wir uns mit der SMP abgesprochen. Wir sind uns auch einig, dass die Milchbauern ihre Preise besser am Markt sollten durchsetzen können. Wir haben die SMP auch immer informiert, wenn der SBV eine eigene Position hat in diesen Fragen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Milchpreise in der konventionellen Milch die Produktionskosten bei weitem nicht decken, das wird auf die Länge nicht funktionieren.

Immerhin hat der BO Milch-Vorstand den A-Richtpreis für ein halbes Jahr auf 73 Rp angehoben, die Differenz zum EU-Milchpreis ist gross wie nie. Man kann ja nicht einfach komplett am teilliberalisierten Markt vorbei die Milchpreise erhöhen.
Aber wir haben auch beim Fleisch oder beim Getreide regelmässige Importe und trotzdem viel höhere Preise. Bei der Milch gibt es auch eine Preisdifferenz, aber diese reicht nicht, um die viel höheren Schweizer Kosten zu decken. Wir sehen auch, dass die Margen bei den Schweizer Milchverarbeitern und beim Detailhandel viel grösser sind als im Ausland. Die gegenwärtige Situation wird der SBV nie akzeptieren, solange ich Präsident bin. Beim Milchpreis muss in den nächsten Jahren noch etwas gehen.

Der Bund hat im Dezember einen Bericht zur Swissness-Gesetzgebung publiziert. Der Bauernverband schrieb dazu, die Swissness sei wichtig, sie ermögliche es der Landwirtschaft, an der Wertschöpfung verarbeiteter Lebensmittel teilzuhaben. Die Studie, die vom Bundesrat in Auftrag gegeben wurde, setzt aber ein Fragezeichen hinter die Wirkung der Swissness-Gesetzgebung und zeigt, dass nur sehr geringe Mengen dank der Swissness-Gesetzgebung neu in der Schweiz beschafft werden.
Wie sollen sich die Schweizer Landwirtschaft, Verarbeiter und Handel differenzieren, wenn nicht mit Swissness? Das Schweizer Kreuz ist ein sehr gutes und wichtiges Instrument. Deshalb ist Swissness für uns eine der wichtigsten Gesetzgebungen mit langfristiger Wirkung.

«Das Schweizer Kreuz ist ein sehr gutes und wichtiges Instrument.»

Die ausländische Konkurrenz staunt, dass sich die Schweiz mit strengen und komplizierten Regeln selbst Wettbewerbsnachteile schafft.
Für uns bleibt matchentscheidend, dass wir uns positionieren können, auch im Ausland. Niemand ist verpflichtet, das Schweizer Kreuz auf die Produkte zu drucken. Wenn jemand der Meinung ist, es bringe nichts, dann kann er darauf verzichten.

Weltweit werden Abermilliarden investiert in die Entwicklung von Fleisch- und Milchalternativen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Es gibt verschiedene Blickwinkel. Weltweit nimmt der Fleischkonsum immer noch zu. In China und Indien führt ein leicht wachsender Fleischkonsum pro Kopf zu riesigem zusätzlichem Fleischbedarf.
Bezogen auf Europa oder die Schweiz gibt es natürlich Ernährungstrends wie vegetarische Ernährung. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Es ist gut, wenn die Leute bewusster Fleisch und dafür auch wieder alle Teile des Tieres essen, dafür aber stärker auf die Produktionsart und Herkunft achten. Eier und Geflügel sind sehr gefragt, Milchprodukte auch. Beim Fleisch und bei Milch von Raufutterverzehrern müssen wir in der Schweiz zudem kein schlechtes Gewissen haben. Viele Regionen bei uns lassen sich für die menschliche Ernährung gar nicht anders nutzen.