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Säuerliche Reaktionen auf bäuerliche Forderungen

Die Milchbauern fordern ultimativ höhere Milchpreise. Die Milch­verarbeiter wehren sich, verweisen auf die schwierigen Absatzmärkte und beschuldigen sich gegenseitig.

von Roland Wyss

Mit der ultimativen Forderung «Die Milchpreise müssen auf Anfang Juli rauf, sonst ergreifen wir Kampfmassnahmen!» sorgten der Schweizer Bauernverband SBV und die Schweizer Milchproduzenten SMP in der letzten Woche für Aufsehen. Die Hauptaussage: Die Verarbeiter würden immer noch Abzüge für Marktentlastungen oder Importabwehr machen, die inzwischen ungerechtfertigt seien. Der Richtpreis liegt derzeit bei 65 Rappen, die im Schnitt tatsächlich ausbezahlten Preise rund vier Rappen darunter, manche liegen unter fünfzig Rappen. Die Butterlager seien auf Normalniveau, die Milchmenge sei um über 5 Prozent kleiner als im Vorjahr, die internationalen Preise seien am Steigen, sagte Christophe Noël, Vizepräsident der SMP. Es sei deshalb unverständlich, dass die Preise auf einem Tiefstniveau verharrten, das für die Produzenten existenziell bedrohlich sei.

Verständnis für die Bauern, aber kein Spielraum

Die Milchverarbeiter reagieren säuerlich. Alle betonen, der Vorstand der Branchenorganisation Milch habe 2016, als eine Senkung des Richtpreises vom Markt her angezeigt gewesen sei, Goodwill mit den Bauern gezeigt und das Niveau gleich hoch belassen. Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker sagt, die einseitigen Anschuldigungen der Verbände seien ungeeignet, um die Situation zu verbessern. Der Milchmarkt sei nicht im Gleichgewicht, die Überschüsse seien lediglich zurückgegangen. Emmi halte den Richtpreis für A-Milch ein. Teilweise mache man in Absprache mit den Milchproduzenten Abzüge, beispielsweise um Käseimporte abzuwehren. «Wegen dem hohen Schweizer Milchpreis sind in den ersten vier Monaten die Käseimporte angestiegen, der Käseexport ist um 700 Tonnen gesunken», sagt Umiker. Sie hält auch fest, dass die B- und C-Milchpreise schon im zweiten Halbjahr 2016 angestiegen seien. «Emmi hat sich an der letzten BOM-Sitzung für eine Erhöhung des A-Richtpreises ausgesprochen.» Emmi bezahle heute trotz Abzügen und trotz im Vergleich hohen Anteilen von B- und C-Milch einen überdurchschnittlichen Milchpreis,

«das wirft Fragen über die Milchpreissysteme der anderen Marktteilnehmer auf.»

Der Milchpulver- und Babyfood-Hersteller Hochdorf bekundet «sehr grosses Verständnis für die schwierige Lage der Bauern», wie Sprecher Christoph Hug sagt. Man könne aber keine vom Markt abgekoppelten Milchpreise bezahlen. Die Forderung nach Einhaltung des Richtpreises blende aus, dass dieser die ganz unterschiedlichen Produktpaletten der Verarbeiter nicht berücksichtige. Als Pulverhersteller habe Hochdorf eine wichtige Regulierfunktion im saisonalen, aber auch im Wochenrhythmus, mit Kosten, die nicht auf die Kunden überwälzt werden könnten. Ferner seien die Milchpulverpreise international auf sehr tiefem Niveau und würden in der nächsten Zeit auch nicht ansteigen, weil immer noch grosse Mengen in den EU-Interventionslagern seien. Und wie Umiker hat auch Hug einen Seitenhieb auf die Verarbeiterkollegen parat: Für Hochdorf sei Milchpulver das Kerngeschäft. Für Emmi und Cremo sei die Pulverproduktion eher Überschussverwertung, mit der sie Hochdorf mit tieferen Preisen konkurrenzierten.

Cremo schliesslich nimmt die Forderung der Verbände «zur Kenntnis», wie Cremo-Generalsekretär Thomas Zwald sagt. Der ultimative Tonfall sei aber eher kontraproduktiv, Cremeo sehe weder Spielraum noch einen Anlass, das eigene Preissystem zu ändern. Dieses weise Mengen und Preise transparent aus für Fett und für Protein im liberalisierten und im geschützten Bereich. Die Fettpreise seien zwar international angestiegen, mehr als 94 Prozent des Milchfetts werde aber im Inland verkauft, wo sich preislich nichts geändert habe. Und beim Magermilchpulver seien die internationalen Preise leider nach wie vor auf einem relativ tiefen Niveau. Das Schicksal der Bauern lasse Cremo nicht kalt, sagt Zwald, man habe 2016 eine Preisuntergrenze festgesetzt und sei den Bauern um insgesamt 5 Millionen Franken entgegengenkommen. Aber so etwas werde in diesem Jahr kaum möglich sein. Das leuchtet ein: Cremo erzielte 2016 einen Jahresgewinn von nur gerade 332 000 Franken. Den Hinweis, dass Cremo mit Preisen weit unter dem A-Richtpreis das Preisniveau generell nach unten ziehe, lässt Zwald nicht gelten. Das SMP-Milchpreismonitoring zeige, dass Cremo beim bezahlten A-Preis verhältnismässig gut abschneide.

Beim Mischpreis aber, der B- und C-Preise enthält, liegt Cremo am untersten Ende des Spektrums. Elsa bezahlt als einzige Molkerei tatsächlich den A-Richtpreis von 65 Rappen, produziert aber auch weder Butter noch Milchpulver. Coop hat angekündigt, auf eigene Faust ab Juli drei Rappen mehr bezahlen zu wollen, so dass Emmi und andere Lieferanten den Mehrpreis anteilsmässig an die Milchbauern weitergeben müssten. Hochdorf-Sprecher Christoph Hug hat einen Vorbehalt: Coop spreche dabei nur von Frischmilchprodukten. Unklar sei noch, ob Milchpulver für Schokolade von der Coop-Tochter Halba auch davon profitieren würde. Sonst ginge Hochdorf und deren Milchproduzenten dann wieder leer aus.
roland.wyss@rubmedia.ch