Datum: Branche:

Innovative Schweizer an der ISM

Die Welt der Snacks und Süssigkeiten zeigte sich an der ISM Köln so bunt wie nie. Die Schweizer versuchten, mit Functional Food, Ruby-Schoggi und Tradition zu punkten – und holten gleich zwei Innovationspreise.

von Stephan Moser

La vie en rose: Die Ruby-Schokolade hat an der ISM in Köln Einzug gehalten. (Bild: zVg)
100 Prozent Fruch - und sonst nichts: Die Fruit Roll-ups von HPW holten Gold bei den Innovationspreisen. (Bild mos)
Bronze bei den Innovationspreisen gabs für den Cannabis-Kaugummi von Roelli Roelli. (Bild mos)
Süsses selbermachen: mit den Gummibärchen-Kits von Alexandra Bisaz ein Kinderspiel. (Bild mos)
Der deutsche Detailhandel interessiert sich für ihren Snack «Pufinos»: Thomas Gähwiler und David Chamela von Toda Suisse. (Bild mos)
Das Minor-Finezza ist mit einer dünnen Schicht Ruby-Schoggi überzogen. (Bild mos)
Pierre-Yves Benoist, Exportmanager beim Chocolatier Favarger, setzt auf Tradition, Handwerk und hochwertige Produkte. (Bild mos)
Der Brexit sorgt beim Schoggiproduzenten Gysi AG für «hartnäckige Unsicherheit», sagt Patron Thomas Gysi. (Bild mos)
Koschere Schweizer Schokolade, Packung mit Scherenschnitt-Design: Emanuel Schmerling von Milkboy. (Bild mos)

Vom 27. bis 30. Januar war Köln wieder die Welthauptstadt der Snacks und Süssigkeiten. Über 38000 Fachbesucher und 1661 Aussteller aus 76 Ländern verzeichnete die ISM, die internationale Messe für Süssigkeiten und Snacks. Mittendrin die Schweizer Produzenten. Am Gemeinschaftsstand von Switzerland Global Enterprise (S-GE) in Halle 4.2 präsentierten 15 kleine und mittelständische Unternehmen auf total 400 Quadratmetern ihre Produkte und Neuheiten. «Damit ist unser Stand gleich gross wie letztes Jahr», sagte Valentin Diethelm von S-GE. Verschiedene Schweizer Firmen wie etwa Ricola, Kambly oder Camille Bloch traten mit eigenen Ständen auf. Die Schweizer betonten praktisch unisono, wie wichtig die ISM für die Kundenpflege sei.

Mini-Törtli im Adventskalender

Die Mini-Bündner-Törtli der Conditoria Sedrun verkaufen sich weltweit inzwischen so gut, dass Patron Reto Schmid Bauland gekauft hat, um die Produktion auszubauen, wie er gegenüber alimenta verriet. In Köln präsentierte er neue Verpackungen, die er auf Kundenwunsch entwickelt hat: eine Mix-Box mit allen acht Geschmacksrichtungen sowie eine Zweierpackung aus Karton, die in Snackautomaten passt. Sein Kunde will damit Automaten europäischer Firmen in China bestücken. Brandneu auch Schmids Adventskalender, gefüllt mit Mini-Törtli, einem Lebkuchen am Samichlaustag und einer Nusstorte am 24. «Den Kalender konnte ich bereits an eine amerikanische Supermarktkette verkaufen», sagte Schmid. Das Titelbild des Kalenders ist nach Kundenwunsch personalisierbar.

Personalisierung ist auch bei Camille Bloch ein Thema, allerdings geht das Unternehmen noch einen Schritt weiter. Es hat ein portables Graviergerät entwickelt, mit dem sich individuelle Botschaften direkt in die Schokolade eines Ragusa eingravieren lassen, wie Tamara Tschantré, Projektleiterin Marketing und Verkauf, erklärte. Bisher kam die Maschine im Besucherzentrum in Courtelary zum Einsatz. Pünktlich zum Valentinstag testet Camille Bloch das mobile Graviergerät nun vom 7. bis 9. Februar in der Migros-Filiale Marin-Centre. Dort können Kundinnen und Kunden ihre persönlichen Liebesgrüsse ins Ragusa der Geschenkpackung gravieren lassen.

Hug und Maestrani setzen auf Ruby

Rosa, rosa, rosa: Am Stand von Barry Callebaut hatte die 2017 lancierte rosa Ruby-Schoggi ihren ersten Auftritt an der ISM. Das Besucherinteresse am «vierten Schokoladentyp» war gross. Die rosa Welle ist aber noch nicht in grossem Stil auf die Branche übergeschwappt. Laut Callebaut führten aber mindestens elf Marken in Köln Produkte mit Ruby-Schoggi ein. Mit dabei sind auch zwei Schweizer Unternehmen. Als erster Biscuithersteller weltweit bringt Hug ein Guetsli mit Ruby-Schokolade in die Regale – in Form eines «Choco Petit Beurre Ruby». Das Biscuit kommt im März in der Schweiz auf den Markt (siehe S. 12–13).
Eine dünne Schicht Ruby-Schoggi findet sich auch auf dem neuen Minor-Schoggistengel Finezza, den Maestrani in Köln vorstellte. Das Ruby-Minor, ab März erhältlich, bleibt aber eine einmalige Limited Edition, wie Exportmanager Marcel Koller erklärte. Die Trend-Schoggi und die auffällige rosa Verpackung sollen den Markt beleben und dem Minor Schub verleihen. Dem gleichen Zweck dient das ebenfalls limitierte Minor Intenso mit gerösteten Haselnusssplittern
Gar nichts mit Ruby anfangen kann hingegen Pierre-Yves Benoist, Exportmanager beim Genfer Traditions-Chocolatier Favarger: Zu süss und geschmacklich kein Gewinn, so sein Urteil. Mit Tradition (es gibt Favarger seit 1826), Handwerk und hochwertigen Produkten versuche sein Unterernehmen, sich auf dem Exportmarkt gegen die Konkurrenz der Grossen zu behaupten, sagte er.

Mais-Snack bei Lidl gestartet

Die ISM bietet in der Halle 5.2 auch Start-ups eine Bühne. Zwei junge Schweizer Firmen nutzten die Chance. Gerade mal drei Zutaten haben die «Pufinos», ein Mais-Snack, den die Zürcher Firma TODA Suisse gross herausbringen will: Maisgriess, Salz, Sonnenblumenöl. Daraus entstehen im Extruder luftige Flips. Produzieren lassen Thomas Gähwiler und David Chamela in Rumänien; dort hat der Snack unter dem Namen Pufuleti eine jahrzehntelange Tradition. «Im Gegensatz zu den rumänischen Produkten kommen unsere Pufinos ohne Palmöl und Zusatzstoffe aus», sagte Gähwiler. Auch sei ihre Verpackung mit dem Dinosaurier attraktiver. In der Schweiz gibt’s den Snack seit Anfang Jahr bei Lidl, die 100-Gramm-Tüte kostet 1.95. «Wir waren innert Tagen ausverkauft.» An der ISM knüpften die Unternehmer wichtige Kontakte. «Wir hatten unter anderem den gesamten deutschen Detailhandel am Stand», sagte Gähwiler.

«Mach deine eigenen Gummibärchen»: Das ist das Motto von Alexandra Bisaz. Die Besitzerin der Schweizer Lolipop-Läden ist seit Jahrzehnten im Süssigkeitengeschäft. Seit gut einem Jahr verkauft sie unter dem Label «Mr. Candy Baker» Sets, mit denen man zuhause selber Gummibärchen herstellen kann. «Pulver mit heissem Wasser anrühren, in die beiliegende Form giessen, 20 Minuten in den Kühlschrank. Fertig.» Neben Bärchen lassen sich mit ihren Sets unter anderem auch Einhörner, Dinos und Meerjungfrauen selbermachen. Produzieren lässt sie in Deutschland. Zu kaufen gibt’s die Produkte in den Lolipop-Läden sowie in ausgesuchten Süssigkeitenläden in den USA und England. Der spielerische DIY-Ansatz von «Mr. Candy Baker» hatte an der ISM Seltenheitswert und zog viele Interessierte an.

Beliebte Ursprungs-Schokoladen

Drei Schoggi-Trends, die sich auf der ganzen ISM zeigten, sind auch bei den Schweizer Produzenten spürbar: bio, vegan und Single-Origin-Schokolade. «70 Prozent unserer Produkte sind bio, die Biofach ist für uns inzwischen schon fast wichtiger als die ISM», sagte Javier Parra, Key Account Manager bei Chocolat Stella Bernrain, die hauptsächlich für Private-Label-Kunden in 65 Ländern produziert. Auch Maestrani verfolge den Bio-Trend, heisst es am Stand der St. Galler. Chocolats Halba, eine Tochter von Coop, hat neben Bio-Schoggi auch CO2-neutrale Schokoladen im Angebot.

Stella Bernrain hat ihre vegane Linie um eine Tigernuss-Schokolade erweitert. Die Tigernuss, auch Erdmandel genannt, dient als Milchpulverersatz, Mandelcroquant und Cranberries sorgen für den Geschmack. Eine starke Nachfrage gebe es nach Herkunftsschokolade, sagte Natalia Wunderlin, Leiterin Produktmanagement von Halba, also nach Schokolde, für die nur Kakao aus einem Anbauland verwendet wird. Auch Stella Bernrain setzt auf Herkunftsschokoladen. Auch Zuckerreduktion ist ein Thema. Chocolat Stella Bernrain stellte eine zuckerfreie Linie mit vier Schokoladen vor, die mit Maltitol gesüsst werden. Zuckerfrei sei vor allem im mittleren Osten ein Thema, wo Übergewicht ein Problem sei, sagte Javier Parra, und fügte pointiert hinzu: «Wer eine gute dunkle Schokolade kauft, hat automatisch weniger Zucker.» Der Schoggikonsum sei in der Schweiz rückläufig, sagte Parra, deshalb seien in der Branche Innovationen und spannende Zutaten gefragt.

Seit Jahren an der ISM ist der Berner Schoggihersteller Gysi AG. Der Fokus lag dieses Jahr auf Likör-Produkten: vom klassischen Kirschstängeli bis zur quadratischen Schnapspraline mit Cocktailfüllung. «Unsere Privat-Label-Kunden können Format, alkoholische Füllung und Finish frei wählen», sagte Chef Thomas Gysi. Wichtigster Exportmarkt des Unternehmens ist Grossbritannien. Der Brexit sorge für eine «hartnäckige Unsicherheit». Viel mehr als warten könne man jedoch nicht.

Koschere Konfektschalen für die Welt

Ein «Exot» an der ISM ist die Glarner Feingebäck AG, wie Inhaber Ulrich Fäs selber sagte. Er produziert seine Tartelettes nämlich nicht für den Einzelhandel, sondern für Firmen, die ihrerseits Hotels, Restaurants und Catering-Betriebe beliefern. Zu den Märkten gehören die USA, Taiwan und der mittlere Osten. Dass sich Fäs mit einem austauschbaren Produkt, das im Ausland billiger produziert wird, am Markt behaupten kann, liegt daran, dass er koscher produziert. Damit habe er eine Nische gefunden, die für grosse Produzenten nicht interessant sei, erklärte Fäs. Mit den auffälligen Scherenschnitt-Sujets auf seinen Milkboy-Schokoladentafeln setzt Emanuel Schmerling gezielt auf die Swissness seiner Produkte. Bisher ist er damit vor allem in den USA erfolgreich, wo die Schweizer Milkboy-Schokoladen schon mehrfach ausgezeichnet wurden. Von der ISM erhofft sich Schmerling Zugang zu neuen Märkte.

Honig und Stevia bei Ricola

«Honig ist im Trend», sagte Lukas Eiselin, Kommunikationsverantwortlicher von Ricola. Auf der ISM zeigte Ricola ein Bonbon mit Honig, Zitrone und Echinacea, das in der Schweiz bereits eingeführt ist. Einen Relaunch erlebte das Bonbon Orange-Minze. Es wird neu mit Steviol aus der Steviapflanze gesüsst, zudem wurden auf der Packung erstmals die enthaltenen ätherischen Öle ausgelobt.
Mit Argusaugen durch die Messe geht jeweils Sevan Nalbandian, Vizedirektor von Chocosuisse. Er hält Ausschau nach ausländischen Produkten, die etwa mit Schweizerkreuzen auf der Packung Swissness suggerieren wollen. Drei, vier Verdachtsfälle habe er entdeckt, denen man jetzt nachgehe, sagte er gegenüber alimenta. Das seien weniger Fälle als in früheren Jahren.
stephan.moser@rubmedia.ch